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Nachspiel | Beitrag vom 29.04.2018

ProfiboxenDas zweite Leben des Karsten Röwer

Von Christoph Heymann

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Box-Trainer Karsten Röwer beim Training mit einem seiner Schüler. (picture alliance / dpa / Jens Büttner)
Box-Trainer Karsten Röwer (picture alliance / dpa / Jens Büttner)

Er verlor gegen Henry Maske und brachte junge Talente im Profiboxen ganz nach oben: Karsten Röwer gehörte zu Deutschlands wichtigsten Boxtrainern. Seit der Sport rasant an Aufmerksamkeit verliert, hat sich sein Leben völlig verändert.

Rapper Kontra K war immer wieder zu Gast in der Trainingsgruppe von Karsten Röwer, der im Dezember 2016 zum letzten Mal die Halle in Berlin-Marzahn betritt. Zwischen Ringseilen und Sandsack hat er acht Jahre seines Berufslebens verbracht. Jetzt ist der Vertrag ausgelaufen. Der Promoter Sauerland wollte ihn nur noch als freien Mitarbeiter weiter beschäftigen.

Dem damals 54-Jährigen war das Angebot zu unsicher und so ist die Laufbahn als Boxtrainer nach erfolgreichen Jahren im Profigeschäft vorbei. 16 Monate sind seit der Arbeitslosigkeit von Karsten Röwer vergangen: Die Geschichte sagt viel aus über die Herausforderungen eines Mitte 50-Jährigen auf dem Arbeitsmarkt, aber mindestens ebenso viel über den Zustand des Profiboxens in Deutschland.

Das Ziel im Hinterkopf: Weltmeister

Mit seiner Trainingsgruppe arbeitet er an diesem Dezembervormittag ein letztes Mal zusammen. Die Stimmung in der Halle ist angespannt und es wirkt so, als ob Boxer und Trainer ahnen, dass die Kämpfe in Zukunft härter werden. Seine Sportler haben mit ihm gemeinsam ihre ersten Schritte im Profisport gemacht. Immer mit einem Ziel im Hinterkopf: Weltmeister werden. Jetzt müssen sie sich eine neue Halle und Ersatz für Karsten Röwer suchen.

"Ich freu mich, dass ich sie erstmal bis hierhin begleiten durfte und mit ihnen arbeiten durfte, dass hat ja auch Spaß gemacht. Mir geht es nicht darum, die Lorbeeren zu ernten. Mir geht es darum, dass ich sehr gern auf der Halle war. Es ist ja nicht so; ich hab ja schon meine Weltmeister gehabt."

Sebastian Sylvester und Jürgen Brähmer führte er zu internationalen Titeln. Große Erfolge feiern wollte er auch mit Stefan Härtel und Enrico Kölling. Sie hat er, anders als Sylvester und Brähmer, vom Karrierestart an begleitet.

Der Boxpromoter Wilfried Sauerland (l), der deutsche Boxer Sebastian Sylvester (r) und dessen Trainer Karsten Röwer posieren am Samstag (30.01.2010) in Neubrandenburg nach dem IBF-Weltmeisterschaftskampf und heben ihre Fäuste. Box-Weltmeister Sylvester hat seinen WM-Titel im Duell mit Billy Lyell (USA) im Jahnsportforum durch technischen K.o. erfolgreich verteidigt. (picture alliance / ZB / Robert Schlesinger)Boxpromoter Wilfried Sauerland, Trainer Karsten Röwer und Boxer Sebastian Sylvester. (picture alliance / ZB / Robert Schlesinger)

"Und natürlich, wenn man dann über mehrere Jahre mit daran arbeitet, ist es natürlich ein bisschen was anderes, wenn man sie selber so hoch gebracht hat, aber dazu wird es jetzt leider nicht mehr kommen."

