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Fazit / Archiv | Beitrag vom 02.05.2020

Psychoanalytisches Performance-ProjektEmotionale Verarbeitung der Coronakrise

Clemens Kraus im Gespräch mit Marietta Schwarz

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Selbstporträt des Künstlers Clemens Krauss: eine Skulptur liegt auf dem Boden in einer früheren Ausstellung (Friso Gentsch/dpa)
Clemens Krauss - auf dem Boden einer früheren Ausstellung ein Selbstporträt - ist bildender Künstler, Maler und Psychoanalytiker. Mit der Psychoanalyse geht es ihm um Intervention und Partizipation. (Friso Gentsch/dpa)

Mehr als 150 psychoanalytische Einzelsitzungen hat der Künstler Clemens Krauss online durchgeführt. Sein Ergebnis: Die aktuelle Ausnahmesituation triggert frühe Bindungserfahrungen. An die Oberfläche treten ungelöste Konflikte und Gefühle der Angst.

Seit Anfang April bietet Clemens Krauss online und gratis psychoanalytische Einzelsitzungen an - vertraulich, wie es sich gehört. Das Ungewöhnliche daran: Krauss ist in erster Linie bildender Künstler und Maler - und erst danach ausgebildeter Psychoanalytiker. Mehr als 150 Sitzungen hat er in seinem Projekt "Isolation Consultation" schon durchgeführt – über den ganzen Globus verteilt. Jede dauert 50 Minuten. Im Nachhinein fasst Krauss seine Eindrücke, die Themen und Tendenzen des Besprochenen als Supervision in Videos zusammen.

Für Krauss hat Kunst auch eine soziale und politische Funktion. In diesen Sitzungen konnte er beobachten, dass die aktuelle Ausnahmesituation frühe Bindungs- und Beziehungserfahrungen triggert und etwas auslöst, was in vielen Menschen vielleicht vorher schon da war, wie er sagt. An die Oberfläche treten Konflikte um Autonomie, Schuld oder Scham, aber auch Gefühle der Angst.

In der Tradition von Beuys und Abramović

Ein Stück weit sieht Krauss sich in der performativen Tradition von Joseph Beuys und Marina Abramović. "Es ist auch für mich ein körperliches Auslieferungsszenario. Es ist anstrengend", sagt der Künstler. Mit diesem eigenen Ausgeliefertsein begegne er dem Ausgeliefertsein vieler seiner Gegenüber. "Und da können wir uns auch gemeinsam wiederfinden." 

Die Analytikerausbildung, sagt Krauss, habe er nur deswegen absolviert, weil ihn die Psychoanalyse sowohl als Theorie als auch als Möglichkeit einer Form der Intervention in gesellschaftliche Prozesse interessiert habe. "Ich habe das nicht gemacht, um als Analytiker zu praktizieren, denn ich bin bildender Künstler und das möchte ich auch bleiben."

Krauss spricht auch eher von Besuchern oder Teilnehmern eines Kunstprojekts als von Klienten. Seine Sprechstundenperformance hat er schon früher analog in Museen, Galerien und Institutionen durchgeführt. Nun also virtuell.

Durchlaufen unterschiedliche Traumaphasen

Der Künstler vergleicht seine Beobachtungen während der Coronasituation mit dem typischen Ablauf unterschiedlicher Traumaphasen. Zunächst der Schock, dann die Verleugnung, gefolgt von einer Phase der Desillusionierung oder Depression. Und als nächstes müsste eigentlich die Phase der Integration kommen, also "dass man damit leben kann", sagt Krauss.

Ob er diese Phase noch beobachten kann, ist allerdings offen. Die Aktion ist nämlich abhängig, wie der Titel schon sagt, von der erlebten Isolation. Mit zunehmenden Lockerungen wird auch dieses Projekt heruntergefahren.

Teilhabe auf einer emotionalen Ebene

Eine analytische Einzelsitzung in einen Kunstkontext in Form eines Readymades zu verschieben, sei spannend und der Zeit angemessen, findet der Künstler. Ihm geht es um Intervention und Partizipation:

"Gerade in Zeiten wie diesen ein Projekt anzubieten, das diese Teilnahme ermöglicht, wo Menschen auch auf einer emotionalen Ebene an etwas teilhaben können, war mir sehr wichtig. Und das ist im Prinzip die Natur dieses Projektes."

(ckr)

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