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Sein und Streit | Beitrag vom 19.05.2019

Psychologie der UngleichheitOhne Feinde keine Fairness?

Michael Pauen im Gespräch mit Simone Miller

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Illustration von einer Gruppe Menschen, die bei Regen unter einem Schirm und auf einer kleinen Sandbank im Wasser stehen. (Imago / Trina Dalziel)
Solidarisch bei Bedrängnis: Menschen sind begabt zur Kooperation, sagt der Philosoph Michael Pauen, aber am besten halten sie unter Druck zusammen. (Imago / Trina Dalziel)

Fairness liegt in der Natur des Menschen. Das zeigen Experimente der Sozialpsychologie. Aber ohne Druck von außen schwinde der Zusammenhalt im Innern, warnt der Philosoph Michael Pauen: Demokratien können daran scheitern.

Wenn ein Staat sein Gewaltmonopol verliert, bricht die bestehende Ordnung meistens schnell zusammen. Aber es sei ein Fehlschluss, deshalb anzunehmen, dass politische Macht hauptsächlich auf Gewalt beruht, sagt der Philosoph Michael Pauen im Gespräch mit Deutschlandfunk Kultur.

Klassischen Konflikttheorien, wie sie etwa von Niccolò Machiavelli und Thomas Hobbes vertreten wurden, hält Pauen das Prinzip Kooperation entgegen: Gewaltsame Konflikte könnten vielleicht einen Machtwechsel herbeiführen, aber für Machterhalt komme es viel mehr auf soziale Intelligenz an – auf gute Zusammenarbeit.

Fairness macht Gruppen zufriedener und produktiver

"Wenn feste Machtstrukturen erst mal etabliert sind", erklärt Pauen, "dann geht das Ausmaß der Gewalt zurück und das Ausmaß der Kooperation in der Gruppe hoch. Beides ist vorteilhaft für eine Gruppe, und deswegen hat sich das auch in der Evolution so ausgebildet."

Michael Pauen trägt Sakko und Hemd und steht in einem Säulengang.  (Andreas Labes.)Das Streben nach Fairness unterscheide uns von Affen, sagt Michael Pauen. Da Menschen noch nach vielem anderen streben, sei soziale Ungleichheit trotzdem schwer zu bekämpfen. (Andreas Labes.)

In seinem aktuellen Buch "Macht und soziale Intelligenz" beruft sich Michael Pauen auf sozialpsychologische Experimente, die zeigen, dass Menschen im Sinne gemeinsamer Vorteile vorausschauend handeln können, indem sie kurzfristige Eigeninteressen zurückstellen. Laut solcher Untersuchungen haben wir, im Unterschied zu anderen Primaten, ein besonderes Talent und eine Neigung dazu, uns fair und kooperativ zu verhalten, so Pauen. Gesellschaften mit relativ egalitären Verhältnissen seien, so betrachtet, ein Erfolgsmodell der menschlichen Evolution.

Studien belegen, dass der innere Zusammenhalt und die wirtschaftliche Produktivität von Gesellschaften zunehmen, wenn sie die soziale Ungleichheit relativ gering halten und Teilhaberechte großzügig einräumen, erklärt Michael Pauen.

Ohne Druck von außen, keine Fairness nach innen

Allerdings zeige der Blick in die Geschichte, dass egalitäre Verhältnisse meistens nur Bestand hatten, solange massiver Druck von außen den inneren Zusammenhalt besonders nötig machte, gibt Pauen zu bedenken: Die griechischen Stadtstaaten zum Beispiel gewährten Soldaten vor allem Bürgerrechte, um sich ihrer Gefolgschaft zu versichern. Der beispiellose Sozialausbau in den westlichen Demokratien im Anschluss an die beiden Weltkriege, gehe vor allem auf den Druck durch die Blockkonfrontation zwischen West und Ost zurück.

In Perioden ohne eine permanente äußere Bedrohung haben Gesellschaften die "starke Tendenz, eine größere Ungleichheit auszubilden", sagt Michael Pauen. Parallel zum allmählichen Zerfall der Sowjetunion sei die soziale Spaltung in den westlichen Demokratien seit den späten 1980er-Jahren dramatisch angewachsen.

Soziale Ungleichheit entwickelt Eigendynamik

Das Zurückdrängen der Wohlfahrtssysteme seit den Regierungszeiten von Margaret Thatcher und Ronald Reagan habe dazu geführt, "dass die unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen sich weiter voneinander entfernen, dadurch der soziale Zusammenhalt belastet wird, was es zusätzlich erschwert, Maßnahmen zu ergreifen, die die Ungleichheit wieder reduzieren".

Michael Pauen beschreibt die Zunahme von sozialer Ungleichheit als einen sich selbst verstärkenden Prozess, der sich bis heute fortsetzt: Benachteiligte Bürgerinnen und Bürger würden anfällig für die Versprechungen populistischer Bewegungen und folgten ihnen selbst dann, wenn deren neoliberale Programmatik ihren wirtschaftlichen Interessen widerspricht. Das heize die Dynamik der sozialen Ungleichheit weiter an.

Viel Geld übersetzt sich in viel Einfluss

Gleichzeitig gelinge es den Profiteuren der Spaltung, ihren Reichtum in Einfluss umzumünzen: "Milliardäre, die aufgrund der steigenden Ungleichheit über massive ökonomische Ressourcen verfügen, sind nicht nur imstande, politische Macht zu erringen, sondern sie benutzen die politische Macht wieder dazu, weitere ökonomische Vorteile für sich selber oder für ihre eigene Gruppe zu erlangen", argumentiert Pauen auch mit Blick auf die heutigen USA.

Soziale Ungleichheit lasse sich innerhalb demokratischer Systeme nur schwer reduzieren, weil Umverteilungsmaßnahmen die politische Spaltung mindestens kurzfristig noch weiter anheizten, sagt Michael Pauen. Historisch gesehen sei Ungleichheit nur infolge von Kriegen, Seuchen und Revolutionen im großen Maßstab abgebaut worden.

Umso wichtiger sei es, die soziale Spaltung heute dort entschieden zu bekämpfen, wo die Gesellschaft trotzdem wichtigen Einfluss nehmen könne: zum Beispiel durch die Begrenzung der Einkommensschere, durch faire Löhne, eine Wohnungspolitik, die verhindere, dass ganze Bevölkerungsgruppen in städtische Randbezirke abgedrängt würden, und durch faire Bildungschancen, damit Ungleichheit nicht in die nächste Generation getragen werde.

(fka)

Michael Pauen: "Macht und soziale Intelligenz. Warum moderne Gesellschaften zu scheitern drohen"
Verlag S. Fischer, Frankfurt am Main
320 Seiten, 22 Euro
Erscheint am 22. Mai 2019

Außerdem in dieser Ausgabe von Sein und Streit:

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