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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 27.05.2019

PolyamorieNicht nur eine Person lieben

Von Carolin Born

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Ein Herz aus roter Farbe und vielen Händen. (Unsplash / Tim Marshall)
Warum zu zweit bleiben? - Polyamorie als Gegenmodell zur klassischen Paarbeziehung. (Unsplash / Tim Marshall)

Wenn die Liebe mehreren Menschen gilt, diese Beziehungen offen und verbindlich ausgehandelt werden, spricht man von Polyamorie. Das Leben im Polykül ist eine Herausforderung. Christopher und Inna erzählen, wie sie mit Eifersucht, Begehren, Vorurteilen umgehen.

"Da gibt es das Vorurteil: Die wollen doch alle bloß vögeln. Oder: Das ist überhaupt nicht verbindlich. Oder: Das geht ja gar nicht, weil ja Eifersucht da ist. Und wenn man eifersüchtig ist, dann kann man das nicht aushalten, das funktioniert ja einfach nicht." 
 
Christopher Gottwald sitzt er auf einer Matratze am Boden. Um ihn herum rote Kissen und eine Kanne Tee. Der 48-Jährige kennt diese Vorbehalte. Seit über 15 Jahren lebt er polyamor, liebt also mehrere Menschen. Entgegen aller Vorurteile sind ihm Verlässlichkeit und klare Vereinbarungen wichtig. Ganz am Anfang stand bei ihm der Wunsch, nicht verlassen zu werden.

Am Boden liegt eine Matratze auf der Christopher Gottwald sitzt. Rechts neben ihm ein Tablett mit einer Kerze, Thermoskanne und Tassen. (Carolin Born)Lange fühlte sich Christopher Gottwald "als Alien", weil er Alternativen zur Paarbeziehung suchte. (Carolin Born)  
"Ich habe mich immer wahnsinnig verliebt. Und dann entstand da eine Beziehung draus. Und nach drei Monaten fand das Mädchen oder die Frau jemand anderes interessanter oder spannender und hat mit mir Schluss gemacht. Was mich immer in eine tiefe Krise gestürzt hat. Ich war meistens auch noch ein paar Wochen richtig krank. Irgendwann habe ich gemerkt, warum ist das eigentlich so?"

Polyamores Begehren löst Verunsicherung aus 

Auf der Suche nach Antworten hat Christopher Gottwald das klassische Beziehungsmodell immer mehr infrage gestellt: Warum nur eine Person lieben, wenn er gleichzeitig eine andere interessant findet? Warum nicht mehrere Beziehungen haben – und das offen zugeben? Doch darüber reden konnte er mit kaum jemand. 

"Das hat dann irgendwann so ein Gefühl gegeben: Ich bin ein Alien. Vielleicht bin ich auch falsch. Vielleicht sollte ich das alles wieder vergessen. Bis ich dann mit 31 eine Frau getroffen habe, die damals auch noch verheiratet war und gesagt hat: Okay, lass uns das ausprobieren, was passiert, wenn wir uns beide viel Freiraum lassen. Wenn wir Vereinbarungen treffen, was für uns geht und was nicht geht, und wenn wir uns alles sehr offen und ehrlich erzählen." 

Damit war Christopher Gottwald sehr glücklich, aber gleichzeitig verunsichert und eifersüchtig. Rat gefunden hat er bei einem Stammtisch für polyamore Menschen.

"Das war so ein richtig toller Moment, weil da plötzlich ganz viele Leute sind, die man versteht und die einen verstehen. Und mit denen man sich über all das austauschen kann, wo vorher nur kam: Ich mag da gar nicht darüber reden."

"Du kannst dich frei entscheiden"

Christopher Gottwald lebt mittlerweile in einem Beziehungsgeflecht. Um zu beschreiben, mit wem er in welcher Beziehung ist, braucht er zwei Minuten lang. Und weil er sowieso gerne über Polyamorie spricht, arbeitet er nicht mehr als Schauspieler, sondern bietet Beziehungsworkshops an.

"Das ist die Musik von Ludovico Einaudi, die ich so gerne mag. Und die ich gerne benutze für meine Workshops, die ich übrigens Playshops nenne, weil ich lieber spiele als arbeite." 
 
Bei seinen Workshops tanzen die Teilnehmer durch verschiedene Beziehungsformen, berühren sich und testen so spielerisch aus: Wie fühlt es sich an, in einer Dreiecks- oder Vierecksbeziehung zu sein? Christopher Gottwald will Polyamorie bekannter machen, aber niemand etwas aufzwingen.

"Ich will gar niemand überzeugen. Ich mag nur sagen: Das gibt es und du kannst dich frei entscheiden."

Rechtliche Hürden im Polykül mit Kindern

Auch Inna Barinberg will keine Anleitung geben, wie Menschen Beziehungen führen sollen. Auf ihrem Blog Polyplom will sie möglichst undogmatisch darüber schreiben und Erfahrungen über ihr polyamores Leben teilen.

"Gerade lebe ich in zwei Beziehungen. Das schon seit dreieinhalb oder vier Jahren. Eine von meinen Partner*innen hat auch noch eine Beziehung, das heißt, in unserem Polykül sind wir zu viert. Da sind eigentlich die letzten dreieinhalb Jahre nicht wirklich Leute enger dazugekommen. Vor allem, weil wir jetzt auch Familienplanung angehen und dann unsere ganze Zeit und Energie dafür draufgeht."
 
