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Interview | Beitrag vom 02.03.2021

Psychologe zu Lockdown-Debatte"Anders über die Verletzlichkeit der menschlichen Situation nachdenken"

Andreas Kruse im Gespräch mit Julius Stucke

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Ein Grab, von der Seite aufgenommen, zentral im Bild ist ein Gebinde mit der Aufschrift "Ein liebes Gedenken". (picture alliance/ dpa / Armin Weigel)
Sterben mit Covid-19 sei eine extreme Erfahrung auch für Angehörige und Klinikpersonal, sagt der Psychologe Andreas Kruse. (picture alliance/ dpa / Armin Weigel)

Geschäftliche Existenz oder Schutz des Lebens – was ist stärker zu gewichten? Keine leichte Frage, sagt Andreas Kruse, Mitglied des Ethikrates. Eine schwere Covid-19-Erkrankung sei aber eine Grenzerfahrung, die nicht hoch genug bewertet werden könne.

Am 3. März beraten Bund und Länder erneut über den Corona-Lockdown. In den vergangenen Tagen gab es viel Druck, etwa Geschäfte und Restaurants zu öffnen. Denn zahlreiche Betriebe stecken in großen finanziellen Schwierigkeiten. Gleichzeitig besteht das Risiko, dass mehr öffentliches Leben wieder mehr Infektionen nach sich zieht. Höhere Infektionszahlen würden zu mehr Todesfällen führen.

Vor gut einem Jahr hat der Deutsche Ethikrat in einer Stellungnahme mit dem Titel "Solidarität und Verantwortung in der Corona-Krise" festgehalten: "Auch der gebotene Schutz menschlichen Lebens gilt nicht absolut."

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Andreas Kruse, Psychologe und Leiter des Instituts für Gerontologie der Uni Heidelberg sowie Mitglied des Ethikrates, betonte nun, wie schwierig die Abwägung zwischen den Gütern Freiheitsgebot beziehungsweise Lebensqualität und Gesundheitsschutz sind. 

Eine "fachliche und ethische Grenzsituation"

Heute bewerte er den Schutz der Gesundheit noch höher, sagte Kruse. Natürlich müsse man bei allen Überlegungen, wie die Anti-Corona-Maßnahmen gelockert werden sollten, verschiedene Aspekte bedenken, etwa die Existenzsicherung oder das Recht auf Bildung.

"Wir dürfen aber keinesfalls unterschätzen, wie dramatisch das ist, wenn Menschen eine schwere Covid-19-Erkrankung haben und wenn Menschen mit Covid-19 versterben", sagte Kruse. Das Sterben mit einer derartig schweren Erkrankung sei "eine fachliche und ethische Grenzsituation, die wir in ihren Folgen für den Patienten und die Angehörigen, aber auch für Ärzte und Pflegefachpersonen gar nicht hoch genug bewerten können."

Die Pandemie könnte die Gesellschaft ändern

Für viele Menschen sei der Gedanke, schwer an Covid-19 zu erkranken, weit weg. Wer ihnen aber vor Augen führe, was in so einem Fall passieren könne, erreiche möglicherweise, dass sie ihre Perspektive änderten. Er halte es für möglich, dass die Erfahrungen mit der Pandemie die Gesellschaft änderten.

"Das ist eine bedeutende Hoffnung, dass wir diese Grenzsituation auch als eine Chance begreifen, anders über Verletzlichkeit, Verwundbarkeit, Endlichkeit der menschlichen Situation nachzudenken und darüber dann auch etwas bescheidener werden."

(ske)

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