Karsten Röwer zieht im Dezember 2016 zurück in seine Heimat Schwerin. Dort will er nicht mehr als Trainer arbeiten, er versucht einen Neustart als Lehrer. Sein Schützling Stefan Härtel studiert, wie er vor 25 Jahren, neben seiner Karriere Sport und Geschichte auf Lehramt. Er hat alle Profikämpfe mit Karsten Röwer in der Ecke bestritten – alle hat er gewonnen.

"Ist schon schade, muss man schon sagen, hat hier eigentlich immer alles gut geklappt für uns. Ist ein bisschen bitter, dass es jetzt so sein Ende nimmt, bevor wir Weltmeister, Europameister sind. Naja."

"Wenn ich Arbeit finde"

In der ehemaligen DDR hat Karsten Röwer ein Studium als Diplomsportlehrer abgeschlossen, sich dann aufs Boxen konzentriert. Erst bei den Amateuren, später bei den Berufsboxern. An die Schule kann er nur als Quereinsteiger zurück, ihm fehlt ein zweites Unterrichtsfach.

"Ich hoffe, dass ich dann in der neuen Arbeit, wenn ich irgendwo sobald wie möglich eine Arbeit finde, dass ich da auch genauso Spaß hab, wie hier bei der Arbeit. Wird wahrscheinlich nicht ganz so sein, aber man sollte schon gern zur Arbeit gehen und nicht jedes Mal mit schlechter Laune, mit schlechtem Gesicht zur Arbeit kommen oder so, das ist natürlich nicht so schön. Aber ich muss ja noch paar Jahre arbeiten, meine Rente verdienen. Also muss es weiter gehen."

Dabei hatte es 1993 so gut angefangen. Vor 25 Jahren wurde Henry Maske Weltmeister im Halbschwergewicht. Deutschland entwickelte sich zum internationalen Boxmarkt. ARD, ZDF und RTL zeigten fast jedes Wochenende Kämpfe aus vollen Hallen und Promoter verdienten Millionensummen.

Ein enttäuschter Henry Maske steht nach seiner Niederlage gegen Virgil Hill am 23.11.1996 in der Münchner Olympiahalle auf den Seilen in einer Ringecke und nimmt die Ovationen des Publikums als Trost entgegen.  (picture-alliance / dpa / Frank Mächler)Henry Maske nach seiner Niederlage gegen Virgil Hill. (picture-alliance / dpa / Frank Mächler)

Mitte der 2000er platzte die Blase. In Deutschland trugen zwanzig Weltmeister Gürtel um die Hüfte. Vier große Verbände und unzählige unbekannte richten Weltmeisterschaften aus. Promoter versuchten alles, um ihre Sportler vor gefährlichen Gegnern zu schützen. Oft wurden schwache Kontrahenten verpflichtet und die Kämpfe damit unattraktiv. Erst blieben die Zuschauer weg, weil die Gegner und die Titel völlig unbekannt waren. Später hatte auch das Fernsehen kein Interesse mehr am Boxsport. 2013 meldete der Boxpromoter Universum Insolvenz an. Im Dezember 2016 schließt Sauerland den Berliner Standort und Karsten Röwer muss sich einen neuen Job suchen

Morgens um sechs Uhr beginnt der Umzug bei Familie Röwer. Stefan Härtel und Enrico Kölling sind zum Helfen gekommen. Sie tragen die Möbel ihres ehemaligen Trainer. Sie hatten ein gutes Verhältnis zu Karsten Röwer und hätten beide gern weiter mit ihm gearbeitet. Am Frühstückstisch tauschen sie sich über ihre Zukunft aus. Für Stefan Härtel ist der Freundschaftsdienst als Möbelpacker selbstverständlich.

Man macht das schon gerne, weil man dem Trainer natürlich helfen will, weil er ja auch die letzten zweieinhalb Jahre für einen da war. Aber natürlich schon mit ein bisschen Wehmut. Wir wollten nicht, dass er geht. Jetzt ist es halt so und da unterstützen wir ihn natürlich.