Rechtlich ist das Kinderkriegen im Polykül eine große Herausforderung.

"Es ist in Deutschland grundsätzlich schwierig, mit mehr als einer Person – und erst recht, wenn man kein Hetero-Paar ist – überhaupt Familienplanung anzugehen. Das wird vom Staat gar nicht unterstützt. Und auch später: Wer adoptiert ein Kind, wer hat Rechte und darf rechtlich gesehen als erziehungsberechtigte Person handeln?"

Eifersucht ist ein großes Thema

Auch darüber schreibt Inna Barinberg und sie hält Vorträge. Es geht dabei meistens um intime Themen, die sie selbst beschäftigen, wie zum Beispiel Eifersucht. Ein Thema, das bei Polyamorie oft mit dazugehört. Dazu gibt sie auch Workshops. Der Inhalt: Eifersucht entschlüsseln.

"Im Grunde genommen geht es mir darum, dass Menschen ein Gefühl oder einen Gefühlskomplex, den sie empfinden, nicht einfach wegstoßen, weil er ihnen nicht gefällt. Sondern als Teil von sich anerkennen können. Oder ich sie darin unterstützen möchte, das anzuerkennen und sich dadurch besser kennenlernen, aber auch verstehen, welche Bedürfnisse dahinterstehen oder was ihnen helfen könnte, damit umzugehen."   

Inna Barinberg steht vor einem schwarzen Hintergrund, trägt ein graues Hemd und schaut freundlich in die Kamera. Ihre Haare sind hochgesteckt und teilweise abrasiert. (Oliver Magda)Wirbt für verschiedenste Beziehungsarten: Inna Barinberg. (Oliver Magda)
Auch sie selbst hat das erst einmal gelernt. Als sie mit ihrer Beziehungsperson in eine neue Stadt gezogen ist, haben sie gemeinsam beschlossen, die Beziehung zu öffnen.

"Und damals eher so für physische Erfahrungen mit anderen Leuten. Ziemlich restriktiv, also mit der Regel, sich nicht zu verlieben. Davor hatten wir damals noch ziemlich Angst."

Um das zu verhindern, hat sie versucht, nicht zu viel Zeit mit anderen Personen zu verbringen. Und dabei die Erfahrung gemacht: Erotik oder Intimität lassen sich nicht so einfach steuern. Gefühle entwickeln sich manchmal einfach so, auch bei kurzen physischen Abenteuern.

"Man braucht sich heutzutage ja nicht mal sehen dafür. Man kann auch permanent schreiben oder sich Fotos schicken. Und dann frage ich mich: Wo ist die Grenze zwischen: Wir haben nur einmal im Monat Sex, aber die meiste Zeit schreiben wir dann trotzdem. Und dann wurde es einfach immer schwieriger, Grenzen zu finden, und deswegen mache ich das so nicht mehr oder zumindest tue ich nicht so, als wäre das nicht auch eine Sache, die ziemlich schnell passieren kann. Und dann ist es eine Frage, wie man damit umgeht. Aber dass es passieren kann, ist ziemlich realistisch."

Welches Beziehungskonzept macht glücklich?

Auf ihrem Blog schreibt Inna: "Ich führe sehr zufrieden zwei Liebesbeziehungen." Und dass sie die Weisheiten offener Beziehungen nicht mit dem Löffel verschlungen hat. Sie ist auf der Suche, will niemanden belehren. Wichtig ist ihr dabei:

"Dass sich Leute vielleicht darin wiederfinden oder irgendetwas daran sie unterstützt oder sie in mir im weitesten Sinne ein Role Model sehen, weil sie gerade damit anfangen. Und sich denken: Cool, dass da jemand ist, der nicht sagt: Du hast das so und so zu leben, sondern mir Ideen vorgibt, wie es sein könnte." 

Auch wenn Polyamorie bekannter wird: Die Zweierbeziehung gilt meistens als das Erstrebenswerte oder gar Heilige, so Inna Barinbergs Kritik, sodass für alles andere kaum Platz oder Beachtung da ist. Deshalb will sie dazu anregen, das Konzept der monogamen Beziehung zu hinterfragen, unter dem Gesichtspunkt: Was macht mich am glücklichsten? Das kann auch eine klassische Zweierbeziehung sein.

"Wenn Leute sagen: Monogamie macht mich am glücklichsten, dann ist mir das Jacke wie Hose. Genauso wie, wenn Leute sagen: Polyamorie macht mich am glücklichsten."

Mehr zum Thema

Plädoyer für "aufgeklärte Monogamie" - Gegen den Exklusivanspruch in der Liebe
(Deutschlandfunk Kultur, Zeitfragen, 07.06.2018)

Verwandtschaft, Polyamorie, Co-Parenting - Warum öffnen wir die Ehe nicht tatsächlich für alle?
(Deutschlandfunk Kultur, Politisches Feuilleton, 21.11.2018)

Beziehungsmodell Polyamorie - Ich will dich und dich - und dich auch
(Deutschlandfunk Kultur, Echtzeit, 17.03.2018)

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