Profunde Analyse

Die Überreste der am 11.9.01 zusammengestürzten Türme des World Trade Centers in New York © AP
Rezensiert von Herfried Münkler · 19.04.2009
Die islamistische Herausforderung Europas, mit der sich Gilles Kepel beschäftigt, besteht nicht nur in den Selbstmordanschlägen von Terrorgruppen, sondern zugleich in der Bildung islamischer Parallelgesellschaften in Europa. Sie wachsen aufgrund ihrer hohen demographischen Reproduktionsrate unaufhaltsam, während die restliche Bevölkerung Europas altert und schrumpft.
Der französische Soziologe und Arabist Gilles Kepel gilt als einer der besten Kenner der islamischen Welt und insbesondere des Islamismus. In den vergangenen Jahren hat er immer wieder mit profunden Analysen in die Debatte über die Ursachen des Islamismus als aggressiver Form der Selbstbehauptung des Islam sowie dessen Radikalisierung zum Terrorismus eingegriffen und Vorschläge gemacht, wie "der Westen" dieser Herausforderung begegnen solle.

Im Unterschied zu seinem britischen Kollegen Bernard Lewis, für den der Islamismus das Scheitern der islamischen Welt vor den Herausforderungen der Moderne anzeigt, begreift Kepel den Islamismus als eine Reaktion auf die Demütigungen, die vor allem der arabischen Welt zugefügt worden sind und in deren Selbstwahrnehmung weiterhin zugefügt werden. Der Islamismus ist für Kepel also nicht der Ausdruck sozio-kulturellen Scheiterns, sondern eine, wenn auch in vieler Hinsicht fehlgeleitete, politische Reaktion.

Die Entstehung des Islamismus und seinen, wie Kepel meint, sich abzeichnenden Niedergang zu beschreiben und zu erklären ist der Anspruch seines neuen Buches, dessen französischer Originaltitel mit "Martyrium und Terror" zu übersetzen ist. Und genau darum geht es: um den Gegensatz zweier Bezeichnungen und der mit ihnen verbundenen Bedeutungen: Was für die eine Seite brutaler Terror ist, ist für die andere Seite die höchste Form des Selbstopfers: das Martyrium zur Bewahrung und Rettung der wahren Religion.

Gilles Kepel arbeitet mit dem in der französischen Philosophie und Soziologie verbreiteten Konzept der ‚Großen Erzählung’: einer auf Narrationen und Imaginationen beruhenden Deutung der Welt, aus der politische Richtungsanzeigen und Handlungsanweisungen erwachsen. Danach haben sich seit dem 11. September 2001 die neokonservative Erzählung von der terroristischen Bedrohung und dem weltweiten Krieg gegen den Terrorismus auf der einen und die islamistisch-dschihadistische Erzählung von der Bedrohung des Islam und seiner heroischen Verteidigung auf der anderen Seite gegenübergestanden und sich dabei gegenseitig bestätigt und verstärkt. Zwischen diesen beiden großen Erzählungen habe Europa lange einen eigenen Weg gesucht und ihn in seiner politisch-kulturellen Desorientierung nicht gefunden. Kepel will einen Beitrag leisten, diesen eigenen europäischen Weg gegenüber der islamistischen Herausforderung zu finden.

"Die große Erzählung vom Terrorismus deutet die Ausbreitung des Dschihads als Indikator für den Niedergang Kontinentaleuropas. Die Sichtweise passt zur Großen Islamistischen Erzählung: Aus islamistischer Sicht wird Europa (das die Islamisten ebenfalls für dekadent halten, wenn auch aus anderen Gründen) der muslimischen Eroberung höchstens durch Unfälle der Geschichte entgehen, und genau solche Unfälle zu verhindern liegt der neuen Avantgarde der Umma, die am 11. September 2001 entstanden ist, am Herzen. Spanien, das alte arabische Al-Andalus, ist Land des Islam, das von der Reconquista geraubt wurde, und insofern verhält es sich damit ähnlich wie mit Palästina unter israelischer Besetzung: Das Blut der nicht-muslimischen Einwohner darf vergossen werden, es hat den Status eines ‚Kriegsschauplatzes’ oder dar el harb – das zeigten die Anschläge vom 11. März 2004 in Madrid mit 191 Toten."

