Porträt einer Kasernenhofdemokratie

An der Grenze von Pakistan und Afghanistan © picture alliance / dpa / Matiullah Achakzai
Rezensiert von Günter Rohleder · 26.08.2012
Pakistan gilt als das gefährlichste Land der Welt. Dominiert wird diese fragile Konstruktion eines islamischen Staates vom Militär. Kenntnisreich umreißt Christian Wagner die Geschichte des Landes. Seine Analyse von Schlüsselbegriffen wie "Sicherheit" und "Identität" zeigt jedoch Schwächen.
Mit über 170 Millionen Menschen zählt Pakistan zu den sechs bevölkerungsreichsten Ländern. Die Hälfte von ihnen sind Analphabeten. Um die 30 Millionen Pakistaner müssen mit weniger als einem Dollar pro Tag auskommen. Millionen Kinder verdingen sich als Billigstarbeitskräfte. Fast ein Viertel der Pakistaner sind unterernährt, jedes zehnte Kind stirbt vor dem fünften Lebensjahr.

Christian Wagner rückt aber nicht die sozialen Verhältnisse in den Fokus, sondern die Sicht des Auslands, vor allem des Westens auf das Nachbarland Indiens wie Afghanistans und Chinas.

"Das Image Pakistans hat sich in den letzten Jahren dramatisch verschlechtert. Spektakuläre Aktionen militanter islamistischer Gruppen, wie die Besetzung der Roten Moschee in der Hauptstadt Islamabad 2007 oder der Angriff auf das Hauptquartier der Armee im Oktober 2007, haben die Angst vor einer 'Talibanisierung' und vor einem Zerfall des Landes geschürt.

Die damit verbundene Gefahr, dass Teile des pakistanischen Nukleararsenals in die Hände von Terrororganisationen gelangen könnten, zählt zu den größten sicherheitspolitischen Herausforderungen der internationalen Staatengemeinschaft.
In keinem Land liegen Al-Qaida-Camps und Atomwaffenlager geographisch so nah beieinander wie in Pakistan."


Immer wieder ist Pakistan zum gefährlichsten Land der Welt und zum gescheiterten Staat erklärt worden. Kenntnisreich umreißt der Autor die politische Geschichte: 1947 spaltete es sich von Britisch-Indien ab. Nach der sogenannten Zwei-Nationen-Theorie sollten Hindus und Muslime aufgrund ihrer Religion und Tradition als eigenständige Nationen gelten und das Recht auf einen jeweils eigenständigen Staat haben.

Es entstand also der erste muslimische Staat - damals noch in West- und Ostpakistan geteilt und voneinander ohne direkte Verbindung 1500 Kilometer entfernt. In einer der größten Völkerwanderungen der Geschichte, durch Massaker und Pogrome vorangetrieben, wurden 15 Millionen Menschen auf dem indischen Subkontinent umgesiedelt. 1971, nach dem dritten indisch-pakistanischen Krieg, erklärte sich auch Ostpakistan als Bangladesh unabhängig.
Bis heute dominiert das Militär Pakistan - nach außen, im Dauerkonflikt mit Indien um die Kaschmirfrage oder durch die Unterstützung der afghanischen Taliban-Kämpfer, und ebenso nach innen.

"Die Streitkräfte haben die innenpolitische Entwicklung seit der Unabhängigkeit 1947 deutlich stärker bestimmt als die Parteien. In den 50 Jahren zwischen dem ersten Putsch 1958 und dem Beginn der dritten Demokratie 2008 regierten die Parteien nur insgesamt 17 Jahre das Land.

Das Militär hat sich nicht nur zum Staat im Staate entwickelt, sondern setzt in vielen gesellschaftlichen Bereichen die Grenzen der politischen Entwicklung. Obwohl die Bilanz der Streitkräfte im Hinblick auf Sicherheit, Entwicklung und Regierungsführung alles andere als gut ist, ist es keiner demokratischen Regierung gelungen, den Primat der Politik gegenüber den Streitkräften durchzusetzen."