Hoffnung bis zum Schluss

Jetzt schleppen sie gemeinsam Umzugskisten. Die Zwei-Zimmer-Wohnung hatte der Boxstall Sauerland für Karsten Röwer und seine Frau angemietet. Mit dem Vertragsende muss er auch die Wohnung verlassen. Er hat als Trainer im Profigeschäft gut verdient. Er hätte sich ein Umzugsunternehmen leisten können, aber er will selbst anpacken und organisieren. Und seine Kollegen und Freunde helfen gern. Die Möbel aus Berlin passen in zwei Transporter.

"Jetzt ist Schluss, ist zwar nicht so schön, muss ich mal sagen. Aber man ist jetzt nicht mehr im Ungewissen. Man hat immer noch gehofft, dass es weitergeht. Aber man ist jetzt nicht mehr im Ungewissen und dann beginnt ein neuer Abschnitt im Leben, so ist das. Mal gucken, was jetzt passiert, die nächsten Monate, neuen Job suchen, aber irgendwie geht es schon weiter."

Zwei Monate nach seinem Karriereende kehrt Karsten Röwer kurz zurück. Er betreut noch einen letzte Kampf seines Schützlings Enrico Kölling. Sie treten zum ersten Mal im Ausland an, reisen gemeinsam nach Südafrika. Ungewöhnlich für einen erfolgreichen deutschen Nachwuchsboxer, aber das Zuschauerinteresse in Deutschland ist gesunken.

Enrico Kölling trifft Mirzet Bajrektarevic mittig im Gesicht. (picture alliance / dpa / Bernd Wüstneck)Enrico Kölling gewinnt am 05.04.2014 in Rostock seinen Kampf im Halbschwergewicht gegen Mirzet Bajrektarevic. (picture alliance / dpa / Bernd Wüstneck)

Profis müssen jetzt auch außerhalb ihrer Heimat antreten, dort ist die Wahrscheinlichkeit zu verlieren höher: Kampfrichter, Zuschauer und die Halle sind, anders als in der Heimat, unbekannt. Der Abschiedskampf endet erfolgreich. Enrico Kölling gewinnt im Halbschwergewicht gegen den Südafrikaner Ryno Liebenberg einstimmig nach Punkten. Die Nachricht, dass die Zusammenarbeit mit seinem Trainer endet, hat er immer noch in schmerzhafter Erinnerung.

"Es war hart, muss ich ganz ehrlich sagen. Karsten Röwer hat mir am Herzen gelegen. Also ich hab gern mit ihm zusammengearbeitet, hab ihm auch viel zu verdanken. Wir haben es überspielt. Wir haben viel gelacht dabei. Aber es war hart. Ich war auch traurig natürlich. Und umso stolzer und glücklicher war ich, dass wir den letzten Kampf dann in Südafrika zusammen nochmal gewinnen konnten. Das war ein schöner Abschied, so wie er es auch verdient hat."

Nur wenige Menschen erreicht

Enrico Kölling hat für diesen Kampf im Ausland nur wenig Geld bekommen. Das Duell in Südafrika wurde in Deutschland auf einem Online-Portal für Kampfsportfans gezeigt. Über die Abrufzahlen gibt der Betreiber ProSiebenSat1 keine Auskunft. Die Übertragung in Deutschland kostete die Zuschauer nochmal extra. Die Folge: Vermutlich hat der Kampf nur noch wenige Menschen in Deutschland erreicht. Die Zusammenarbeit mit dem Boxpromoter Sauerland hat ProSiebenSat1 mittlerweile beendet.

Natürlich denke ich mir ab und zu, ich bin zehn Jahre zu spät bei den Profis groß geworden. Damals war die Welt noch ein bisschen anders, da ist noch ein bisschen mehr Geld geflossen, wo ZDF mit Universum gearbeitet hat und Sauerland mit ARD. Ich hoffe ja, dass sich das Blatt nochmal wendet, dass wir guten Sport zeigen können und dann auch Fans dazu gewinnen.

