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Lesart / Archiv | Beitrag vom 18.09.2018

Rachel Cusk über autobiografisches Schreiben"Der Autor steckt da tief mit drin im Geschriebenen"

Rachel Cusk im Gespräch mit Andrea Gerk

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Die kanadische Schriftstellerin Rachel Cusk (AFP / Leon Neal)
Die kanadische Schriftstellerin Rachel Cusk hat mit "Kudos" nun den letzten Teil ihrer "Outline"-Trilogie veröffentlicht. (AFP / Leon Neal)

Die autobiografischen Bücher von Rachel Cusk haben für viel Diskussion gesorgt. Die kanadische Autorin wehrt sich gegen die Vorstellung, ein Romangeschehen hätte mit dem persönlichen Leben des Autors nichts zu tun – so auch in ihrer "Outline"-Trilogie.

Andrea Gerk: Der Mann neben ihr im Flugzeug, eine Autorenkollegin, die er auf einem Literaturfestival begegnet oder die von ihrem Leben als alleinerziehende Mutter überforderte Übersetzerin, egal, wem die Schriftstellerin Faye in Rachel Cusks Roman "Kudos" begegnet, jeder erzählt ihr ungefragt und ungebremst etwas Wesentliches über sein Leben. So entsteht so eine Art Echoraum, in deren Zentrum Faye steht, über die der Leser freilich nur etwas aus den Reden der anderen erfährt.

Drei Romane hat Rachel Cusk aus dieser ungewöhnlichen Perspektive geschrieben. "Outline" heißt die Trilogie, die jetzt mit "Kudos" zum Abschluss gekommen ist. Die 51-jährige Kanadierin, die in London und Norfolk lebt, hat bereits neun Romane und drei autobiografische Bücher veröffentlicht, die für ziemliche Diskussionen in England gesorgt haben. Rachel Cusk zu lesen ist auf jeden Fall ein Erlebnis. Sie ist eine der interessantesten Stimmen der zeitgenössischen Literatur und heute unser Gast. Guten Tag, herzlich willkommen, hello, welcome, Rachel Cusk!

Rachel Cusk: Hello!

"Die meisten Autoren haben sicherlich sehr sensible Antennen"

Gerk: Thank you for being here! Sind Sie eigentlich selbst jemand, der gut zuhören kann?

Cusk: Ja, die meisten Autoren haben sicherlich sehr sensible Antennen, was das betrifft, was die Erzählungen von anderen Leuten betrifft, und was meine Einstellung zum Zuhören betrifft, so ist mir das noch mal deutlich geworden, wie ausgeprägt die ist in den Jahren, als ich kreatives Schreiben unterrichtet habe, und wenn ich dann meine Studenten reden gehört habe, erzählen gehört habe, dann habe ich gesehen, dass sie auch einen ganz eigenen Sinn für diese Form haben, für dieses Literarische, dieses Erzählerische, dass das da rauskommt, und ich fand das interessant als mögliche Form für einen Roman.

Hören Sie hier auch unsere Buchkritik zu dem Roman "Kudos" von Rachel Cusk, dem letzten Teil der "Outline"-Trilogie der kanadischen Autorin:

Gerk: Die Hauptfigur Faye könnte auch eine Psychoanalytikerin sein, habe ich mir gedacht beim Lesen, denn die Perspektive hat ja was davon, als würden die anderen auf der Couch liegen und der Analytiker nur so eine Projektionsfläche abgeben und hin und wieder mal eine Nachfrage einschieben.

Cusk: Eine Idee, die ich anfangs hatte, als ich mir Gedanken über dieses Buch gemacht habe, war ja auch die über den Ursprung des Erzählens, den ich in der "Odyssee" sehe und damit auch den Ursprung dieser psychoanalytischen Konversation. Also wenn man jetzt ein Trauma erlebt hat, den Krieg erlebt hat, Abenteuer, Erfahrungen gemacht hat, die man dann später erst erzählt und hinterher, und das Erzählen ist dann ein heilsamer Prozess, also das Heilen des Schmerzes, indem man über ihn spricht, und das soll ja auch passieren, wenn man zum Therapeuten geht.

Angeblich erfundenes Material

Gerk: In "Kudos" ist Faye ja auch Gast auf einem Literaturfestival, und es treten ganz viele Menschen aus dem Literaturbetrieb auf, die sich da monomanisch erklären. Sind das auch irgendwie Szenen aus Ihrem Leben, die Sie da nachdichten oder sind das alles erfundene Monologe, die diese Menschen da absondern?