Christian Wagner verwendet das Bild einer Kasernenhofdemokratie. Und beschreibt, wie die Vorherrschaft des Militärs die vier Bereiche Politik, Sicherheit, Wirtschaft und Identität beeinflusst.

Der Leser lernt viel über die konfliktreiche Geschichte Pakistans: die repressiven Eliten und Clans, die fragile Konstruktion eines islamischen Staates, die ethnischen, religiösen wie territorialen Spannungen. Nur wenig erfährt er aber über das Leben der Menschen, ihre reiche Kultur, ihren Alltag, ihre existenziellen Probleme.

Und besonders in den Kapiteln 'Sicherheit' und 'Identität' offenbart die Analyse große Schwächen. So schreibt der Autor:

"Sicherheit ist die klassische Domäne des Militärs. Aufgrund der innenpolitischen Konstellationen konnte sich das Militär sehr früh eine Unabhängigkeit von der politischen Führung sichern, die auch von den nachfolgenden demokratischen Regierungen nicht mehr rückgängig zu machen war."

Sicherheit? Wessen Sicherheit ist hier gemeint? Der Begriff 'Sicherheit' bietet keine analytische Trennschärfe, wird sie doch von Seiten der Militärs grundsätzlich für eigene Macht- und Herrschaftsinteressen instrumentalisiert.

Die Militärs rechtfertigen ihre ökonomischen und politischen Privilegien etwa mit dem Feindbild Indien, mit der Verteidigung der staatlichen Einheit und dem Kampf gegen den Terror.

Ähnlich ungenau geht Christian Wagner mit dem Begriff 'Identität' um.

"Die Konflikte über Demokratie, Religion und Ethnizität bilden seit der Unabhängigkeit die Eckpunkte im Ringen um nationale Identität."

Wer ringt hier um nationale Identität? Deutlich macht der Autor, dass es zwischen Belutschen, Punjabis, Paschtunen und Sindhis, zwischen Sufis und Islamisten, zwischen verschiedenen Sprachgruppen Streit und Kämpfe gibt, immer verbunden mit der Forderung nach mehr Autonomie.

Christian Wagner beruft sich auf Umfragen, um zu untermauern, dass die Bevölkerung mit den Vorstellungen einer pakistanischen Identität in erstaunlich hohem Maß übereinstimme. Im selben Atemzug führt er die Umfrageergebnisse auf den jahrelangen religiös-konservativen Diskurs über die nationale Sicherheit und die Beschwörung der äußeren Bedrohung zurück.

Also ist es doch wohl so, dass Eliten ihre Landsleute auf etwas einschwören, das irgendwann als Identität gehandelt wird, obschon es ursprünglich vielleicht nur deren Propaganda war. Und auch deshalb sagt er am Ende seiner Analyse voraus:

"Aufgrund seiner zahllosen inneren Probleme bleibt Pakistan in den nächsten Jahren ein Sorgenkind der internationalen Gemeinschaft."

Vorrangig gehe es dieser internationalen Gemeinschaft um die Stärkung der Demokratie, die wirtschaftliche Entwicklung, die Bekämpfung des internationalen Terrorismus, die Sicherheit des Nuklearprogramms, sowie um die Zusammenarbeit mit Pakistan zur Stabilisierung Afghanistans.

Die hehren Ziele des Westens werden stets zitiert, aber nicht grundsätzlich überprüft – nicht von der öffentlichen Meinung, nicht von der Presse und auch nicht von Christian Wagner. Wie wirkt sich denn der Kampf gegen den Terror auf das Leben der Bevölkerung aus? Oder wie erfolgreich wurde Demokratie in Pakistan unterstützt?

Allein bleibt der Leser auch mit der Frage, was zu tun wäre, um Pakistan aus dem Brennpunkt zu nehmen.

Christian Wagner: Brennpunkt Pakistan
Islamische Atommacht im 21. Jahrhundert
Verlag J.H.W. Dietz, Bonn, April 2012
Christian Wagner: "Brennpunkt Pakistan"
Christian Wagner: "Brennpunkt Pakistan"© Verlag J.H.W. Dietz
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