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Interview / Archiv | Beitrag vom 04.04.2016

Pritzker-Preis für Alejandro AravenaArchitektur für die Armen

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Der Architekt Alejandro Aravena aus Chile  (imago/ITAR-TASS)
Gestaltet Wohnraum für die Unterprivilegierten: der chilenische Architekt Alejandro Aravena (imago/ITAR-TASS)

Der Pritzker-Preis gilt als Oscar unter den Architekturpreisen. In diesem Jahr wird der Chilene Alejandro Aravena damit ausgezeichnet, denn - so sagt Jury-Mitglied Kristin Feireiss - er verkörpert ein "neues Bild eines sozial engagierten Architekten".

Der Pritzker-Preis gilt als wichtigste Auszeichung in der Architektur. Heute abend wird er in New York an den Architekten Alejandro Aravena verliehen, der in seinem Heimatland Chile unter anderem berühmt für seine "halben Häuser" ist - ein Sozialbau-Projekt, durch das Arme Wohnraum und Arbeitsfläche für selbstständige Beschäftigungen erhalten können.

Ganzheitliches Verständnis

Aravena sei ein herausragendes Beispiel für eine "Generation von führenden Archtitekten mit einem ganzheitlichen Verständnis von der Vernetzung von Gesellschaft", sagt Jury-Mitglied Kristin Feireiss im Deutschlandradio Kultur. Er erkenne Probleme und gehe dann zu den Menschen, um ihnen zuzuhören. Gleichzeitig sei er ein Mediator und Moderator, der auch mit Behörden und Verwaltungen verhandele.

Auch Deutschland könne von Aravena lernen, betonte Feireiss. Gerade für die Menschen, die derzeit ins Lände kämen, seien die Ideen des Chilenen "ganz großartige Konzepte". Aus Ersparnis-Gründen werde momentan oft Wohnraum minderer Qualität hochgezogen.

Feireiss: "Es geht ganz anders - und das hat Aravena bewiesen". Es wäre daher sinnvoll, "wenn man so jemanden mal auf höchster Ebene in Deutschland - also wo wirklich Entscheidungen fallen - einlädt und mal seine Konzepte erläutern lässt."


Das Interview im Wortlaut:

Dieter Kassel: Der Pritzker-Preis wird oft als Nobelpreis für Architektur bezeichnet, und in seiner gut 30-jährigen Geschichte ging dieser mit 100.000 Dollar dotierte Preis meistens an weltbekannte Stararchitekten, und die bekamen ihn für ihr Lebenswerk. Heute Abend aber wird dieser Preis Alejandro Aravena verliehen, einem chilenischen Architekten, der gerade mal 48 Jahre alt ist und der vor allem für sein soziales Engagement als Architekt bekannt ist.

So hat er zum Beispiel in seinem Heimatland Chile eine Siedlung mit halben Häusern gebaut, damit sich auch Menschen Häuser leisten können, die eigentlich nicht genug Geld dafür haben. Insofern ist das eine ziemlich ungewöhnliche Entscheidung der Pritzker-Jury, und ich hab deshalb das einzige deutsche Mitglied dieser Jury, die Architekturjournalistin und Gründerin der weltweit ersten Architekturgalerie, Kristin Feireiss, gefragt, ob das so etwas ist wie ein Paradigmenwechsel.

Kristin Feireiss: Nein, das kann man, glaube ich, so nicht sagen. Wenn man jetzt sagt, man verfolgt die 33-jährige Geschichte des Pritzker-Preises, ist es immer die Entscheidung, Ausdruck der jeweiligen Zeit, natürlich auch der Juroren, aber auch den Problemen, den Gegebenheiten, den Herausforderungen, die jede Zeit mit sich bringt. Und das werden Sie vielleicht auch schon gemerkt haben, vielleicht ist da schon ein leichter Wandel, würde ich mal sagen, oder eine leichte Verschiebung.

Aber im Grunde ging es immer darum, eine herausragende Architektenpersönlichkeit – im Unterschied zu vielen anderen Preisen, wo man nur ein Bauwerk ehrt – mit einem eben auch herausragenden Œuvre. Das Alter von Alejandro erstaunt jetzt jeden, aber ich kann Ihnen sicher sagen, dass wir in den Jurys das Alter nie diskutiert haben, sondern denken Sie an den letzten Preisträger Frei Otto, der war über 90, und wir haben Gottlob gemeinsam doch noch erkannt, welche Bedeutung er für die Architektur hat. Und darum geht es jetzt auch bei Aravena ganz klar, dass diese Auszeichnung eben auch jetzt schon ein Zeichen setzen soll.

Ein Architekt, der den Menschen zuhört

Kassel: So, wie Sie es gerade beschrieben haben, diesen, ich sag das mal so banal, diesen Zeitgeist, der da auch mit einfließt in so eine Entscheidung, warum ist es denn gerade Aravena geworden, was mach ihn für Sie und Ihre Kollegen in der Jury zu dem richtigen Preisträger im Jahr 2016?