Kepel geht es nicht zuletzt darum, das Zusammenspiel der beiden Großen Erzählungen, der neokonservativen und der islamistischen, aufzuzeigen. Richtig werden sie damit jedoch nicht: Während die neokonservative Erzählung in den USA inzwischen abgewählt worden ist und Platz machen musste für eine politisch-strategische Neuorientierung unter Präsident Obama, geht Kepel davon aus, dass die islamistische Erzählung an den strategischen Gegensätzen unter den Dschihadisten, vor allem aber an den immer wieder hochkochenden Aversionen zwischen Schiiten und Sunniten scheitern werde.

Als Beleg dafür verweist er auf den Irak, wo es nicht nur die USA nicht geschafft haben, eine geopolitische Neuordnung der Region durchzusetzen, sondern auch die von dem gebürtigen Jordanier Zarqawi angeführte Terrorkampagne zusammengebrochen sei, weil sie sich schließlich mehr gegen die irakischen Schiiten als gegen die fremden Besatzungstruppen gerichtet habe. Dadurch habe Zarqawi mit der Zeit die Unterstützung der sunnitischen Stammesoberhäupter verloren, sei zuletzt weithin isoliert gewesen und schließlich vom US-Militär getötet worden. In Kepels Augen liegt hier die Schwachstelle des militanten Islamismus: dass mit zunehmender Militanz der schiitisch-sunnitische Gegensatz an Bedeutung gewinnt und alle anderen Frontlinien überdeckt. Hier anzusetzen könnte der Hebel einer europäischen Strategie sein, von der Kepel erhofft, dass sie klüger und umsichtiger ist als die bisherige der USA.

Die Herausforderung Europas durch den Islamismus ist nämlich nicht nur terroristischer, sondern auch demographischer Art. In der Perspektive der islamistischen Erzählung stellt sie sich wie folgt dar:

"Das – außer Spanien und dem östlichen Balkan – restliche Europa verdankt seinen Verbleib in der Finsternis des Unglaubens nur der osmanischen Niederlage bei der Belagerung von Wien am 12. September 1683, und Schuld an der Niederlage haben die Schiiten, weil sie durch ihren Aufstand im Osten die Front im Westen schwächten. Sonst, so Zarqawi und seinesgleichen, würde seit mehr als drei Jahrhunderten von den Kanzeln in den europäischen Hauptstädten der Islam gepredigt (eine Vision, die dank der Migrantenströme in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und der Ansiedlung von Muslimen auf europäischem Boden langsam Wirklichkeit wird). […]

Der göttliche Plan, der die Schwäche des bewaffneten Dschihad durch eine einzigartige demografische Invasion und ihre religiöse Übersetzung ausgeglichen hat als erste Stufe auf dem Weg zu einer allgemeinen Islamisierung Europas, wird jedoch durchkreuzt von Verfolgungen und Gotteslästerungen, durch welche Christen, Juden, Laizisten und andere Ungläubige die unausweichlichen Fortschritte der Religion Allahs – vergeblich – aufzuhalten versuchen, […]. Von Salman Rushdie bis zu den dänischen Karikaturen, vom "Gesetz gegen das Kopftuch" in Frankreich bis zu den Worten Benedikts XVI. über den Propheten: Die ‚Zionisten und Kreuzfahrer’ vervielfachen die Zahl ihrer feindseligen Akte, und dafür werden sie den Preis bezahlen müssen in Form brennender Botschaften, Boykott ihrer Waren und Geiselnahmen ihrer Bürger in der gesamten muslimischen Welt."