Die ARD hat sich 2014 aus der Berichterstattung zurückgezogen. Der Vertrag mit dem Promoter Sauerland wurde nicht verlängert. 2017 hat das Erste nur noch 3 Minuten und 4 Sekunden in der Sportschau über Boxsport berichtet. Das Thema: Die Niederlage von Wladimir Klitschko gegen Anthony Joshua im Schwergewicht. Ein Ereignis, dass die ganze Sportwelt vor die Fernseher lockte. Andere Boxer sind für die Zuschauer in Deutschland mittlerweile unbekannt. Ohne TV-Übertragungen sinkt die Popularität des Sports rapide.

Früher haben ihm Millionen bei der Arbeit zugesehen. An diesem Vormittag pflegt Karsten Röwer seinen Garten allein. Eine Anstellung hat er fünf Monate nach seinem Abschied aus Berlin noch nicht gefunden, bisher wurde er zu keinem Bewerbungsgespräch eingeladen. Heute ist sein Rasen hinterm Haus dran, er muss vertikutiert werden.

"Lieber auf der Trainingshalle als hier im Garten arbeiten. Ist nicht so mein Ding, aber muss gemacht werden. Und wenn man das regelmäßig macht, nachher da ein bisschen System drin ist, dann macht es auch wieder Spaß. Aber die Anfänge, wenn man lange nichts gemacht hat, das ist schlimm. Na ja, aber man will es ja auch ein bisschen schön haben Zuhause. Es kommt, nach und nach."

Gold auf Kuba

Karsten Röwer stand selbst im Ring, sein Leben drehte sich ums Boxen. 1980 verliert er gegen Henry Maske. Fünf Jahre später wird er, parallel zu seinem Sportstudium, Trainer bei den Amateuren. Als Assistenzcoach gewinnt er mit der Boxstaffel von Traktor Schwerin zahlreiche Titel. Auch international ist er erfolgreich: Mit Jürgen Brähmer gewinnt er 1996 Junioren-WM-Gold auf Kuba. 2007 wechselt er zu den Profis. Er arbeitet unter anderem mit Sebastian Sylvester zusammen. Im Fernsehen sehen ihm jetzt live Millionen Zuschauer bei der Arbeit zu. Gemeinsam werden sie Weltmeister im Mittelgewicht. Eine Überraschung. 2013 trifft er dann, im Profisport, wieder auf Jürgen Brähmer – Beide knüpfen an erfolgreiche Zeiten an. Mit Brähmer holt er im Halbschwergewicht erst den Europameistertitel, dann den WM-Gürtel der WBA, einer der vier großen Boxverbände. Gleichzeitig sind es die letzten großen Erfolge für Karsten Röwer im Profisport. Derzeit versucht er einen Neustart – und der ist noch nicht geglückt.

"Das Problem ist ja, mir fehlt einfach das zweite Fach. Ich habe wirklich nur einen Sportabschluss und das ist nicht so einfach, da irgendwo unterzukommen. Die meisten Stellen waren ja auch ausgeschrieben mit einem zweiten Fach. Aber was mich da ein bisschen ärgert ist wirklich, dass einige nicht mal in der Lage sind, zu antworten und eine Zu- oder eine Absage zu machen. Ist schon ein bisschen traurig. Gerade bei den öffentlichen Einrichtungen."

Heute gibt's Buletten

Karsten Röwer kocht jetzt regelmäßig Mittagessen für seine Frau. In der Küche stand er als Boxtrainer eher selten. Heute macht er Buletten, das Rezept stammt von seiner Mutter. Er hat viel Zeit, seine Frau arbeitet in Schwerin als Grundschullehrerin. Sie hat direkt nach ihrer Rückkehr eine Stelle gefunden. Sie muss früh aufstehen und jeden Tag unterrichten, Karsten Röwer muss lernen allein mit der freien Zeit umzugehen.

