Proud Boys

Die Bruderschaft hinter dem Sturm aufs Kapitol

11:21 Minuten
Ein Mann mit einem T-Shirt mit der Aufschrift "Western Chauvinist" spricht in ein mit Trump-Stickern beklebtes Megafon.
Enrique Tarrio ist der Anführer der Proud Boys und folgte in dieser Position dem Gründer Gavin McInnes. © Getty Images / Anadolu Agency / Eva Marie Uzcategui Trinkl
05.01.2022
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Beim Sturm auf das Kapitol vor einem Jahr waren Mitglieder der Proud Boys dabei. Die rechtsextreme Organisation vertritt die Idee einer weißen westlichen Vorherrschaft. Doch nun stehe sie an einem Scheideweg, sagt Politikwissenschaftler Carl Kinsky.
Vor einem Jahr eskalierte die Lage in Washington. Nach einer Rede des damals frisch abgewählten US-Präsidenten Donald Trump zog eine Menschenmenge vor das Parlament, sie stürmte das Kapitol und verwüstete Teile des Gebäudes. Vier Menschen kamen dabei zu Tode.

Bald aus der Öffentlichkeit verbannt?

Angeführt wurde die Masse von rechten Milizen, die sich hinter Trump stellten. Eine der Gruppierungen sind die Proud Boys (PB). Doch nun stünden die PB am Scheideweg, sagt der Politikwissenschaftler Carl Kinsky. Zwar sei ihr Einfluss nach der Abwahl Trumps nicht geringer, doch seien sie wegen des Sturms auf das Kapitol von staatlichen Repressionen betroffen. 
Es könnte sein, dass das Label „Proud Boys“ offiziell verschwinde, sagt Kinsky. Dies sei bereits im US-Nachbarland Kanada geschehen, wo die PB als terroristische Organisation eingestuft wurden. Dort könnten sie nicht mehr öffentlich auftreten.
„Aber die Mitglieder und deren Überzeugungen werden nicht verschwinden“, gibt der Politikwissenschaftler zu bedenken. „Sie werden sich neue Möglichkeiten der Organisierung suchen.“

Provokation und Auflehnung

Doch wer sind die Proud Boys? Öffentlich treten sie seit fünf bis sechs Jahren auf. Ihr Gründer ist Gavin McInnes, der sich seit seiner Studienzeit durch „Provokation und Auflehnung gegen die Alltagskultur“ hervorgetan hat. Und das recht erfolgreich, denn er gründete mit zwei Freunden in Montreal die Zeitschrift „Vice“, die „zu einem sehr großen Medienkonglomerat geworden ist“, wie Kinsky erläutert.
Die Namenswahl sei auch „ein Teil der Provokationsstrategie“. Denn „Proud Boys“ komme aus der queeren Community, „wo es eigentlich um ein stolzes Bekenntnis zur eigenen sexuellen Identität geht“, so der Experte für die US-Rechte. 
Die PB würden sich dagegen dazu bekennen, stolz darauf zu sein, westliche Männer zu sein. Diesen Stolz wollen sie sich laut Kinsky nicht durch „eine imaginierte feministische Bedrohung und moderne Dekadenz von links rauben lassen“.
Doch entgegen anderen rechten Gruppierungen könnten auch nicht-weiße und nicht-heterosexuelle Männer Mitglieder der PB werden. Dass dies auch so sei, zeigten einige prominente Mitglieder. Verbindend sei vielmehr die Vorstellung einer weißen westlichen Vorherrschaft, wie sie im Leitspruch deutlich werde: „Ich bin ein westlicher Chauvinist, der sich nicht dafür entschuldigen braucht, die westliche Welt kreiert zu haben.“

Fred-Perry-Polo und Trump-Kappe

In dieser Vorstellung einer westlichen Zivilisation greifen sie auf lang zurückliegende Geschlechterrollen zurück, wie Kinsky sagt. So werde bei den PB ein „klassisches Männerbild“ verfolgt: „Der Mann als Patriarch im Haushalt, der den Ton angibt; die Frau soll Hausfrau bleiben und sich dem Mann unterordnen.“
Im Alltag zeige sich dieses Männerbild hingegen eher als Männerbanden, deren Mitglieder saufen und gewaltorientiert seien. Vergleichbar sei dies mit verbreiteten Vorstellungen über Teile der Fußballfangemeinde, erläutert Kinsky.
Dagegen versuchen die PB sich bei ihrem öffentlichen Auftreten an popkulturellen Codes zu orientieren. So sei ihr Kleidungsstil „sportlich-adrett“, was auch aus den Leitlinien der Gruppe hervorgeht, wo es hieße, die Mitglieder sollten in der Öffentlichkeit „präsentabel“ sein, wie Kinsky ausführt. Ihr Markenzeichen sei dabei ein schwarzes Polohemd mit goldenen Akzenten von Fred Perry und eine Wahlkampfkappe von Donald Trump.
(rzr)

Carl Kinsky: "Proud Boys. Trumpismus und der Aufstieg ultranationalistischer Bruderschaften"
Unrast Verlag, Münster 2021
88 Seiten, 7,80 Euro

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