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Lesart | Beitrag vom 20.03.2020

Psychiater über HölderlinTröstende Worte eines schwer Erkrankten

Uwe Gonther und Jann Schlimme im Gespräch mit Frank Meyer

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Ein Stahlstich von 1880 von dem Dichter Friedrich Hölderlin (1770-1843). (imago / image broker )
War Friedrich Hölderlin ein verrücktes Genie? Eher ein Dichter in einer seelischen Krise. (imago / image broker )

In ihrem Hölderlin-Buch wollen zwei Psychiater mit dem "Klischee vom umnachteten Genie im Turm" aufräumen, um dem Menschen gerecht zu werden. Die Autoren sehen ihn als einen Mann, der versucht, sich aus einer seelischen Krise herauszuarbeiten.

Die beiden Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie, Uwe Gonther und Jann Schlimme, orientieren sich dabei an Hölderlins Briefen und den wenigen historischen Quellen.

Der Wahnsinnige mit der Zipfelmütze im Turm

Das Klischee vom umnachteten Künstler sei schon zu Hölderlins Lebzeiten entstanden, meint Gonther im Gespräch mit Deutschlandfunk Kultur, - und zwar durch die Schriftsteller der aufkommenden Romantik. Diese hätten sich einerseits sehr von Hölderlin angesprochen gefühlt, aber zugleich die "Stilisierung" des Dichters vorgenommen.

So habe sich das Bild verbreiten können, "dass dort ein Wahnsinniger im Turm in Tübingen sitzt und mit Zipfelmütze nur gelegentlich zuckend aus dem Fenster guckt", so der Psychiater. 

Der Hölderlinturm in Tübingen. Dort wohnte er bis zu seinem Tode. Foto von 1955 (Getty Images / ullstein bild)Der Dichter verlebte seine letzten Jahre im Hölderlinturm – isoliert war er dort aber nicht. (Getty Images / ullstein bild)

Hinter diesem Bild sei schon relativ schnell "das eigentliche Menschliche von Hölderlin" verschwunden. Darüber ärgern sich die Ärzte, denn solche Etiketten würden seelisch kranken Menschen in Krisen – weder damals noch heute – nicht helfen.

Sich dem erkrankten Menschen angemessen zuwenden

Es gehe vielmehr darum, sich dem erkrankten Menschen auf eine ihm angemessene Weise zuzuwenden und eine Verständigung über die Erfahrung, die der Mensch gerade macht, zu erreichen. "Letztlich ist es das, was demjenigen hilft", meint Schlimme.

Auch Hölderlin habe sich in seiner zweiten Lebenshälfte durchaus noch bewegt und habe Menschen besucht, war nicht eingeschlossen im Turm. Zugleich habe er sich – besonders in seinen Briefen – mit seiner eigenen Situation intensiv auseinandergesetzt und sich gefragt: Was ist mit mir los?

Bewältigungsversuche einer schweren seelischen Krise

Ob der Dichter verrückt gespielt habe oder war verrückt war, – das lasse sich kaum unterscheiden.

"Er hat verrückt gespielt. Aber das heißt nicht, dass er nicht auch psychisch sehr schwer krank war", sagt Gonther. "Das ist etwas relativ Typisches: Im Rahmen des Bewältigungsversuchs einer extrem schweren seelischen Krise sehen wir das bei vielen Menschen auch heute, dass sie diese Art von Beschwerden, die dann entstehen, geradezu noch dramatisch überbieten in der Darstellung gegenüber den Mitmenschen." Zum Beispiel auch deshalb, um andere Menschen fernzuhalten.

Um Hölderlin wirklich gerecht zu werden, hätten sie ihr Buch eigentlich mit ihm zusammen schreiben müssen, betonen die Ärzte, die beide Hölderlins Lyrik sehr schätzen. "In der Klarheit und Schönheit seiner Sprache finde ich auf jeden Fall Trost", meint etwa Gonther. 

(huc)

Uwe Gonther/Jann E. Schlimme: "Hölderlin - Das Klischee vom umnachteten Genie im Turm"
Psychiatrie-Verlag, 128 Seiten, 20 Euro

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