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Im Gespräch / Archiv | Beitrag vom 29.03.2019

Psychoanalytikerin Elisabeth Kauder"Es gibt keine Obergrenze für Menschlichkeit"

Moderation: Britta Bürger

Frau Kauder trägt eine Brille mit orangem Rahmen und ein rotes Sakko.  (Rainer Möller)
Elisabeth Kauder ist Bundeskanzlerin Angela Merkel dankbar dafür, wie sie im Jahr 2015 mit der Flüchtlingsfrage umgegangen ist. (Rainer Möller)

Indien, Kenia, Griechenland – wo Menschen in Not sind, versucht Elisabeth Kauder zu helfen: Die Ärztin und Präsidentin der "German Doctors" arbeitet in Slums und Flüchtlingslagern. Das färbt auch auf ihre Ehe mit dem CDU-Politiker Volker Kauder ab.

Ihren Jahresurlaub am Strand zu verbringen – das fiele Elisabeth Kauder zumindest nicht ohne Weiteres ein. Seit Jahren hält sich die Ärztin und Psychoanalytikerin in ihrer freien Zeit in den Krisenregionen der Welt auf. Sie arbeitet im Flüchtlingslager in Kenia ebenso wie in den Slums von Kalkutta oder in Griechenland, wo sie sich um unbegleitete minderjährige Geflüchtete kümmert. Kein Urlaub also? Alles eine Frage der Perspektive.

"Für mich bedeutet Urlaub, mit einer ganz anderen Situation konfrontiert zu sein als sie mir im Alltag begegnet. Die mich inspiriert, anspornt, die mir Anregung gibt, sowohl in geistiger als auch in menschlicher als auch in seelischer Hinsicht."

Kalkutta als zweites Zuhause

Seit 2002 ist Elisabeth Kauder auf der ganzen Welt für die Nichtregierungsorganisation "German Doctors" unterwegs, deren Präsidentin sie mittlerweile ist. Zuletzt hat sie viel in Griechenland mit traumatisierten Geflüchteten gearbeitet, besonders hängt ihr Herz allerdings an Kalkutta.

"Heimat verbinde ich mit Herkunft, Heimat verbinde ich mit kultureller Prägung", sagt die Medizinerin, sie würde Kalkutta daher nicht als zweite Heimat, sondern als zweites Zuhause beschreiben: "Sich geborgen fühlen, sich angenommen fühlen, mit Menschen in Austausch und in Resonanz zu sein und sich gegenseitig zu verstehen – das meine ich mit ‚Zuhause‘ und so erlebe ich das."

Allein 20-mal ist sie in den letzten Jahren nach Indien gereist. Und das alles neben ihrer Tätigkeit als Ärztin: Die Internistin war Oberärztin am Klinikum in Tuttlingen, Assistenzärztin in der Klinik für Psychiatrie Vinzenz von Paul in Rottweil und praktiziert nach einer mehrjährigen Zusatzausbildung mittlerweile als Psychoanalytikerin in ihrer eigenen Praxis in Stuttgart.

"Politik war für mich keine Option"

 "Aus Liebe zum Menschen" habe sie sich nach dem Abitur für die Medizin entschieden und nicht etwa für die Politik, obwohl es in ihrem Elternhaus stets politisch zuging: Ihr Vater, der Konstanzer Politiker Hermann Biechele, saß fünf Wahlperioden im Bundestag und war Gründungsmitglied der CDU. Ihn begleitete sie oft zu Wahlkreisterminen.

Parteipolitik spielte aber auch über Elisabeth Kauders Kindheit und Jugend hinaus in ihrem Leben eine große Rolle: Seit über 40 Jahren ist sie mit dem ehemaligen Unionsfraktionsvorsitzenden Volker Kauder verheiratet, der lange einer der engsten Vertrauten Angela Merkels war. Elisabeth Kauder selbst schätzt die Kanzlerin als zugewandte und kluge Gesprächspartnerin. Außerdem sei sie dankbar, wie Merkel 2015 mit der Flüchtlingsfrage umgegangen sei. Selbst in Indien auf dem Basar wurde sie positiv auf die Kanzlerin und die Flüchtlingspolitik der deutschen Regierung angesprochen.

Ein Ehepaar – zwei Blickwinkel

In ihrer Ehe sei der Austausch über die Diskussionen in dieser Zeit ebenfalls sehr fruchtbar gewesen, sagt Elisabeth Kauder.

"Ich weiß natürlich auch, dass es einen Unterschied zwischen handelnder Politik gibt und zum Beispiel Psychoanalyse oder Tätigkeit in direkter Begegnung mit Flüchtlingen. Nichtsdestotrotz müssen die Bereiche eben zusammenkommen. Für meinen Mann ist es durchaus wichtig und hilfreich, dass wir uns austauschen über die unterschiedlichen Sichtweisen."

Die Debatten um Obergrenzen und die Forderung der neuen CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer, eine Situation wie 2015 dürfe sich nicht wiederholen, findet sie nur begrenzt verständlich: "Für mich gibt es keine Obergrenze für Menschlichkeit."

(era)

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