Posttraumatisches Wachstum

Wie wir gestärkt aus der Krise kommen

04:30 Minuten
Ein Mensch unter einem gelben Regenschirm prüft den fallenden Regen. Er steht in einer dunklen Umgebung, unter dem Schirm ist aber heller Lichtschein.
Um Krisen zu meistern, können kleine Inseln der Positivität helfen, sagt Coach Christian Thiele. © imago / Ikon Images / Gary Waters
Ein Plädoyer von Christian Thiele  · 10.08.2021
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Die Gegenwart zerrt an unseren Nerven und die mentalen Reserven vieler Menschen sind erschöpft. Wie können wir den beständigen Druck aushalten? Der Coach Christian Thiele ist überzeugt, dass wir aus Krisen gereift und gestärkt hervorgehen können.
Erst Alpha, dann Beta, jetzt Delta: die Pandemie mit ihren Lockdowns, ihren Umbrüchen, ihrer Ungewissheit. Dann das Hochwasser mit seinen vielen, schrecklichen Folgen. Und jetzt kommen die Leute auch nicht in die langersehnte – und längst bezahlte – Ferienwohnung in Holland: Virusvariantengebiet.
Das macht mürbe, das laugt aus, irgendwann ist der Kanal voll.
Doch in jeder Krise steckt auch eine Chance.
Die positiven Folgen durch Krisen und nach Krisen werden in der psychologischen Forschung als "posttraumatisches Wachstum" begriffen und erforscht.
Posttraumatisches Wachstum ist nicht mit Resilienz zu verwechseln. Letztere schützt uns wie eine Art Gore-Tex-Schicht davor, dass Leid und Krise überhaupt zu sehr zu uns durchdringen.
Der Begriff der Resilienz kommt aus der Materialforschung: Schocks absorbieren und die ursprüngliche Funktion und Form wieder aufnehmen können – das ist Resilienz. Ein Fußball, der nach dem Freistoß wieder in seine Ausgangsform zurückkehrt, ist resilient. Schilfrohr, dass sich im Sturm biegt ohne zu brechen und danach wieder gerade steht, ist resilient.
Posttraumatisches Wachstum geht darüber hinaus.

Erweiterung der psychischen Ressourcen

Wer nach dem Verlust eines Partners, einem Unfall oder einem anderen Schicksalsschlag leidet, wer durch die typischen Phasen von Verleugnung, Wut, Verzweiflung und Resignation geht, nur die oder der, welche das sprichwörtliche Tal der Tränen durchwandert hat, kann so etwas wie posttraumatisches Wachstum erleben. Kann danach vielleicht von sich sagen: die Zeit des Leidens hat letztlich zu etwas Gutem geführt bei mir. Hat zu einer Erweiterung der psychischen Ressourcen geführt.
Was wären Beispiele für solche erweiterten psychischen Ressourcen?
"Ich habe seit der Katastrophe engeren Kontakt mit der Familie."
"Ich weiß mehr, worauf es ankommt im Leben."
"Ich kenne meine Stärken jetzt besser und habe neue an mir entdeckt."
Das sagen Menschen typischerweise, die das Gefühl haben, sie seien an einer Krise gewachsen. Das ist rund ein Drittel derer, die unter traumatischen Folgen einer Krise leiden mussten, schätzen Forscher.

Kleine Inseln von Positivität

Was können wir von diesen Menschen lernen? Was ist hilfreich, um posttraumatisches Wachstum zu befördern?
Wenn wir etwa an SoldatInnen denken, die KameradInnen bei Anschlägen im Auslandseinsatz verloren haben; an jene Menschen, die in der Oderflut Haus und Hof verloren; an die Opfer von Missbrauch oder Gewalt: Viele von ihnen haben uns vorgemacht, wie Wachstum an Krisen geht.
Und diese positiven Veränderungen kommen nicht von alleine. Sie lassen sich gezielt herbeiführen – vor allem durch drei Dinge:
Erstens: Kleine Inseln von Positivität. Momente von Gelassenheit, Dankbarkeit oder Humor im Alltag zu finden. Das weitet unser Denken, bringt uns aus dem Tunnel der Negativität.
Dann, zweitens: Bewusst Austausch suchen. Menschen helfen, denen es vielleicht noch schlechter geht. Sich bei anderen auskotzen. Der Mensch ist ein Sozialtier, nichts ist gefährlicher als Einsamkeit, gerade in Krisenzeiten. Und nichts hilft mehr als echtes Miteinander.
Strategie Nummer drei, um aus Krisen gestärkt hervorzugehen: Sinn finden in dem, was man tut. Durch ein Ehrenamt, in der Kindererziehung, im Job. Und vielleicht sogar Sinn finden in dem Leid, das einem wiederfahren ist, wozu es gut gewesen sein mag?
Und vielleicht noch ein viertes ist wichtig: Geduld!
Denn Sprüche wie "Was dich nicht umbringt, macht dich härter" bringen Menschen nichts, deren Partnerschaft gerade in die Brüche gegangen ist, deren Haus eben in den Fluten versunken ist.
Da braucht es erstmal: Anteilnahme und Mitgefühl.
Dann kann - vielleicht, über die Zeit - so etwas wie Wachstum aus der Krise entstehen.

Christian Thiele ist Coach und Autor und zu hören in seinem Podcast "Positiv Führen". Er gehört zum Trainerteam der Deutschen Gesellschaft für Positive Psychologie, ist (meist) zuversichtlicher Patchwork-Vater und lebt in Garmisch-Partenkirchen.

© privat
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