Cusk: Eine wichtige Sache, die ich beim Schreiben dieses Buches, dieses anderen Buchs, dieser anderen Art von Roman, im Kopf hatte, war, dass ich gerne die Vorstellung minimieren wollte, dass alles frei erfunden ist, dass der Autor praktisch einen Text schreibt, mit dem er als Person nichts zu tun hat, also eine komplett erdachte Welt, denn normalerweise durchschauen Leser das sehr schnell, sie spüren intuitiv, dass doch der Autor das Geschriebene oft selbst erfahren hat und dass er da tief mit drinsteckt und verwurzelt ist.

Ich wollte mit diesem Theater ein bisschen Schluss machen, mit dieser Show brechen und eindeutig einen Roman einer Autorin schreiben und mal gucken, wie sieht denn das Leben einer Autorin aus und dem Leser nicht so viel angeblich erfundenes Material auftischen. Also die Inhalte, die Themen, die darin vorkommen, auch in dieser Literatur, wie Idealismus, Zynismus, das sind alles Charakteristika, die wahrscheinlich in jeder gesellschaftlichen Ebene auftauchen, also auch hier passend sind.

Vorwurf des Exhibitionismus gegenüber Cusk

Gerk: Sie haben ja auch selbst erfahren, dass das schwierig sein kann in der Rezeption, wenn da zu viel Autobiografisches unterstellt wird, sage ich mal, bei Ihren autobiografischen Essays über Ihr Leben als Mutter, über Ihre Scheidung und so weiter. Das wurde in der britischen Presse ziemlich verrissen, und man hat Ihnen sogar Exhibitionismus vorgeworfen. Ist das auch ein bisschen ein Resultat daraus, versteckt sich die Erzählerin auch ein bisschen, spielen Sie auch deshalb so stark mit dieser Perspektive?

Cusk: Ja, das war ein kleiner Spaß von mir selber, das so zu machen. Also ich habe diese autobiografische Form ja sehr stark benutzt, um weibliche Erfahrungen zu schildern bisher, und das ist ja oft so im Leben einer Frau, dass sie sich mit ihren Erfahrungen so fühlt, als sei sie die Einzige, die das erlebt – Mutterschaft ist ja nur ein Beispiel dafür –, und ich wollte das in einen breiteren fiktionalen Rahmen setzen und zeigen, dass das eine Erfahrung ist, die viele Menschen haben, und um das zu beschreiben, um das glaubwürdig zu beschreiben auf eine ehrliche Art und Weise, muss ich das, meiner Ansicht nach, aus meiner eigenen Perspektive machen, aus einer Ich-Perspektive.

Persönlich schreiben, ohne sich bloßzustellen

Ich sehe es auch so, dass in bestimmten Bereichen die weibliche Stimme heutzutage immer noch sehr stark zensiert ist, dass bestimmte Dinge nicht gehört werden wollen, und diese Art von Ehrlichkeit, die ich interessant fand, bestimmte Dinge anzusprechen, dafür war diese Ich-Perspektive nötig, und die – das habe ich dann festgestellt – war in gewisser Weise selbstausbeutend mit dem Ergebnis. Wenn man jetzt zum Beispiel dann das liest, denkt man, oh, sie ist eine schreckliche Mutter, sie schreibt das auf, sie ist also ein furchtbarer Mensch oder was auch immer, und das war in diesem Sinne eine schwierige Form. Ich habe dann auch daraufhin lange versucht, einen Weg zu finden, diese persönlichen Wahrheiten aufzuschreiben, ohne mich selber so offenzulegen, ohne mich selbst so bloßzustellen, sodass am Ende nicht die Leute immer mich attackieren, sondern das Werk.

Gerk: Aber es ist ja in letzter Zeit, in den letzten Jahren viel über autofiktionales Schreiben diskutiert worden, zum Beispiel im Zusammenhang mit dem Werk von Karl Ove Knausgard, und Sie, finde ich, haben da was sehr Interessantes dazu geschrieben im Vorwort zu Ihren autobiografischen Essays "A Life’s Work", da sagen Sie, dass diese Frage nach Fakt oder Fiktion sowieso eigentlich nur für die Leser interessant sind und für den Autor in dem Moment, wo er das in Sprache übersetzt, das schon eigentlich egal ist. Ist diese ganze Diskussion eigentlich völlig absurd, gibt es sowas wie autobiografisches Schreiben gar nicht, weil die Form schon immer irgendwie eine Art von künstlerischer Übersetzung ist?

