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Im Gespräch | Beitrag vom 07.03.2019

Politikwissenschaftler Thomas NoetzelDer Versuch, den Populismus zu verstehen

Moderation: Klaus Pokatzky

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Professor für Politische Theorie und Ideengeschichte Thomas Noetzel vor einem Bücherregal. Er guckt gerade in die Kamera, von links scheint Licht durchs Fenster. (privat)
Professor für Politische Theorie und Ideengeschichte Thomas Noetzel. (privat)

"Ich hatte Liebe, Zufall und Glück", sagt Thomas Noetzel. Der Politikwissenschaftler, der im Rollstuhl sitzt, forscht über Populismus. Er möchte herausfinden, "was die Menschen bewegt, wenn sie auf die Straße gehen und Sprüche klopfen".

Thomas Noetzel hat früh erfahren, dass Gewissheiten Illusionen sind. Als er in den 1960er-Jahren die Grundschule in Münster besuchte, war er der erste Schüler im Rollstuhl. Damals sprach noch niemand von Inklusion. Er lernte darauf zu vertrauen, dass alles schon irgendwie werden wird. Dieses Vertrauen hat ihn weit gebracht. Heute ist Thomas Noetzel verheiratet und hält den Lehrstuhl für Politische Theorie und Ideengeschichte an der Universität Marburg. Der Weg dorthin war nicht geplant. In einem Zeitungsinterview beschrieb Noetzel ihn so: "Ich hatte es leicht im Leben. Ich hatte Liebe, Zufall und Glück." 

"Wir müssen versuchen zu verstehen, was die Menschen bewegt"

Zurzeit erforscht Thomas Noetzel unter anderem den Populismus. Vor einem Urteil über populistische Bewegungen müsse man diese gründlich beobachten: "Wir müssen dem Populismus zunächst einmal gerecht werden, indem wir versuchen, ihn zu verstehen. Indem wir versuchen zu verstehen, was die Menschen bewegt, wenn sie auf die Straßen gehen und Sprüche klopfen."

Der Populismus tritt mit dem Anspruch auf, authentisch zu sein, sagt Noetzel. Populisten wollten "die Wahrheit des Volkes" repräsentiert sehen. "‘Wir sind das Volk‘ ist der eigentliche Slogan, unter dem alle populistischen Bewegungen antreten. Die Bindungskraft repräsentativer, liberaler Demokratie ist erschöpft, weil die Probleme, die diese liberalen Demokratien lösen wollten, wie die Partizipation, zum großen Teil nicht gelöst worden sind. Demokratie ist ja ein Prozess, der in sich immer wieder neu befeuert werden muss und da gibt es Erstarrungen."

"Krankheit ist das Maß an Gesundheit, das möglich ist"

Thomas Noetzel hält politische Urteilskraft für eine notwendige Voraussetzung von politischem Handeln. Politische Urteilskraft sei "ein Können" und erfordere die Fähigkeit, "Spannungen und Widersprüche auszuhalten", Zufall zu kalkulieren und zu differenzieren. Allerdings sei heute vor allem die Fähigkeit zu differenzieren "auf dem absteigenden Ast". Doch Noetzel gibt die Hoffnung nicht auf, dass sich das wieder ändern könnte. Im Leben wie in der Politik "muss man von den Möglichkeiten ausgehen, nicht von den Beschränkungen". "Ein Grundslogan meines Lebens ist: 'Krankheit ist immer das Maß an Gesundheit, das möglich ist.' Ich bin ein melancholischer Optimist."

Angela Merkel findet der Politikwissenschaftler zwar "ganz knuffig", er gehört allerdings politisch einem anderen Lager an: Thomas Noetzel ist Mitglied der SPD und des Magistrats von Stadtallendorf (Hessen). Die dortigen Kindergärten schicken jetzt ihr Spielzeug für sechs Wochen in den Urlaub, damit die Kinder lernen, ihre psychische Widerstandskraft und Frustrationstoleranz zu stärken. "Man kann zum Beispiel miteinander spielen. Man kann in der freien Natur spielen. Man kann die Vorstellung, man müsse sich immer mit seinem Spielzeug zurückziehen, auch aufgeben. Und außerdem tut es dem Spielzeug auch ganz gut, wenn es mal in den Urlaub fährt."

(ruk)

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