Seit 13:05 Uhr Breitband

Samstag, 14.12.2019
 
Seit 13:05 Uhr Breitband

Interview | Beitrag vom 12.11.2019

Publizist Robert Misik "Einfache Leute" haben auf allen Seiten falsche Freunde

Robert Misik im Gespräch mit Stephan Karkowsky

Beitrag hören Podcast abonnieren
Ein Mann blickt durch den Schlitz eines Absperrzauns. (picture alliance / dpa / Zentralbild / Oliver Killig)
Der Begriff „einfache Leute“ sei eher eine Fantasievorstellung vom Volk, sagt Robert Misik. (picture alliance / dpa / Zentralbild / Oliver Killig)

Politiker jeder Couleur bezeichnen sich gerne als "Freund der einfachen Leute" - ohne vermutlich überhaupt zu wissen, von wem sie da reden. Was davon zu halten ist - nämlich nicht viel - hat der Autor Robert Misik in seinem aktuellen Buch untersucht.

Stephan Karkowsky: Wenn Politiker den Joker rausholen in Talkshows, Interviews oder im Bundestag, dann sagen sie gelegentlich: "Die Menschen wollen das nicht mehr" oder noch eine Spur emotionaler: "Die einfachen Menschen ...", und dann kommt wahlweise "... verstehen das nicht", "... können sich das nicht leisten", "... brauchen unsere Hilfe". Wer sind diese einfachen Menschen eigentlich? Der Wiener Publizist Robert Misik hat ein Buch geschrieben mit dem Titel "Die falschen Freunde der einfachen Leute". Wenn Vizekanzler Olaf Scholz von der SPD, der heute beim Deutschen Arbeitgebertag in Berlin zu Gast ist, dort diesen Begriff – "die einfachen Leute" – benutzen sollte – wüssten Sie, Herr Misik, wen er meint?

Der Publizist Robert Misik (Ingo Pertramer)Wer sind die "falschen Freunde" der einfachen Leute? Robert Misik hat eine Buch darüber geschrieben. (Ingo Pertramer)

Misik: Erstens mal glaube ich gar nicht, dass er ihn dort benutzen wird. Der Begriff "einfache Leute" oder "der kleine Mann" und "das Volk" ist ja doch eher so eine Fantasievorstellung vom Volk, von einem alten Volk. Das ist ja eher eine Figur, die der rechte Populismus oder die Rechtsextremen gegen die Eliten vortragen. Und dann ist es gleichzeitig natürlich auch eine mediale Figur, eine mediale Fantasie eines Volkes, das sich nicht mehr politisch repräsentiert fühlt von der Politik. Von der Politik, die die Bevölkerung mehr oder weniger repräsentiert. Zwischen Volk und Bevölkerung wird dann plötzlich so ein Unterschied gemacht.

"Volk" und "Bevölkerung"

Karkowsky: Aber ist das nicht ein Begriff, der auf beiden Rändern unterschiedlich gebraucht wird? Ich könnte mir vorstellen, dass auch Die Linke, Sahra Wagenknecht zum Beispiel, den Begriff benutzt im Sinne von die Abgehängten; die Menschen ohne Geld; die Menschen, die das Rentensystem vernachlässigt. Und dann auf der rechten Seite, sagen Sie ja ganz richtig, da wird dann der Begriff die einfachen Leute zum Begriff "das Volk". Können beide Seiten das gleiche meinen?

Misik: Sie können zeitweise das gleiche meinen, es kann Überschneidungen geben. Ich glaube aber – es ist ja ein Symptom, dass darüber diskutiert wird und dass versucht wird, die einfachen Leute als Begriff zu usurpieren, dass man das praktisch für sich instrumentalisiert. Es gibt natürlich auch die Realität, wenn man so will: die Realität von bestimmten Milieus in der Gesellschaft – die ehemalige Arbeiterklasse, die mittlere Unterschichten, aber auch durchaus die mittleren Mittelschichten.

Techniker, Angestelltenmilieus und so weiter und so fort – die das Gefühl haben, sie sind nicht mehr repräsentiert; die aber auch so eine Selbstbeschreibung haben wie "Wir sind die Normalen", "Wir sind die einfachen Menschen". Und das ist nicht nur eine Selbstverniedlichung, sondern es ist auch, wenn man es sich in der Geschichte anschaut, ein stolzer Begriff, so zu sagen "Wir sind die einfachen Leute", "Wir sind das normale Volk". Das ist ja nicht nur etwas, womit man sich klein macht, sondern in der Geschichte sieht man, dass man das mit Stolz getragen hat, fast wie eine Auszeichnung.

