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Kompressor | Beitrag vom 22.12.2020

Pralinenschachteln von innenWie man Schokolade richtig bettet

Von Marietta Schwarz

Pralinenschachtel mit goldenem Inlet und verschiedensten Konfektsorten (picture alliance / Lehtikuva / Mikko Stig)
Das recht unterschiedliche Innenleben von Pralinenschachteln betrachtet Marietta Schwarz in dieser Weihnachtsausgabe ihrer Reihe "Gestalten!" (picture alliance / Lehtikuva / Mikko Stig)

Beim Öffnen einer Pralinenschachtel fällt das Kunststoff-Inlet ins Auge, auf dem die Pralinen drapiert sind. Das sieht immer ein wenig anders aus. Welche Gestaltungsgrundsätze kommen dort zum Zuge? Und was muss so eine Schachtel eigentlich können?

In dieser Folge von "Gestalten!" können Sie ein neues Fachwort lernen. Oder sogar zwei. Das eine heißt: Tiefziehteil. Und das andere: Pralinen-Spiegel, oder wie der Schweizer sagt: "Praliné-Tray".

"Tray" wie Tablett. Vielleicht wäre an dieser Stelle Silbertablett zutreffend oder sogar Goldtablett. Denn bei Lindt & Sprüngli werden die Pralinen auf einem goldenen Tiefziehteil aus Plastik präsentiert. Wie, habe ich mich gefragt, kommt es zum Aussehen dieses Plastikteils, das in einem Verfahren "tiefgezogen" wird? Warum hat es diese unregelmäßig gewölbte und geriffelte Oberfläche?

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Um eine Enttäuschung vorwegzunehmen: Ich habe es nicht herausgefunden. Obwohl mir der "Maître de Chocolat" Urs Liechti höchstpersönlich Fragen beantwortet hat:
– "Sind Sie denn derjenige auch, der auf dem Foto zu sehen ist – nein, oder?"
– "Ja, manchmal schon."

Urs Liechti antwortet auf manche Fragen ausweichend. Er ist der Meister für die Schokolade, sagt er. Andere kümmern sich um die Verpackung. Jedenfalls dauere es zwei bis drei Jahre bei Lindt, bis die Anordnung der Pralinen für eine neue Kreation in der Schachtel feststeht. Die Entwicklung eines Pralinenspiegels, sagt Urs Liechti, ist ein wunderbares, aber langwieriges Vergnügen:

"Die Pralinen-Einlage muss, wenn man die Schachtel öffnet, begeistern, und dann hat es einfach auch funktionelle Eigenschaften, wie wir diese Meisterwerke auch beim Transport schützen."

Stoßpuffer und Bettchen

Unten am Tiefziehteil zum Beispiel, dort, wo wir nie hinschauen, gibt es Auswölbungen, kleine Füßchen, die als Stoßpuffer dienen. Jedes sieht anders aus, wie auch die Pralinen eine große Bandbreite haben: Rund, eckig, hell, dunkel, dick oder dünn, gegossen oder geprägt. Jedes Bettchen im Tiefziehteil ist passgenau.

"Ist doch selbstverständlich", sagen Sie jetzt. Ist es nicht. Die Kunststoffeinlagen von Keksen und Pralinen sehen bei jedem Hersteller anders aus. Bei Sawade, einer Berliner Pralinenmanufaktur mit 140-jähriger Tradition, handelt es sich um ein schlichtes, durchsichtiges Plastikteil mit einem quadratischen Tiefziehraster.

"In unserem Fall ist es so, dass wir handgemachte Pralinen verkaufen oder auch herstellen. Deshalb hat jede Praline ein standardisiertes Bett. Das heißt, wir sind zu klein, um für jede Praline ein eigenes, individuelles Bett herzustellen", sagt Inhaberin Melanie Hübel.

Auf den ersten Blick sieht also das Inlet einer Manufaktur-Praline von Sawade standardisierter, "industrieller" aus als das des industriell produzierenden Konkurrenten. Das ist doch verrückt! Aber es schafft eine Akkuratesse, einen Minimalismus, der die einzelnen Pralinen auch ohne Goldwölbungen erstrahlen lässt. Überhaupt ist die Sawade-Schachtel eine große Show, in der sich das Berlin der letzten 100 Jahre spiegelt:

"Die Muster beispielsweise sind Textilien und Stoffmustern aus den 20er-, 30er-Jahren entlehnt, dem Innenfutter von Mänteln, von Kleidern, von Hüten. Dieses typische Hutschachtel-Design, das es damals gab."

Ein Klassiker wurde verändert

Die Pappe der Schachtel ist richtig dick, so dass zwischen Deckel und Boden eine vornehme Schattenfuge entsteht. Nach dem Öffnen wird man mit einem marmorierten Innenleben im Deckel überrascht.

Es gab allerdings mal eine Überraschung, erzählt Melanie Hübel, die den Kunden gar nicht gefallen hat. Ein Sawade-Klassiker, der so genannte "Zarenhappen", sah irgendwie anders aus! Die Pralinen-Topografie hatte sich verändert, nachdem die Manufaktur einen Produktionsvorgang vereinfacht hatte:

"Da werden Sultaninen in Rum eingelegt über Nacht, damit die durchziehen. Dann werden die mit dunkler Kuvertüre vermengt und tatsächlich von Hand in so kleine Töpfchen gelöffelt. Und dann gab es die Überlegung zu sagen: Wir gießen die einfach. Aber das führt dazu, dass die Praline oben viel glatter wird und die eingelegten Sultaninen nicht mehr auftreiben."

Die Zarenhappen waren vom, sagen wir, Mittelgebirge, zum norddeutschen Flachland mutiert.

Fazit: Welche Pralinen auch immer Sie bevorzugen – schauen Sie auf die Details, denn da liegen die kleinen Geschichten verborgen.

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