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Stunde 1 Labor | Beitrag vom 03.01.2021

Psychosomatik-Abteilung aus „Elternschule“Tränen in der „Mäuseburg“

Von Armin Himmelrath und Timo Grampes

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Das Foto zeigt das Hinweisschild zur Kinder- und Jugendklinik Gelsenkirchen im Jahr 2018. (picture alliance / dpa / Roland Weihrauch)
Im Herbst 2020 wurde die Psychosomatik-Abteilung der Kinder- und Jugendklinik Gelsenkirchen geschlossen. (picture alliance / dpa / Roland Weihrauch)

Neurodermitis, Asthma, Allergien: Die Kinder- und Jugendklinik Gelsenkirchen versprach Heilung, „zumindest in 87 Prozent der Fälle“. Unseriös, sagen einige Fachleute und Eltern – andere stellen sich hinter die Klinik. Die Geschichte einer Recherche.

Sandra Wagner (die Namen der Betroffenen wurden geändert) konnte einfach nicht mehr. Ihr Sohn Fritz, ein halbes Jahr alt, hatte sich immer wieder blutig gekratzt, schlief über Wochen allenfalls mal ein paar Minuten am Stück, schrie und tobte, gequält von einem ununterbrochenen Juckreiz: Neurodermitis. Das Versprechen der Klinik aus dem Ruhrgebiet klang für die junge Mutter daher wie ein Rettungsanker: "Der psychosomatische Ansatz bei der Behandlung von Neurodermitis, Asthma, Allergien in der Kinderklinik Gelsenkirchen versprach Heilung – zumindest in 87 Prozent der Fälle", so hieß es bis mindestens Mai 2020 auf der Webseite der Einrichtung. Auch der 2018 veröffentlichte Dokumentarfilm "Elternschule" zeigte die Abteilung für pädiatrische Psychosomatik als Ort, an dem Eltern und Kindern selbst in schwierigsten Fällen geholfen werden konnte.

Wagner erlebte aber nicht den von ihr erhofften ganzheitlichen Behandlungsansatz, sondern ein sie irritierendes Vorgehen: "Neurodermitis bei Trennungsangst" lautete die Diagnose für ihren Säugling. Die Therapie setzte auf ein radikales Vorgehen: Während der vierwöchigen Behandlung sollte Wagner allein 98 Mal ein "Bindungs- und Trennungstraining" durchlaufen und ihr Kind zurücklassen. In einem dieser Trainings, erzählt Sandra Wagner, hörte sie einen Vortrag, während Fritz in einem Aufenthaltsraum blieb, der sogenannten "Mäuseburg". 

"Er hat sich die Kopfhaut komplett runtergeholt"

"Ich bin in diese Mäuseburg und hatte auf einmal ganz viele Kinder vor mir. So um die zehn Kinder, alle panisch, alle hatten Angst. Dann habe ich mein Kind in der Ecke auf einem blutigen Bettlacken entdeckt, der Kopf total offen, stark blutend. Dann fing ich an zu weinen, kniete mich zu ihm runter, habe angefangen zu weinen. Das hat das Personal, was in der Mitte saß, gar nicht interessiert. Die haben weiter gelächelt, als wenn alles in Ordnung wäre, als wenn da nichts wäre. Danach ging ich dann zur Schwester, und wollte wissen, was hier los ist. Weil ich hatte ja mein Einverständnis nicht gegeben, dass ihm die Handschuhe weggenommen wurden. Schon gar nicht den Nuckel. Er hat sich die Kopfhaut komplett runtergeholt mit den Händen. Dann bin ich zu einer Schwester und habe um Wundversorgung gebeten, dass bitte verbunden werden soll, desinfiziert werden soll, was auch immer. Das wurde abgelehnt."

Fast ein Jahr lang haben Timo Grampes und Armin Himmelrath zur Geschichte und zum Behandlungskonzept der Gelsenkirchener Klinik-Abteilung recherchiert. Hinter ihnen liegen: tausende Seiten von Akten, Unterlagen und Veröffentlichungen - und Interviews mit Ex-Personal, Ex-Patient_innen und Wissenschaftler_innen. Ehemalige Patientinnen berichteten zum Teil erstmals von ihren Erlebnissen und davon, wie es ihnen heute geht. 

Und natürlich wollten unsere Rechercheure auch von der Klinik selbst wissen: Was ist dran an den Schilderungen und Vorwürfen, auch von Frau Wagner? Die meisten Anfragen ließ die Klinik von einer Anwaltskanzlei beantworten. Auf Seiten der Klinik wird betont, dass die Therapie dem aktuellen Stand von Wissenschaft, Forschung und Lehre entsprochen habe. Alle Therapieschritte seien mit Sandra Wagner abgesprochen gewesen; der kleine Fritz sei bereits mit offener Kopfhaut in die Klinik gekommen; die Wunderversorgung sei nicht erfolgt, weil die Mutter die Behandlung vorher abgebrochen habe.

Krankheit als Resultat ungelöster psychischer Konflikte

Ein strittiger Fall, auf den eine gerichtliche Auseinandersetzung folgte - die Timo Grampes und Armin Himmelrath begleitet haben. Und sie sind der Frage nachgegangen: Was ist das Konzept der Psychosomatik-Abteilung der Kinder- und Jugendklinik Gelsenkirchen? Gefunden haben sie die Idee vom "Bindungs- und Trennungstraining", die schon der ehemalige ärztliche Direktor als wichtige Idee zur Neurodermitis-Behandlung angesehen hat, um die seines Erachtens für die Krankheit ursächliche Trennungsangst zu überwinden. 

Außerdem: Einen Begriff aus der sogenannten "Germanischen Neuen Medizin" des Ryke Geerd Hamer, die davon ausgeht, dass Krankheit immer das Resultat ungelöster psychischer Konflikte ist. Der frühere ärztliche Direktor der Klinik hatte sich forschend mit dieser unwissenschaftlichen medizinischen Richtung auseinandergesetzt und die Deutung "Revierangst", einen Begriff aus der Germanischen Neuen Medizin, als Ursache für Asthma übernommen. Ein Begriff, der sich im Jahr 2017 auch in den Behandlungsunterlagen von Säugling Fritz Wagner findet als Diagnose-Option - ebenso wie das sogenannte "Bindungs- und Trennungstraining", obwohl die Klinik betont, der 2008 ausgeschiedene leitende Arzt habe sich in seiner Rolle als Arzt der Klinik nicht auf Hamer berufen und spiele keine Rolle mehr für die in der Klinik angewandten Behandlungsansätze.

Abteilung aus wirtschaftlichen Gründen geschlossen

Für ihre Beiträge über die Klinikabteilung – unter anderem ein Feature in den "Zeitfragen" und jetzt in "Stunde 1 Labor" – haben die Journalisten auch mit international forschenden Wissenschaftler_innen gesprochen. Und die lassen kaum ein gutes Haar an den Behandlungsmethoden der Psychosomatik-Abteilung: "Scharlatanerie" nennt etwa Thomas Bieber, international renommierter Experte für Dermatologie und Professor in Bonn, das Vorgehen in Gelsenkirchen.

Mittlerweile ist die Psychosomatik-Abteilung geschlossen, aus wirtschaftlichen Gründen, wie die Klinik mitteilt. "Das ist wohl auch ein Segen für Kinder und Eltern", schreibt der "Spiegel". Sandra Wagner sagt nur: "Das löst in mir eine unfassbare Freude und Erleichterung aus."

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