Einfach und arm wählt extrem? Stimmt so nicht

Karkowsky: Wenn es um das Renteneintrittsalter geht, dann wird in Deutschland häufig der Dachdecker als typisch zitiert, der so lange nicht arbeiten kann, wie wir ihn arbeiten lassen wollen. Wenn es um Lohngerechtigkeit geht, ist es oft die Krankenschwester. Was ist das denn nach Ihrer Erfahrung, ist das eine Legende, dass einfach und arm extrem wählt? Ist das richtig oder falsch?

Misik: Man muss das, glaube ich, auseinanderhalten. In der Debatte kommt das natürlich hoch, weil sich insbesondere rechtspopulistische und rechtsradikale Parteien, aber auch Trump als die Stimme der einfachen Leute – "Ich bin eure Stimme" – positionieren. Und weil natürlich in diesen gesellschaftlichen Segmenten auch in diese Richtung gewählt wird.

Das heißt aber erstens mal nicht, dass nicht auch in anderen gesellschaftlichen Milieus so gewählt wird – zu glauben, die FPÖ, die AfD sei eine Partei der Abgehängten oder der gesellschaftlichen tendenziell Unterschichten, das ist natürlich ein Unsinn. Es wählen sie genauso die mittleren Mittelschichten, die oberen Mittelschichten und die hohen bürgerlichen Milieus.

Die zweite Legende ist: Ja, natürlich war die FPÖ jahrelang unter den Arbeitern schon die stärkste Partei – aber das heißt natürlich nicht, dass alle Arbeiter eine Partei wie die FPÖ wählen. Zu der Hochphase waren das 33 oder 35 Prozent – die anderen haben natürlich nicht FPÖ gewählt. Das sind so Legenden. Nur soll man auch nicht so tun, als würde in diesen Arbeitermilieus, unteren Milieus, überhaupt kein Problem sein: Ja, natürlich, da wird auch gewählt in diese Richtung.

Ob Rechte oder Linke – falsche Freunde sind überall

Karkowsky: Dann sind die Rechtspopulisten diejenigen, die Sie als falsche Freunde der einfachen Leute bezeichnen?

Misik: Ja, natürlich primär tue ich das – diejenigen, die das zu instrumentalisieren versuchen; die denen sozusagen einreden: "Wir sind Menschen mit realen Problemen oder mit realen Nicht-Repräsentationserfahrungen." Mit den realen Erfahrungen, dass sie nicht mehr so zentral sind und das Gefühl haben, nicht mehr zu zählen. Diesen Menschen reden sie ein: "Wir sind eure Stimme." Insofern sind das sicherlich falsche Freunde. Aber es gibt natürlich auch weitere, ganz andere falsche Freunde.

Es gibt auch in den sozialdemokratischen Parteien falsche Freunde: Da gibt es manche, die sagen, "Wir müssen zurück zum Proletariat" – was an sich wahrscheinlich nicht falsch ist –, aber die dann Fantasievorstellungen von den normalen Menschen haben. Die sitzen da in ihren Apparatschik-Zirkeln herum, haben noch nie einen normalen Menschen gesehen und haben ihre Vorstellungen davon –  das sind auch falsche Freunde.

In den Redaktionsstuben, wo es dann ganz viele Journalisten und Ressortleiter gibt, die sagen, "die Menschen draußen, wie die ticken, das müsst ihr begreifen" – und die haben auch noch nie einen Menschen draußen gesehen, das sind auch so falsche Freunde der einfachen Leute.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Robert Misik: "Die falschen Freunde der einfachen Leute"
Suhrkamp, Berlin 2019
138 Seiten, 14 Euro

(mkn)

Mehr zum Thema

Ibiza-Skandal und FPÖ-Crash - Eine „moralische Bankrotterklärung“
(Deutschlandfunk Kultur, Interview, 20.05.2019)

Rechtsruck in Österreich - Politik der Abschreckung
(Deutschlandfunk, Hintergrund, 28.04.2019)

Robert Misik vs. Olaf Gersemann - Ist der Kapitalismus am Ende?
(Deutschlandfunk, Streitkultur, 05.05.2018)

Interview

LichtverschmutzungWeniger Licht kann mehr sein
Skyline und Messe in Frankfurt am Main bei Nacht: Bürohäuser mit leuchtenden Fenstern sowie hell erleuchtete Straßen (imago/ imagebroker/ Andreas Mechmann)

Draußen wird es immer früher dunkel, denn bald ist der kürzeste Tag des Jahres. Das wenige Licht mache depressiv, sagen manche. Die Biologin Annette Krop-Benesch sagt dagegen: Wir haben zu viel Licht. Manche Straßenlampe könnte nachts ausgeschaltet werden.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur