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Religionen / Archiv | Beitrag vom 14.12.2013

PriestermangelHostien und Weihnachtsbrödle

Wie ausländische Priester auf ihren Dienst in Deutschland vorbereitet werden

Von Martina Senghas

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Im Bundesdurchschnitt kommt inzwischen jeder zehnte Priester aus dem Ausland. Das ist eine Bereicherung für die katholische Kirche der Bundesrepublik. Aber die Priester müssen in speziellen Kursen auf ihren Dienst vorbereitet werden. Solche Kurse veranstaltet die Diözese Rottenburg-Stuttgart – und darin schwäbelt es ordentlich.

"Mein Name ist Pater Donatus Asomogha, ich komme aus Nigeria und momentan bin ich in Hoheneck, in der Diözese Rottenburg Stuttgart."

"Mein Name ist Pater Joji Mathew und ich komme aus Indien, aus Kerala und jetzt bin ich in Tuttlingen."

Pater Donatus Asomogha und Pater Joji Mathew sind zwei von insgesamt neun Priestern, die an dem "Diözesanen Einführungsprogramm  für Priester aus anderen Ländern" teilnehmen. Sie alle sind im Sommer im Raum Rottenburg-Stuttgart angekommen und sollen sieben bis zehn Jahre lang hier bleiben, um als Pfarrvikare zu arbeiten. Ihre Heimatorden und Heimatbistümer profitieren finanziell von diesem Arrangement, weil die Priester von dem deutschen Gehalt nur ein Taschengeld für sich beanspruchen. Für die Gastdiözese ist das Ganze ein personeller Gewinn.

Nach einem sechswöchigen Anfangsseminar im August wurden die angehenden Pfarrvikare in verschiedene Gemeinden geschickt, treffen sich nun aber ungefähr einmal im Monat wieder, um sich intensiver mit den Feinheiten der deutschen Kultur zu beschäftigen. Das Seminarthema im November war beispielsweise war die deutsche Advents- und Weihnachtskultur.

"Also jetzt schaun wir die Dinge einfach mal an. Man muss vielleicht dazu sagen Advent, Weihnachten…"

"Sie müssen sagen können: Ich mag Weihnachtsbrödle"

Die Seminarleiterin Margret Schäfer-Krebs hat auf einem Tisch ein weihnachtliches Sammelsurium ausgebreitet: Tannenzweige und dicke Kerzen, Krippenfiguren und Adventskalender, Lichterbögen und vieles mehr. Neugierig schauen sich die sieben Inder und zwei Afrikaner die Dinge an. Manches kennen sie, aber vieles ist ihnen unbekannt.

"Brödle … Umlaut… Und Sie müssen einfach sagen können. Ich mag Weihnachtsbrödle. Sollen wir es mal zusammen üben? Ich mag Weihnachtsbrödle … Ich mag Weihnachtsbrödle. Wenn es Ihnen aber nicht schmeckt, dann dürfen Sie das nicht sagen (Gelächter) … Ich mag nicht …"

Die neun Männer sind voll ausgebildete, erfahrene Priester - in der deutschen Kultur sind sie allerdings Anfänger. Ganz zentral ist natürlich, dass sie sich sprachlich weiter verbessern, denn Sprache ist das Hauptwerkzeug eines Priesters. Aber hinter der Sprache liegt noch das ganze Alltagswissen, ohne das Kommunikation ebenfalls kaum funktionieren kann. Deshalb hat die Diözese Rottenburg-Stuttgart das neue Einführungsprogramm entwickelt. Die Bildungsreferentin Claudia Guggemos.

"Uns ist wichtig zu sagen, dass jetzt zum Beispiel die Priester, die neu kommen, hier nicht als leitende Pfarrer gleich eingesetzt werden. Zu einem leitenden Pfarrer gehört ja wesentlich mehr als die Eucharistie zu feiern und Sakramente zu spenden. Da gehört viel Verwaltung dazu, es gehört viel Personalverantwortung dazu, es gehört dazu, der Partner der Kommune zu sein und Sie merken schon, wenn ich die Aufgaben beschreibe, dann hat das ganz viel mit deutscher Kultur zu tun. Und das sind Aufgaben, in die man ganz, ganz langsam reinwachsen muss und in die es nicht fair wäre einfach jemanden reinzuwerfen. Und deswegen tun wir das auch nicht."

