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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 03.04.2019

Rachel Carson: "Magie des Staunens"Vogelgesang statt Mattscheibe

Von Susanne Billig

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Buchcover "Magie des Staunens" von Rachel Carson (Klett-Cotta / picture alliance / dpa)
Rachel Carson (1907 - 1963) hat ihren Essay "Magie des Staunens" nicht selbst beenden können - und ihrem Neffen Roger gewidmet. (Klett-Cotta / picture alliance / dpa)

Rachel Carson ist die amerikanische Vorreiterin der Umweltbewegung. In ihrem Buch "Magie des Staunens" ruft sie dazu auf, Kinder die Natur entdecken zu lassen. Ihre Begeisterung für alles, was kriecht und fliegt, zeigt sich auch in den Illustrationen.

In "Magie des Staunens" nimmt uns Rachel Carson mit in die Wiesen und Wälder ihrer nordamerikanischen Heimat. Sie lädt uns ein, gemeinsam mit ihr die Schönheit eines aufgehenden Mondes zu betrachten, den fremdartigen Lauten der Vögel und Insekten zu lauschen und sich von der fragilen Zerbrechlichkeit der Gräser berühren zu lassen.

Von ihren stundenlangen Exkursionen bei Wind und Wetter erzählt die Umweltschützerin, gerne in Begleitung ihres kleinen Neffen Roger. Die Begeisterung für alles, was kriecht und fliegt, pulsiert auch in den Illustrationen des Buches.

Voller Dynamik und Bewegung

Der weltweit gefragte Naturillustrator Johann Brandstetter setzt in seinen farbigen Aquarellen eine lebendig-kraftstrotzende Natur in Szene, menschenleer, aber voller Dynamik und Bewegung. So hat man den Eindruck, wenn man das brodelnde Meer oder die dunkel an dunkel stehenden Baumstämme betrachtet – immer mit einem Geheimnis in der Tiefe der Bilder.

Rachel Carson hat diesen Essay ihrem Neffen Roger gewidmet. Sie möchte dazu inspirieren, Kinder mit Zeit und Geduld an die natürliche Welt heranzuführen.

Die Fernsehmattscheibe machte sich in den 1960er Jahren, als das Buch entstand, gerade zum Siegeszug in die Wohnzimmer und Köpfe der Menschen auf. Doch "kein Kind", so schreibt Rachel Carson, "sollte aufwachsen, ohne sich des morgendlichen Dämmerchors der Vögel im Frühling bewusst zu sein. Vielleicht stoßen ein paar Kardinäle ihre klaren, schwellenden Pfiffe aus, so als riefe jemand seinen Hund. Dann das Lied der Dorngrasmücke, rein und ätherisch. Abseits in einem fernen Wäldchen setzt eine Nachtschwalbe ihren monotonen Nachtgesang fort. Rotkehlchen, Drosseln, Singammern fallen ein. In diesem Dämmerchor hört man den Puls des Lebens."

Naturerlebnis statt Schlaf

Was seien schon, erklärt die Biologin trocken, ein paar Stunden zu wenig Schlaf für ein Kind gegen den Samen des Fühlens und Staunens, der sich auf einem Streifzug durch die nächtliche Natur in sein Herz pflanzen lasse.

Für ihre kraftvolle poetische Sprache wurde Rachel Carson in ihrer Heimat berühmt. Lange bevor 1962 das Buch "Der stumme Frühling" erschien, das die brutalen Folgen von Ackergiften auf das Gleichgewicht der Natur anklagte.

In den USA führte das Buch nicht nur zu einer heftigen politischen Debatte und schließlich zum Verbot von DDT: Sein Welterfolg überschattete auch das ursprüngliche künstlerische Schaffen Rachel Carsons, das in der großen Tradition des amerikanischen "Nature Writing" steht, mit dem sich auch Namen wie John James Audubon, Henry David Thoreau oder heute Helen Macdonald verbinden.

Den Frieden mit der Natur feiern

Mehr über solche Hintergründe erfährt man in dem sensiblen Nachwort des deutschen Übersetzers Wieland Freund. Er berichtet auch, dass Rachel Carson, schwer und viel zu früh an Krebs erkrankt, "Magie des Staunens" nicht beenden konnte.

Als ihr Essay 1965 in den USA erschien, war die Umweltschützerin bereits seit einem Jahr tot. Es hätte ihr nächstes großes Werk werden sollen. Ein Gegenentwurf zum "Stummen Frühling", der den Krieg hinter sich lässt und Frieden mit der Natur feiert.

Rachel Carson: Magie des Staunens. Die Liebe zur Natur entdecken
aus dem Amerikanischen von Wieland Freund und Andrea Wandel
Klett-Cotta, Stuttgart 2019
88 Seiten, 20 Euro

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