Die islamistische Herausforderung Europas, mit der Kepel sich beschäftigt, besteht also nicht nur in den Selbstmordanschlägen von Terrorgruppen, sondern zugleich in der Bildung islamischer Parallelgesellschaften in Europa, die aufgrund ihrer hohen demographischen Reproduktionsrate unaufhaltsam wachsen, während die restliche Bevölkerung Europas altert und schrumpft.
Kepel unterscheidet zwei Reaktionsweisen darauf, die er als die britisch-niederländische und die französische stilisiert. Erstere identifiziert er mit dem auch in Deutschland zeitweilig propagierten Konzept des Multikulturalismus, der hier eine kommunitaristische Ausprägung angenommen habe: Man überlässt die islamischen Gemeinden weitgehend sich selbst, erwartet, dass sie sich eigenständig organisieren und konfrontiert sie nicht mit der Erwartung einer schrittweisen Assimilation an die Kultur, die sozialen Gepflogenheiten und die politischen Regularien des Aufnahmelandes.

Das genaue Gegenteil, die Erwartung der Assimilation als Gegenleistung für die Gewährung staatsbürgerlicher Rechte, ist nach Kepel die französische Herangehensweise, in der die Idee der einen und unteilbaren Republik und ihrer Staatsbürger dominiert.

In Kepels Darstellung ist das britisch-niederländische Modell im zurückliegenden Jahrzehnt eklatant gescheitert, während sich die französische Herangehensweise bei einigen Problemen, die es gab, insgesamt bewährt habe. So habe sich bei den Feuernächten in den Banlieues der französischen Großstädte gerade kein islamistischer Widerstand gegen die laizistische Republik gezeigt, sondern hier seien gerade die politischen und sozialen Versprechen der Republik gegen deren unzureichende Realisierung eingeklagt worden.

Dagegen hätten die Anschläge auf die Londoner U-Bahn und die fehlgeschlagenen Attentate in London und Glasgow gezeigt, dass es dem britischen Modell weder gelungen sei, das Immigrantenproletariat ruhig zu stellen noch die vom sozialen Aufstieg profitierenden jungen islamischen Akademiker zuverlässig auf die Grundwerte des Westens zu verpflichten. Das gelte nach dem Mord an dem Filmemacher von Gogh auch für die Niederlande, wo man geglaubt habe, sich mit Liberalität aus den Problemen herausschleichen zu können.

Kepels Vertrauen auf die Erfolgsgarantie des französischen Modells mag übertrieben sein, ebenso wie seine Scheiternsdiagnosen hinsichtlich der Briten und Niederländer. Für die deutsche Debatte jedenfalls ist festzuhalten, dass der französische Weg auf der klaren Herausstellung einer Leitkultur beruht, in die der Staat die Immigranten hinein sozialisiert. Damit entstehen wechselseitige Verpflichtungen, aus denen dann staatsbürgerliche Loyalitäten erwachsen.

Wer auf sie Wert legt und davon überzeugt ist, dass ohne sie weder politische noch soziale Stabilität zu erreichen ist, wird sich auch in Deutschland am französischen Modell orientieren müssen. Es enthält auch eine Antwort auf die islamistische Drohung, mit demographischen Mitteln die kulturelle Hegemonie in Europa erringen zu können: Die Kinder der Einwanderer aus islamischen Ländern, so das Versprechen, werden nicht wesentlich islamische Gläubige, sondern vor allem loyale Bürger der Republik sein. Auf diesem Wege, so Kepels Aussicht, werde sich auch die Spirale des Terrors anhalten und zurückdrehen lassen.


Gilles Kepel: Die Spirale des Terrors. Der Weg des Islamismus vom 11. September bis in unsere Vorstädte, Piper Verlag, München und Zürich/2009
Cover: "Gilles Kepel: Die Spirale des Terrors"
Cover: "Gilles Kepel: Die Spirale des Terrors"© Piper Verlag