Uploadfilter auf YouTube

Wie die US-Polizei Musik missbraucht

07:30 Minuten
Bewaffnete Polizisten stehen in einer Reihe, um bei einer Demonstration eine Straße zu blockieren.
Die Polizei im kalifornischen Santa Ana ließ bei Einsätzen Musiktitel aus Disney-Filmen laufen: Sie will damit pivate Videos von Einsätzen im Internet verhindern. © picture alliance / ZUMApress.com / Leonard Ortiz
Mike Herbstreuth im Gespräch mit Andreas Müller · 25.04.2022
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In den USA spielt die Polizei mancherort bei Einsätzen laute Musik. Sie will damit verhindern, dass private Handyvideos auf YouTube landen. Diese blockiert ein Uploadfilter, der eigentlich nur das Urheberrecht an der Musik schützen soll.
In den USA spielt die Polizei bei Einsätzen neuerdings mitunter laut Musik ab, zum Beispiel Songs aus putzigen Disneyfilmen wie „Toy Story“ oder „Coco“. Der Grund für die Beschallung durch die Cops ist allerdings weniger niedlich: Wenn im Hintergrund bekannte Songs deutlich zu hören sind, können mit dem Handy aufgenommene Videos von Polizeieinsätzen wegen des Urheberschutzes nicht auf YouTube veröffentlicht werden.
Eventuelles Fehlverhalten der Beamten oder Polizeibrutalität kann so mit Hilfe der Uploadfilter von YouTube nicht verbreitet werden. Das nutzt unter anderem die Polizei der Stadt Santa Ana, südlich von Los Angeles, aus. Dort gab es immer wieder Unruhen und Proteste wegen Polizeigewalt, die sich vor allem gegen Afroamerikaner richtete.

Die Filter blocken kritische Videos

Auch Musik von Taylor Swift oder den Beatles dröhnt ab und an aus den Lautsprecheranlagen der Polizei, berichtet der Musikjournalist Mike Herbstreuth. Er nennt das „Zensur durch Urheberrecht“.
Dennoch scheint die Rechnung der Polizei nicht in jedem Fall aufzugehen, fügt Herbstreuth hinzu. Die Ordnungshüter überschätzten offensichtlich, wie gut die Uploadfilter seien: „Wenn das unbestimmt aus einem Auto irgendwo im Hintergrund übersteuert krisselt, dann kapieren die Algorithmen das offensichtlich nicht.“
Die Filter funktionieren laut Herbstreuth auch in anderer Hinsicht nicht so wie gewollt. Denn sie blockierten auch Remixe, Zitate, einordnenden Musikjournalismus oder das Hochladen von Klassikstücken, die eigentlich urheberrechtsfrei seien. "Die Uploadfilter sind oft so rigoros, dass schon ein paar Sekunden Musik reichen, um ein Video als Urheberrechtsverletzung zu markieren.“

Chopin ist eigentlich rechtefrei

Besonders gut sei das am Beispiel von klassischer Musik nachzuvollziehen, die sehr oft rechtefrei sei, weil der Schutz 70 Jahre nach dem Tod des Urhebers endet: „Wenn ich Klavier spielen könnte, ein aufstrebender Pianist wäre und ein Konzert von Chopin spielen und auf meinem YouTube-Kanal hochladen wollen würde, dann kann es sein, dass dieses Video vom Filter geblockt wird", erläutert der Journalist: "Weil ein Klassik-Label vielleicht genau dieses Pianokonzert von Chopin mal auf YouTube veröffentlicht und es so ins Filtersystem geladen hat."
Ebenfalls betroffen: Remixe oder Parodien von Songs. Die seien eigentlich erlaubt, wenn die neuen Werke eine gewisse eigene "Schöpfungshöhe" erreichten, betont Herbstreuth. Sprich: Wenn sie sich weit genug vom Original entfernt haben.
„Das kann ein Filter mit einem Schnipsel von ein paar Sekunden aber gar nicht bewerten", ist der Journalist überzeugt. "Deshalb wird da sehr viel geblockt und die Kreativität von Musikschaffenden sehr eingeschränkt - und auch ihre Möglichkeiten, mit Videos, mit ihrer Arbeit, Geld zu verdienen.“
(mkn)

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