"Das ist schon ein ganz anderer Schlag jetzt, wenig zu tun; kommst manchmal schon ins Grübeln, aber na ja. Abends bist du eigentlich noch fit, meine Frau ist kaputt von der Arbeit. Man selber hat dann doch noch ein bisschen andere; guckt dann länger Fernsehen. Sonst waren wir beide kaputt von der Arbeit und sind beide zusammen ins Bett gegangen."

Für seine Frau sieht die Welt anders aus. Elke Röwer fühlt sich wohl in der Heimat und auch beruflich ist sie schon wieder angekommen.

"Für mich ist es im Moment alles positiv. Ich sag mal, dass wir wieder zu Hause sind, dass ich gleich was gefunden habe mit der Arbeit, dass mein Karsten immer Mittag macht, dass er die Hausarbeit draußen auch noch hinkriegt. Aber ich denke, für ihn ist es schwer, das merkt man auch. Ich denke, es wird Zeit, dass er wieder was findet und auch das Richtige für sich findet. Seine Jungs fehlen ihm, aber ich denke, wenn er als Lehrer anfangen könnte und die Kinder ärgern, so wie ich, wäre das auch toll."

Umgewöhnung

Die Rollen in der Beziehung haben sich in der schwierigen Zeit der Arbeitslosigkeit verändert. Karsten Röwer ist der Hausmann und hat Zeit, seine Frau arbeitet und ist den ganzen Tag unterwegs. Sein ehemaliger Schützling Sebastian Sylvester kennt die Situation. Vor sechs Jahren hat er aufgehört die Bandagen zu binden.

"Es war merkwürdig, man hatte dann keine Termine mehr, man musste dann nicht mehr zum Sport gehen, sich fit halten. Danach sah ich dann auch nach anderthalb, zwei Monaten auch so aus, dass man dann kein Sport mehr machen muss. Dann habe ich mir eine längere Pause genommen. Als ich mich dann im Spiegel gesehen habe, dachte ich mir, oh was ist das denn?"

Sebastian Sylvester hat angefangen als Motivationstrainer zu arbeiten. Zu seinem ehemaligen Trainer Karsten Röwer hat er auch nach der aktiven Karriere noch Kontakt. Auf der Insel Poel gehen die beiden Freunde gemeinsam angeln. Karsten Röwer ist mittlerweile sechs Monate arbeitslos.

Wieder arbeiten

Neun Monate nach Vertragsende – Im September 2017 ist Karsten Röwer auf dem Weg zur ersten Unterrichtsstunde. Er unterrichtet zehn Stunden Sport an einer Gesamtschule in Schwerin. Ein Einstieg zurück in den Lehrerberuf. Er ist froh, dass die Zeit zu Hause vorbei ist.

"Langweilig, zum Schluss ist einem die Decke auf den Kopf gefallen. Also man sitzt dann Zuhause und wartet, dass die Frau von der Arbeit kommt, oder so. Oder macht Mittag und so, macht Kleinigkeiten auf dem Grundstück, aber so richtig zufrieden ist man damit nicht. Die ersten Monate ging das noch, weil man auch erstmal runterkommen musste und so weiter, aber hinten raus wurde es ganz schön langweilig."

Die Arbeit mit den Kindern ist ungewohnt, aber die neuen Kollegen helfen gern. Er muss ab jetzt Klassenbücher ausfüllen und in einen Beruf zurückfinden, den er seit 25 Jahren nicht mehr ausgeübt hat. Am ersten Tag unterrichtet er Fünftklässler im Sprintstart. 45 Minuten sind im Schulsport schnell vorbei: Ein paar Aufwärmübungen, ein Wettrennen in Gruppen und dann die Sprintübung – Schon ist der Arbeitstag um.