Tatsächlich ist aber genau das in der Vergangenheit vielerorts geschehen - die Gemeinden mussten irgendwie mit der Situation zurechtkommen. Dass im Laufe der letzten Jahre immer mehr ausländische Priester als fest eingeplante Arbeitskräfte eingesetzt wurden, ist weder geplant, noch von irgendeiner überdiözesanen Stelle begleitet worden. Es hat sich einfach so entwickelt, meist aus den vielen weltkirchlichen Kontakten heraus, die katholische Gemeinden pflegen.

Mit manchen Orden oder Gemeinden in Afrika und Asien haben sich inzwischen feste Kooperationen entwickelt. Aber jedes Bistum in Deutschland entscheidet in der Sache für sich, Kontakte untereinander gibt es zu dem Thema kaum. Dass vor Ort aber nicht alles nur glatt lief, ist wohl  kaum verwunderlich. Jochen Werner, Personalreferent der Diözese Rottenburg-Stuttgart.

"Gut, Konfliktfelder sind zum Beispiel die Beteiligung von ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Wieviel haben die zu sagen wieviel nicht? Das ist durchaus sehr unterschiedlich in unsrer Weltkirche.  Und da gibt’s schon manchmal Irritationen: Wie kommt es jetzt, dass eine Kommunionhelferin bei uns die Kommunion austeilt, wo ich doch als Priester da bin? Also solche Irritationen kommen vor und die versuchen wir aber im Vorfeld so anzusprechen, dass es nicht zum Problem wird."

Kein Thema scheint zu banal

Mittlerweile hat man dazugelernt. Auch die Kirchengemeinden werden inzwischen besser vorbereitet, zum Beispiel durch Kurse in interkulturellem Training. Die Begegnung mit dem Fremden scheint den Blick auf das Eigene geschärft zu haben, deshalb finden sich in dem Einführungsprogramm auch Seminare zu "Zeit und Pünktlichkeit", "Alte Menschen und Altenbesuche" oder " Mehr Sicherheit beim Telefonieren". Kein Thema scheint zu banal, um die Priester an die deutsche Kultur heranzuführen. Und die reagieren darauf neugierig und lernbereit. Beispielsweise auch beim Thema Ökumene. Pfarrer Jacob Susai aus Tamil Nardu.

"In Indien meine Erfahrung war: Evangelische Kirche gegen katholische Leute. Hier ganz anders: Evangelische Leute und katholische Leute haben Begegnungen und sehr freundlich miteinander. Ich finde sehr gut. Ich lerne sehr viel."

In Rottenburg-Stuttgart geht man inzwischen sogar soweit, das Phänomen des Einsatzes ausländischer Priester neu zu deuten.  Als rein pragmatische Lösung gegen Priestermangel bezeichnet sie heute in den Diözesen niemand mehr. Die Devise lautet: "Bereicherung statt Ersatz". Die Bildungsreferentin Claudia Guggemos.

"Von dem her ist für mich die Tatsache, dass wir Priester aus anderen Ländern haben, ein Teil einer sich globalisierenden und komplizierter werdenden Welt. Ein schöner Teil, einer der uns bereichert, und einer, an dem wir wachsen können und lernen können für andere Felder, in denen unser Leben komplizierter wird."

Und wie stehen die Priester selbst dazu? Auffällig ist das große Selbstbewusstsein, mit dem sie auftreten. Viele betrachten sich als Missionare und sind überzeugt, dass sie dabei mithelfen können, den Glauben in Deutschland wieder neu zu entfachen. Der materielle Reichtum der Kirche hierzulande beeindruckt da wenig. Pater Donatus Asomogha aus Nigeria.

"Wir sind Menschen und wir lernen von einander. Niemand hat alles, wir brauchen einander."

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