"Die Frage nach dem Authentischen ist eine ewige Frage"

Cusk: Diese Diskussion reflektiert ja Themen, die für das Leben aller Menschen relevant sind. Dieser Bereich der Erzählungen, der Fantasie, ist ja auch heutzutage schon teilweise ziemlich außer Kontrolle geraten und beeinflusst oft unsere eigene Wahrnehmung der Realität. Das heißt, Filme oder ähnliche Dinge schaffen Erwartungen, die eigentlich aus dem Bereich der Fantasie stammen, und die Frage nach der Realität ist für Autoren und Schriftsteller natürlich absolut wichtig, wenn man jetzt auch gerade sieht, wie in der Politik plötzlich nichts mehr als wahr gilt und dass das alles so gesagt werden kann, wie man es möchte, was man will, und das sind natürlich fundamentale Grundlagen und Regeln, die jeder Künstler hinterfragt.

Die Frage nach dem Authentischen selbst ist eine ewige, eine dauerhafte Frage, eine Basis, praktisch eine Grundlage auch einer Krise des Erzählens. Viele gehen jetzt dahin zurück, dass Sie sagen, okay, lass uns wirklich nur noch die Wahrheit erzählen, und man kann eben nur von dieser Position aus die Wahrheit erzählen.

Die therapeutische Funktion des Sprechens

Gerk: Ich hatte den Eindruck, die Figuren, die Sie erzählen lassen, sind auch alle in so einer Krise, in so einer Situation, wo sie sich selbst fragen, wer bin ich eigentlich, wie geht das hier weiter und dann ja auch sehr philosophische Gedanken und Themen anreißen. Wird man in Lebenskrisen automatisch zum Philosophen?

Cusk: Vielleicht für manche Menschen, aber sicherlich nicht für alle, aber diese therapeutische Funktion des Sprechens und der Konversation, die wir vorher schon erwähnt haben, ist ja auch interessant zu sehen, dass Leute wirklich Dinge aufarbeiten können und sich teilweise auch selbst analysieren können, wenn sie nur die richtigen Formen der Konversation finden, gute Gespräche haben und dann auch philosophische Positionen zum Leben erlangen können.

Das zeigt sich vielleicht auch in den Themen in meinen Büchern, dass es oft Leute sind, die gezeigt werden fern ihres Zuhauses und dadurch noch mal einen ganz anderen Blick auf ihr eigenes Leben bekommen, sich sozusagen von außen sehen und ihnen Dinge anders klar werden bei solchen Konversationen, als jetzt in einem Alltagsgespräch in der Küche oder so, und das sind dann eben auch die Gespräche, die mich interessieren. Man versucht halt, diesen Dingen dann auch mehr Bedeutung zuzuweisen. Das ist eine natürliche Intuition, die die Menschen dann haben.

Leiden als der wahrhaftigere Weg?

Gerk: Aber ich habe Ihre Trilogie auch ein bisschen als eine Erzählung, eine große Erzählung über das Scheitern gelesen. Ist das auch so ein bisschen ein blinder Fleck in unserer Zeit, wo ja alle so auf den Erfolg fixiert sind?

Cusk: Ich weiß nicht, ob scheitern das richtige Wort ist. Vielleicht eher leiden. Für manche erscheint aber das Leiden vielleicht auch als ein Scheitern, als ein Scheitern des Glücks, was man nicht erreicht hat. Die Frage, die sich hier stellt, ist doch, was dieses Leiden bedeutet. Es ist vielleicht auch eine Form der Ehre, ist das der richtige Weg, ist das der Weg zum Wahrhaftigen, ist es der wahrhaftigere Weg. Das ist ja eine ganz klassische Idee des Leidens, durch das Leiden zur Wahrheit zu finden, und in meinem letzten Roman "Kudos" geht es ja ganz klar um die Frage nach der Ehre und inwiefern man durch das Erlittene auf dem wahrhaftigen Weg ist und bereit ist, dieses Erlittene zu erzählen.

Gerk: Um noch mal auf den Anfang zurückzukommen: Ist Ihnen denn heute oder in den Tagen, die Sie in Berlin sind, schon jemandem begegnet, der Ihnen wieder eine Geschichte erzählt hat?

Cusk: Ich kann hier unmöglich mein Berufsgeheimnis ausplaudern!

Gerk: Dann warten wir auf Ihr nächstes Buch! Thank you, Rachel Cusk, thank you very much!

Cusk: Thank you!

Gerk: Rachel Cusk, vielen Dank, dass Sie hier bei uns waren und danke auch an unsere Übersetzerin Marei Ahmia. Der Roman "Kudos" und die beiden zu dieser Trilogie gehörenden Vorgänger "Transit" und "Outline" sind im Suhrkamp-Verlag erschienen, aus dem Englischen übersetzt hat Eva Bonné, 215 Seiten hat "Kudos", und das Buch kostet 20 Euro.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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