Noch Kontakt zu seinen Sportlern

"So (…), erste Tag wäre geschafft, war nicht so einfach, aber ein bisschen viel durcheinander und so. Man ist doch etwas anderes gewöhnt, ist ja auch klar. Dass die dann auch nicht gleich alles verstehen beim ersten Mal und so. Dann überlegt man schon, wie man sich ausdrücken muss zwischendurch, aber war ok."

Nach neun Monaten Arbeitslosigkeit ist der erste Schritt zurück in einen neuen Beruf geglückt. Bei einer Boxveranstaltung war er seit seinem Karriereende nicht mehr. Aber er hält noch Kontakt zu seinen Sportlern. Stefan Härtel hat die Zusammenarbeit positiv in Erinnerung

"Er war halt auch eine Art Trainer, der sehr menschlich war, wo man wirklich eine persönliche Beziehung aufbauen konnte. Ich schreib mit ihm und mit seiner Frau telefonieren wir. Wichtig für ihn war es erstmal, irgendwo unterzukommen. Das hat er jetzt irgendwie geschafft und den Fuß ein bisschen reinbekommen in die Schule, als Sportlehrer. Ich glaub schon, dass er lieber als Boxtrainer gearbeitet hätte. Na gut, man muss halt dankbar sein auf dem Arbeitsmarkt, wenn man was kriegt."

Ehemalige Trainingsgruppe verlässt den Boxstall

Zwölf Monate nach Vertragsende – die ehemalige Trainingsgruppe von Karsten Röwer verlässt den Boxstall Sauerland. Keiner steht mehr beim größten Promoter Deutschlands unter Vertrag. Die Arbeitsbedingungen für Boxer sind immer schwieriger geworden, erzählt Enrico Kölling.

"Viele Kämpfe sind ausgefallen. Ich glaube, ich hatte im Jahr 2017 nur ein oder zwei Kämpfe und das geht dann natürlich nicht. Und da hat’s einfach überall Probleme gegeben, an jeder Ecke. Dann wurde mein Trainer entlassen, dann wurde das Gym gekündigt, wo wir trainieren konnten. Und dann hatten wir überall den Kopf voll. Dann mussten wir uns selber ein Gym suchen, dann mussten wir uns einen neuen Trainer suchen, das war alles anstrengend und eine kleine Umbruchsphase."

Enrico Kölling und Stefan Härtel unterschreiben ein paar Wochen später bei SES, einem kleinen Promoter aus Magdeburg. Kämpfe werden regelmäßig im Mitteldeutschen Rundfunk übertragen. Die Enttäuschung über den Boxsport und die Geschäfte der Promoter ist bei Stefan Härtel zu spüren

"Man ist natürlich im Nachhinein ein bisschen enttäuscht, dass man schon hätte woanders sein können. Es war anderes abgesprochen. Als ich damals die Verträge unterschrieben habe, hieß es, in drei Jahren gibt es Titelkämpfe und ich war der einzige Boxer, der in drei Jahren nicht mal einen Gurkentitel gewonnen hat, weder einen Hausmeistertitel noch irgendwas anderes. Mir geht es ja nicht darum mir 20 Gürtel umzuschnallen. So ein Ding ist schon ganz hübsch. Das haben sie mir in drei Jahren nicht ermöglicht, weil ich einfach immer zu teuer war. Da gab es einfach Boxer, die in meiner Gewichtsklasse waren, die es für die Hälfte gemacht haben und danach wurde halt ausgewählt."

Zweites Standbein nebem dem Sport

15 Monate nach Vertragsende ist Karsten Röwer zum ersten Mal wieder bei einer Boxgala. Für seine ehemaligen Schützlinge fährt er nach Weißenfels. Stefan Härtel boxt um die Deutsche Meisterschaft, Enrico Kölling absolviert einen Aufbaukampf. Die Boxveranstaltungen sind kleiner geworden. An diesem Abend sind 3000 Zuschauer in die Halle gekommen. Die Veranstaltung wird nicht mehr im Ersten übertragen, sondern im Mitteldeutschen Rundfunk. International sind die meisten Kämpfe nicht von Interesse. Enrico Kölling ist zwar noch im Geschäft, aber er muss sich um ein zweites Standbein kümmern.

