Seit 01:05 Uhr Tonart

Mittwoch, 01.04.2020
 
Seit 01:05 Uhr Tonart

Konzert / Archiv | Beitrag vom 17.03.2020

Quatuor Ébène und Dresdner PhilharmonieWar Beethoven ein sinfonischer Kammermusiker oder umgekehrt?

Moderation: Stefan Lang

Beitrag hören
Büste des Komponisten mit wildem Haar und typisch geknotetem Halstuch. (imago images / United Archives International)
Beethoven-Fans haben sie auf dem Klavier oder im Regal stehen: die Büste des Komponisten (imago images / United Archives International)

Wo liegt eigentlich Ludwig van Beethovens Schwerpunkt? Ist er vor allem Komponist großer Kammermusik, ein Neugestalter der Gattung Quartett? Oder ist er eher der große Sinfoniker? Die Dresdner Philharmonie und das Quatuor Ébène offenbaren die Verknüpfungen.

Es kommt wohl auf den Blickwinkel an! Fragen wir Marek Janowski er hatte die Idee, Quartette und Sinfonien in seinen Konzerten immer wieder zu kombinieren. Man hört: die Fäden der Gattungen kreuzen sich, laufen hin und her, werden groß gedacht und filigran ausgesponnen.

Einflüsse hörbar gemacht

Beethovens Streichquartett op. 59 zum Beispiel beginnt mit sinfonischer Geste, die Vierte Sinfonie birgt dann wiederum Abschnitte kammermusikalischer Feinarbeit. Der Abend lädt zur Spekulation über Ursache und Wirkung ein.

Diplomaten als Musikmäzene

Das Quatuor Ébéne eröffnet den Abend mit dem dritten der sogenannten "Rasumowsky-Quartetten", dem op. 59. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war es in Wien selbstverständlich, dass die Diplomaten aus dem Ausland Kenner der aktuellen Kunst und Musik waren und diese auch großzügig förderten, wie Graf Andrej Rasumowsky.

Alles, was der noch junge Ludwig van Beethoven komponiert hatte, wurde "dort brühwarm aus der Pfanne durchprobiert und nach eigener Angabe haarscharf genau, wie er es ebenso und schlechterdings nicht anders haben wollte, ausgeführt, mit einem Eifer, mit Liebe, Folgsamkeit und einer Pietät, die nur solch glühenden Verehrern seines erhabenen Genius entstammen…", beschreibt der Dirigent Ignaz von Seyfried die Situation im Palais Rasumowsky.

Widmung als Dank

Dort spielte das Schuppanzigh-Quartett, das als Hausensemble fungierte, Beethoven ging als Hauskomponist und -pianist ein und aus. Das Fürstenpalais war damit Arena des Neuen, eine Begegnungsstätte und Experimentierfeld. Beethoven wurde als Überflieger umsorgt, bewundert, seine Schrullen hingenommen. Er hat es genossen und auch reflektiert - er wusste, was er an dem Fürsten hatte.

So widmete er seine drei Quartette op. 59 dem russischen Diplomaten. Im dritten hat er als Reminiszenz und Danksagung sogar eine slawische Melodie, ein ukrainisches Lied, eingewoben.

Die Mitglieder des Ensembles stehen in einem geheimnisvollen, dunklen Raum. (Quatuor Ébène / Julien Mignot)Pierre Colombet, Gabriel le Magadure, Marie Chilemme und Raphael Merlin sind die Mitglieder des Quatuor Ebène. (Quatuor Ébène / Julien Mignot)

Nachdem das Quartett verklungen ist, setzt Dirigent Marek Janowski eine deutlich größer besetzte Sinfonie aufs Programm. Er ist davon überzeugt, dass man nach dem Kammermusikalischen das folgende Werk anders wahrnimmt. "Die Kopplung bedingt eine andere Wahrnehmung.", so der Chefdirigent der Dresdner Philharmoniker. Das Sinfonische sei aus der Kammermusik heraus geformt - so könne man es hören.

Der Dirigent im Porträt hinter einer Scheibe. (Marek Janowski / Andreas Pein)Dirigent Marek Janowski will Beethovens Musik neu hörbar machen. (Marek Janowski / Andreas Pein)

Die Vierte entstand im ähnlichen Zeitraum, wie Beethovens op. 59. Der Komponist schrieb diese Musik, als er unsterblich verliebt in Josephine von Brunswick war. Geschmack und Haltung des Werkes schienen ihm  eine angemessene Zwiesprache in Tönen zu ihr suchen.

Neues Publikum für Quartette

Gefolgt wird die vierte Sinfonie vom sogenannten "Harfenquartett", das Zehnte, das nach dem op. 59 Nr. 3 entstand. Beethoven hatte in der Zwischenzeit die Belagerung Wiens erlebt. Eine neue Zeit kündigte sich an. Das Bürgertum beteiligte sich mehr und mehr an der Musikszene der Stadt. Daher ist das Quartett etwas einfacher gehalten, um dieses Publikum zu erreichen, auch wenn Beethoven es einem weiteren seiner  adligen Mäzene Franz Joseph Maximilian von Lobkowitz widmete.

Der Beiname stammt nicht von Beethoven. Er etablierte sich in Anlehnung des ersten Satzes, der mit seinem Pizzicato, dem Zupfen der Saiten, an einen Harfenspieler erinnert.

Konzert vom 22. Februar 2020 im Kulturpalast Dresden

Ludwig van Beethoven
Streichquartett C-Dur op. 59 Nr. 3
Sinfonie Nr. 4 B-Dur op. 60
Streichquartett Es-Dur op. 74 "Harfenquartett"

Quatuor Ébène
Dresdner Philharmonie
Leitung: Marek Janowski

Mehr zum Thema

Heimspiel - Das Ende der Ära Janowski beim RSB
(Deutschlandfunk, Spielweisen, 18.1.2017)

Wege zu Beethoven (1/14) - Die Sinfonien in den Klaviertranskriptionen von Franz Liszt
(Deutschlandfunk Kultur, Interpretationen, 15.12.2019)

Am Mikrofon - Adrien Boisseau und Raphaël Merlin vom Quatuor Ebène
(Deutschlandfunk, Klassik-Pop-et cetera, 3.6.2017)

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur