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Lesart | Beitrag vom 24.07.2021

PolitikerbücherGeschenkbücher aus dem Wortbordell

Moderation: Florian Felix Weyh

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU), stellt das Buch „Der Machtmenschliche - Armin Laschet. Die Biografie“ vor.  (dpa-Zentralbild / Britta Pedersen)
Ausgerechnet Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) stellte eine Biografie seines NRW-Kollegen Armin Laschet (CDU) vor. Dieser revanchierte sich Wochen später. (dpa-Zentralbild / Britta Pedersen)

Im Buchmarkt nehmen Politikerbücher eine Sonderstellung ein: Die Inhalte sind oft plattitüdenhaft, nicht selten hat der Coverautor den Text gar nicht verfasst. Eine Lektorin, eine Ghostwriterin und ein Historiker versuchen, das Phänomen zu ergründen.

"Natürlich machen Verlage das gerne, wenn der Name prominent ist", sagt Annalisa Viviani, die seit zwei Jahrzehnten ein Lektoratsbüro betreibt. Gemeint ist die Veröffentlichung von Büchern von Politikerinnen und Politikern. "Es hängt natürlich auch vom Sympathiefaktor des Autors ab, ob man das dann verschenkt oder nicht", räumt Viviani ein. Aber gekauft würden diese Bücher durchaus.

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Sie hat das im Herbst 2020 erschienene Buch "Neue Zeit" von Friedrich Merz lektoriert. "Er hat es selber geschrieben, aber sich mit einem Team mit drei, vier Mitarbeitern immer wieder abgesprochen." Akribisch wurden von ihr alle Zitate überprüft und bibliografisch nachgewiesen. Dafür existiere im Sachbuch allerdings keine branchenweite Vereinbarung: "Diese Norm hat es leider nie gegeben",  bedauert Viviani. "Man überlässt es einfach dem Empfinden des Autors und des Lektors. Normalerweise müsste man alles nachweisen."

Politiker, die definitiv ihre Bücher selbst geschrieben hätten, seien Peter Glotz und Bundespräsident Roman Herzog gewesen. Ein Unterschied zwischen Büchern von Ghostwritern und Selbstschreibern lasse sich durchaus erkennen.

"Ich meine, dass man da schon mehr Herzblut dahinter merkt. Das war bei Peter Glotz und bei Roman Herzog ganz besonders stark, dass es ihnen um die Sache ging, und es nicht nur ein Instrument der Selbstinszenierung oder zur Korrektur des eigenen Images war."

Eine unpersönliche Dienstleistung

Wer wirklich etwas zu sagen hat, meidet das "Wortbordell" vielleicht auch lieber, wie die Berliner Ghostwriterin Claudia Cornelsen ihr Geschäftsfeld nennt.

Sie steht zu diesem drastischen Ausdruck: "Mir geht es darum, dass es eine bezahlte Dienstleistung ist, über die man nicht redet, wenn man sie in Anspruch nimmt. Das ist halt schambehaftet und wird verdammt und verteufelt, obwohl es doch relativ gebräuchlich ist."

Als sie noch eine größere Agentur betrieb, habe sie das Verfahren mit vielen Schreibern so industrialisiert, dass man ein Buch in sechs Wochen fertigstellen konnte. "Eine der Ideen war dabei, dass niemand der Ghostwriter durch die Gegend rennen kann und sagen: ‚Ich hab’s in Wahrheit geschrieben!‘. Sondern auf diese Weise war völlig unklar: Wer ist der Urheber eigentlich von was?" Denn Urheber soll immer derjenige sein, der dafür bezahlt hat: der Auftraggeber.

In der Textcollage den Überblick bewahren

Auch als Solo-Ghostwriterin schöpft sie weniges aus sich selbst: "Natürlich arbeite ich mit extrem vielen Textvorlagen. Es sind große Collagen", sagt Cornelsen. Wie jeder Profi weiß sie um die Plagiatsgefahren.

Beim Buch "Welt in Gefahr" von Wolfgang Ischinger, Leiter der Münchner Sicherheitskonferenz, wollte sie sichergehen und ließ den Text durch eine Plagiatserkennungssoftware laufen: "Einzelne Stellen waren knallrot, es gab große Aufregung im Team. Dann haben wir festgestellt: Das waren seine eigenen Texte. Gastbeiträge, die er irgendwie in der 'FAZ' oder irgendwo geschrieben hatte."

Anders als in der Wissenschaft darf man diese im Sachbuch durchaus recyceln: "Wenn er kluge Formulierungen gefunden hat, warum sollte er die jetzt nicht wiederverwenden? Es geht ja auch um pointiertes Schreiben."

Der Drittelmix macht's

Oft sind Politikerbücher jedoch alles andere als pointiert und strotzen vor Plattitüden. Auf sie verzichten könne man nicht, sagt Cornelsen. Sie wendet eine Formel an, die sie irgendwo mal gelesen hat: "Ein gutes Buch besteht zu einem Drittel aus Allgemeinplätzen, damit die Leute sich zu Hause fühlen. Zu einem Drittel aus was Neuem und zu einem Drittel aus was Unverständlichem. Damit die Leute merken, dass man auch kompetent ist – und zwar schlauer als die Leserschaft."

Dass es neben Plattitüden und Floskeln in Politikerbüchern oft nur so von Bildungszitaten von Kant bis Goethe wimmelt, sei kein reines Aufplustern: "Es ist ein Anpassen an die Zielgruppe: Wen will ich erreichen?" Denn die für Politiker mit Büchern ansprechbare Wählerschaft sei letztlich das Bildungsbürgertum. Da geht es um Habitus; mit Stammtischparolen komme man nicht weiter.

Allerdings müsse man für solche Qualität einen "höheren fünfstelligen Betrag" aufbringen, erklärt Cornelsen. Die in den letzten Wochen mehrfach genannte Summe von 10.000 Euro – oder noch krasser: ein Cent pro Zeichen, was auf 5000 Euro hinausliefe – entspräche dann mehr einem schnellen "Blowjob" im Wortbordell: "Wenn ich ein ordentliches Buch will, muss ich auch eine ordentliche Arbeit bezahlen", sagt sie.

Der Historiker muss quellenkritisch bleiben

Nicht selbst geschriebene Bücher als historisches Quellenmaterial: Ist das für Historiker problematisch? Nein, findet der Zeitgeschichtler Thomas Brechenmacher von der Universität Potsdam: "Wir als professionelle Historiker sind die Methode der Quellenkritik gewohnt, das heißt, wir klopfen ohnehin jede Quelle auf ihre Substanz ab."

Im Falle des berühmtesten Politikerbuchs der Nachkriegszeit, Ludwig Erhards "Wohlstand für alle", schrieb der CDU-Politiker deutlich in der Ich-Form, obwohl er auf dem Titelblatt einen Co-Autor auswies. "Ich müsste noch eine Stufe zurückgehen und mir anschauen, welche Texte sind hier wirklich zitiert und aus welchem Zusammenhang sind die wieder gerissen", meint Brechenmacher. "Es ist eine Art Sezierung notwendig, dass wir uns letzten Endes ein Urteil darüber bilden können, wie das Ich in diesem Zusammenhang zu bewerten ist."

Politikerbücher manchmal ergiebiger als Akten

Grundsätzlich seien solche Quellen aber nicht untauglich: "Das kann man machen!" Er selbst habe in einem Buch auf veröffentlichte Schilderungen des CDU-Politikers Friedbert Pflüger zum Parteispendenskandal zurückgegriffen, "Ehrenwort" aus dem Jahr 2000: "Man kann über dieses Buch noch mal in die erhitzte Atmosphäre dieser Zeit eintauchen und erfährt so viel aus dem Bereich, in den man normalerweise über Aktenstudium nicht vordringt, also aus den Gremien zum Beispiel."

Natürlich dürfen Historiker nicht in die "Nachruhmfalle" tappen und autobiografische Texte, die der Selbstdarstellung und Selbstverschönerung dienen, unkritisch rezipieren. Aber dass der als Selbstdarsteller auch nicht untalentierte Winston Churchill 1953 für seine Darstellung des Zweiten Weltkrieges den Literaturnobelpreis erhielt, sei durchaus angemessen gewesen: "Es ist ein stilistisch großartiges Buch."

Selbst wenn Churchill es nicht ganz alleine geschrieben haben sollte, würde er sich in guter Gesellschaft mit einem anderen Literaturnobelpreisträger befinden: "Thomas Mann war der größte Plagiator aller Zeiten, der eins zu eins Sachbuchtexte übernommen hat", sagt Claudia Cornelsen. "Da arbeiten sich dann Literaturwissenschaftler in ihren Doktorarbeiten ab, um noch mal was zu finden."

(ffw)

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