"Damals konnte man gut leben vom Boxen, da hat es dann gereicht, wenn man alle zwei Monate einen Kampf gemacht hat. Seine Steuern bezahlt, seine Miete und dann hatte man trotzdem noch genug Geld, um über die Runden zu kommen. Und heute sieht die Sache anders aus. Jetzt betreibe ich nebenbei noch einen Eisladen mobilen, mobilen Imbiss. Ich arbeite nebenbei bisschen in der Sicherheit noch, um die Löcher zu stopfen, die halt nun Mal anfallen."

Der Beruf wird zum Hobby

Aus Profiboxen wird zurzeit Nebenberufsboxen, weil die Kampfbörsen nicht mehr zum Leben reichen. Enrico Kölling gewinnt an diesem Abend im Halbschwergewicht durch K.o. in der ersten Runde. Für Stefan Härtel läuft es schlechter, er verliert den Kampf um die Deutsche Meisterschaft im Halbschwergewicht knapp nach Punkten gegen Adam Deines. Der Kampf gegen einen Gegner auf Augenhöhe ist gerade im Profisport ein Risiko. Denn nur Boxer mit einer makellosen Bilanz lassen sich gut vermarkten. 

"Sport ist Sport und dazu gehören auch Niederlagen. Aber es waren immer die Promoter, die jeden ihrer Sportler in irgendeinem Weltverband unterbringen wollten, aber mit uns Sportlern hat das nix zu tun. Ganz ehrlich: Es war bis jetzt der geilste Kampf: Nur dieses Brimborium im Vorhinein, da hast du einen deutschen Gegner, der ein bisschen versteht, was man sagt. Da kann man sich Spitzen zuwerfen und das hat einfach wirklich Laune gemacht. Ich hätte davon bestimmt auch früher ein paar mehr gebrauchen können, damit das auch ein bisschen interessanter wird. Besser als gegen irgendeinen unbekannten Jorneymen aus der Ukraine, den keine Sau interessiert."

Fehlende Aufmerksamkeit

Was für Sportler und Trainer noch schwer ist: Die Aufmerksamkeit geht zurück. Und Karsten Röwer ist enttäuscht über die Mechanismen im Profisport.

"Letzten Endes ist gerade Profiboxen auch nur Geschäft. Und auch bei den Amateuren war es auch oft so, dass es dann viele Quälereien gab, mit den Verbänden. Aber auch die ganze Politik, die gemacht wurde. Ist ja immer so. Sport ist ja nun auch mal Politik, und wenn du da keine Beziehungen hast und einen guten Ruf hast, dann ist ja auch schon mal vorbei, das kennen wir ja, ne?"

24.03.2018, Hamburg: Boxen: Profis - WBA WM Super Mittelgewicht. Der Berliner Boxer Tyron Zeuge feiert seinen Sieg. (picture alliance / Axel Heimken / dpa)Tyron Zeuge ist der letzte verbleibende Weltmeister. (picture alliance / Axel Heimken / dpa)

Im April 2018 sorgt der Boxsport wieder für Schlagzeilen: Jürgen Brähmer verlässt den Boxstall Sauerland. Er ist nicht nur einer der bekanntesten Boxer Deutschlands, sondern auch der Trainer des letzten verbliebenen Weltmeisters: Tyron Zeuge. Jetzt streiten sich der Promoter Sauerland und Jürgen Brähmer um die größte deutsche Boxhoffnung. Und dabei geht es, wie im Fall von Karsten Röwer, um Geld. Sportlich sind die Veranstaltungen in Deutschland mittlerweile uninteressant geworden. Für die Boxer bleibt die Hoffnung, dass die Promoter nicht nur an die nächste Million denken, sondern auch an die Zukunft des Sports.

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