Feireiss: Jeder Preisträger erntet unterschiedliche Reaktionen, sagen wir mal das, aber für uns war es ganz eindeutig die Weise, wie er ein neues Bild eines sozial engagierten Architekten verkörpert, und dass er in ganz herausragender Weise ein Beispiel ist für eine Generation ich würde mal sagen von führenden Architekten mit einem ganzheitlichen Verständnis von der Vernetzung von Gesellschaft und Umwelt.

Es ist eine starke Persönlichkeit, das werden wir auch irgendwie erleben – was so besonders ist, ist seine Haltung und seine Herangehensweise. Er sucht sich seine Aufgaben selber, erkennt Probleme und ist dann derjenige, der erst mal bei den Menschen, wo die Notsituation eingetreten ist – Tsunami, Erdbeben, was auch immer –, hingeht und zuhört. Er ist ein Zuhörer, er ist ein Mediator, er ist auch ein Moderator – und das sind keine Stichworte – dann mit den Gemeinden und Behörden und Verwaltungen, um das auch umsetzen zu können.

Kassel: Vielleicht erklären wir vor allen Dingen diese halben Häuser so ein bisschen. Ich hab ja einfach nur gesagt, halbe Häuser, ich glaube, wer sie nicht kennt, stellt sich vielleicht was ganz Merkwürdiges darunter vor und was Falsches.

Feireiss: Ich beschreib jetzt mal: Wir sind also in diese Siedlungen am Rande gefahren, für Menschen mit ganz besonders wenig Geld, drücken wir es mal so aus. Da ist es Aravena gelungen, erst mal Gelder auch dafür aufzutreiben und zu sagen, wir müssen etwas entwickeln, wo die nicht nur wohnen, sondern was ihnen auch schafft, selbstständig zu leben oder ein Einkommen zu haben. Und deswegen hat er diese halben Häuser entwickelt, in denen ich auch war – das waren alles wunderbarerweise keine halben Häuser.

Also sie sind sowieso sehr schmal, es ist minimalster Raum, aber es gibt einen extra noch unbebauten Raum, unbenutzten Raum. Da gibt es nur die Hülle und weiter nichts. Es gibt ein Dach und Wände. Und da können dann die Bewohner selber damit umgehen. Und was da dann passiert, ist, dass sie diesen halben Raum als Einkommensquelle umwandeln. Es war unglaublich, wir haben eine Frau gesehen, die kann gut Haare schneiden und hat dann in diesen paar Quadratmetern einen Haarsalon gemacht, wo die Menschen der Gegend zu ihr kamen.

Deutschland kann von Aravena lernen

Kassel: Diese Idee von Aravena, die Sie da gerade so schön beschrieben haben, die er zunächst ja in Chile umgesetzt hat, die ist ja schon zum Vorbild geworden für ähnliche Projekte – es gibt ein sehr ähnliches in Mexiko und an anderen Orten. Kann man die Brücke, können wir beide jetzt wirklich die Brücke bauen nach Europa, vielleicht sogar Deutschland, wo ja viel darüber diskutiert wird wegen der vielen neuen Menschen, die zu uns kommen, Bauvorschriften nicht mehr so ernst zu nehmen und möglichst schnell möglichst einfache Häuser zu bauen. Kann man da vielleicht von Aravena etwas lernen?

Feireiss: Die Brücke ist da, und es wäre ganz großartig – und ich hoffe als Optimist, es ist auch so –, denn wenn wir jetzt über, ich sag einmal sozialen Wohnraum reden, gerade für die Menschen, die zu uns kommen und hier auch so ein bisschen was noch wie eine Heimat wollen, vielleicht nicht jetzt, aber später einmal auch bekommen, dann sind das ganz großartige Konzepte. Und überall in Deutschland, das weiß man ja inzwischen auch, in Berlin sowieso, gibt es dafür Raum genug, man müsste es nur einmal ernsthaft durchdenken.

Was ich jetzt weiß an Wohnungsbau in Berlin, der schnell hochgezogen wird, ist von sehr minderer Qualität, weil man denkt, na ja, schnell, die brauchen Wohnungen, also machen wir schnell, sparen, halten auch nicht alle Bedingungen ein – es geht ganz anders. Und das hat Aravena bewiesen. Und die beste Möglichkeit wäre, denn er ist ein kluger Mann, der seine Dinge auch vermitteln kann und auch ein sehr pragmatischer Mann, wenn man so jemand mal auf höchster Ebene in Deutschland, also wo wirklich Entscheidungen fallen, einlädt und mal seine Konzepte erläutern lässt. Und wir könnten, und das ist ein bisschen auch das Zeichen, sehr, sehr viel tatsächlich davon lernen im Sinne auch, das, was Aravena so wichtig ist und was er umgesetzt hat, eine Hilfe zur Selbsthilfe.

Kassel: Sagt Kristin Feireiss, Mitglied der Jury des Pritzker-Preises, und ich hab das Gespräch mit ihr gestern Abend aufgezeichnet, weil sie schon in New York ist und da wahrscheinlich jetzt in diesem Moment, um fünf Minuten vor sieben, gerade so richtig tief einschläft. In New York ist sie natürlich, weil dort, bei der UNO übrigens, heute Abend der Pritzer-Preis verliehen wird an die chilenischen Architekten Alejandro Aravena.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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