Fanon beschreibt darin den Kampf unterdrückter Völker um ihre Würde. Das Buch ließ mich erkennen, dass Auflehnung nicht nur notwendig, sondern legitim ist.
Rachid Benzine: "Der Buchhändler von Gaza"
© Piper Verlag
Lesen gegen Gewalt
06:11 Minuten

Rachid Benzine
Aus dem Französischen von Andreas Jandl
Der Buchhändler von GazaPiper Verlag, München 2026128 Seiten
22,00 Euro
Literatur kann Trost spenden und zur Versöhnung beitragen, findet der aus Marokko stammende französische Politologe Rachid Benzine. Er hat nun einen Roman geschrieben, der in Frankreich zahlreiche Auszeichnungen erhielt: "Der Buchhändler von Gaza".
Es ist noch kurz vor dem Terroranschlag vom 7. Oktober 2023, als ein französischer Fotograf nach Gaza reist, um im Auftrag seiner Agentur Eindrücke zu sammeln. Er begegnet einem älteren Mann, von dessen Ausstrahlung er gleich fasziniert ist. Der Palästinenser lebt inmitten von Büchern, teils alten Taschenbuchausgaben aus aller Welt, die er zum Kauf anbietet.
Der Fotograf möchte eine Aufnahme von dem Buchhändler machen. Doch der stellt eine Bedingung: Erst müsse sich der Journalist die Erzählung seines Lebens anhören, damit er sich ein vollständiges Bild machen könne.
Mit Shakespeare, Foucault und Hugo
So beginnt der Buchhändler Nabil, von der Vertreibung seiner Familie 1948 aus ihrem Dorf zu berichten, über das Leben in Flüchtlingslagern, den Sechs-Tage-Krieg 1967 und weitere einschneidende Ereignisse in der jahrzehntelangen Auseinandersetzung zwischen Palästinensern und Israelis.
Nabils Vater war Christ, die Mutter Muslimin. Er selbst war, so stellt er es dar, nie radikal und lehnte Gewalt ab. Trotzdem wurde er nach einem Protest gegen israelische Soldaten zu einer langen Haftstrafe verurteilt.
Dort habe er intensiv gelesen. Von Alexander Solschenizyns „Der Archipel Gulag“ über Michel Foucault bis Doris Lessing und Italo Calvino. Auch Klassiker wie Shakespeare und Victor Hugo zählten zu seiner Lektüre. Ebenso wie der Holocaust-Überlebende Primo Levi.
Was genau die jeweiligen Texte bei ihm ausgelöst haben, bleibt meist eher im Vagen. Ganz deutlich allerdings wird der Einfluss des berühmten Buchs „Die Verdammten dieser Erde“, mit dem Frantz Fanon die Theorie des Postkolonialismus begründet hat: „Dieser wuchtige Text dreht sich um die Entkolonialisierung, und er wurde mein Leuchtfeuer“, lässt Benzine seinen Buchhändler sagen.
In schlichtem Tonfall
Rachid Benzine lässt seinen Buchhändler die acht Jahrzehnte seit der Gründung Israels hochgradig subjektiv und daher zwangsläufig sehr einseitig aus der Sicht eines Palästinensers erzählen. Das Buch ist eine entschiedene, wenn auch nicht besonders aggressive Anklage gegen die Politik des jüdischen Staates.
Eine komplexe Schilderung der historisch-politischen Entwicklungen, die zu der heutigen Lage in Gaza geführt haben, ist es nicht. Der eher schlichte Tonfall, in dem Benzine seinen lesenden Protagonisten Nabil berichten lässt, verleiht dem Roman eine etwas gefühlige, leicht naive Anmutung.
Rachid Benzine wurde 1971 in Marokko geboren und ist in der Nähe von Paris aufgewachsen. Er ist ein prominenter Politologe und Islamwissenschaftler.
„Der Buchhändler von Gaza“ hat in Frankreich große Resonanz gefunden. Der Roman ist eine Beschwörung der Kraft von Literatur. So wie sich der Buchhändler entlang der Schicksalsschläge mit Lektüre aufrecht hielt, so sehr beschwört dieses Buch universelle Gemeinsamkeiten, die durch Lektüre, die Rezeption von Weltliteratur entstehen können. Ein Trostbuch über einen trostlosen politisch-kulturellen Konflikt.










