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Im Gespräch | Beitrag vom 23.06.2021

Politiker und Unternehmer Claus Ruhe Madsen"Auch in Badehose werde ich als Oberbürgermeister angesprochen"

Moderation: Katrin Heise

Der Däne Claus Ruhe Madsen, Oberbürgermeister von Rostock, sitzt an seinem Schreibtisch hinter einer dänischen Fahne. (picture alliance / Bernd Wüstneck)
"Man ist quasi 24 Stunden am Tag Oberbürgermeister", sagt der Rostocker OB Claus Ruhe Madsen über sein Amt. (picture alliance / Bernd Wüstneck)

Seit 2019 ist der Däne Claus Ruhe Madsen Oberbürgermeister von Rostock. Damit ist er der erste ausländische Chef einer deutschen Großstadt. Bundesweit bekannt wurde er durch sein Corona-Management. Jetzt will er die Verwaltung der Stadt umkrempeln.

Wenn Claus Ruhe Madsen Sätze sagt wie: "Smile City Rostock, wir möchten gemeinsam glücklich leben", dann wird klar: Hier spricht nicht nur der Oberbürgermeister der Stadt, sondern auch der Unternehmer.

Gerade plant der 48-Jährige die Reform seiner Verwaltung. Der Däne, wenig überraschend, setzt auf Digitalisierung und schnelle Entscheidungen.

Zehn Mann, elf Wege

"Wenn Sie zehn Mann in einen Raum zusammenholen, können Sie sicher sein, dass die elf Wege finden, warum man etwas nicht ermöglichen kann. Wir müssen einfach zu einer Kultur kommen, wo wir Sachen ermöglichen."

Eine Idee, wie man Wohnungen, Radwege oder Schulen schneller bauen kann, die hat Madsen schon: Alle, die zum Beispiel mit der Errichtung eines Schulgebäudes beschäftigt sind, sollen zukünftig in einem Projekt zusammengefasst werden.

"Wir haben ein Bauamt, ein Liegenschaftsamt, ein Stadtentwicklungsamt. Warum haben wir eigentlich nicht ein Amt für Baugenehmigung? Und da kommen alle Menschen, die zum Thema Schule arbeiten, in einen Raum zusammen, arbeiten gemeinsam an der Schule von morgen." 

"Können nicht alles zu 120 Prozent planen"

Claus Ruhe Madsen präsentiert sich gern als Macher. Wichtig sei ihm, Dinge anzupacken, neu zu denken, auszuprobieren.

"Wir müssen lernen, dass wir nicht alles zu 120 Prozent planen können, sondern eher zu 80 Prozent. Wir sind in einem Prozess. Wir leben in einer Welt, die sich so schnell verändert, versuchen aber, am alten System festzuhalten." 

Seit 2019 ist der Däne Claus Ruhe Madsen Oberbürgermeister von Rostock, damit der erste ausländische einer deutschen Großstadt. Eine EU-Richtlinie aus dem Jahr 1994 macht das möglich.

Bundesweit bekannt wurde Madsen während der Corona-Pandemie. Schnell war vom "Rostocker Weg" die Rede. Die Maßnahmen in der Hansestadt wurden gelobt, aber auch mit reichlich Skepsis bedacht.

"Ich hatte das Infektionsgesetz nachgelesen. Da steht genau drin, wenn Sie eine Pandemie verhindern wollen, dann müssen Sie einen Lockdown machen, bevor die Pandemie da ist. Und deswegen habe ich gleich gesagt, wir schließen unsere Schulen. Dann habe ich sehr viel Inspiration aus Dänemark geholt. Neben den deutschen habe ich immer die dänischen Nachrichten geguckt, natürlich auch die internationalen Nachrichten. Und daraus habe ich versucht, eine gute Strategie für Rostock zu machen", erzählt Claus Ruhe Madsen.

Der Realität ins Auge sehen

Trotzdem erlaubte die Stadt Rostock, früher als andere deutsche Städte, ein Fußballspiel mit über 7000 Zuschauern. Es ging um den Aufstieg von Hansa Rostock in die 2. Bundesliga. Das sorgte für Kopfschütteln. Die Schulen dicht, aber Tausende Fans im Stadion?  

Für den Hansa-Fan und Oberbürgermeister war das kein Widerspruch:

"Wenn man weiß, dass Hansa aufsteigen kann, weiß man auch, dass es sehr viele Menschen freuen wird, dass sie ihre Freude auch irgendwo loswerden wollen. Man muss der Realität ins Auge schauen. Man kann ja nicht sagen, es findet nicht statt. Das ist nicht Verantwortung Übernehmen. Danach sind übrigens viele Menschen in Richtung Rathaus gegangen. Da hat man gesagt: ‚Das wird ein Superspreader-Event‘. Im Nachgang gab es genau null Fälle."

Claus, der Möbelhändler

Geboren wurde Claus Ruhe Madsen 1972 in Kopenhagen. Für ein geplantes Auslandsjahr ging er ins Ruhrgebiet, nach Dänemark kehrte Madsen allerdings nicht zurück. Er bewarb sich in einem Möbelhaus. "Claus, das ist die beste Bewerbung", hieß es nur wenig später am Telefon. Nach ein paar Minuten sollte sich aber herausstellen: "Es war auch die einzige Bewerbung", erinnert sich der Däne.

Bald danach wurde aus dem Verkäufer erst der Filialleiter, dann machte Madsen sich selbstständig, gründete sein eigenes Unternehmen.

Während des Wahlkampfs 2019 wurde Madsen von Gewerkschaftsseite und Teilen der Jusos dafür kritisiert, dass er weder Tariflöhne zahle, noch einen Betriebsrat zulasse. Diese Kritik weist der Unternehmer aber zurück.

"Jeder kann mit mir reden"

"Meine Firma ist eine kleine Familienfirma. Meine Tür stand immer schon auf. Jeder Mensch konnte zum Chef gehen und mit mir reden. In über 20 Jahren Unternehmertum war ich nicht vor dem Arbeitsgericht. Nach dem Vorwurf, wir würden nicht nach Tarif bezahlen, haben wir mal gezählt. Dabei sind wir zu dem Ergebnis gekommen, dass wir im Durchschnitt vier Prozent mehr bezahlen."

1998 kam Claus Ruhe Madsen nach Rostock, in die "weltschönste Stadt". So sieht das zumindest der parteilose Oberbürgermeister. Dabei zog ihn weniger die Stadt, als vielmehr der Fußballverein Hansa Rostock. Bundesweit hatte die Hansestadt in dieser Zeit kein gutes Ansehen, die Ausschreitungen von Rostock-Lichtenhagen lagen nur wenige Jahre zurück.

Für Madsen habe das damals keine große Rolle gespielt. "Ich war ein junger Mensch. Und wenn ich ehrlich bin, gab es seinerzeit in einigen Städten in Europa, ja auch in Deutschland, solche Anschläge. So habe ich persönlich Rostock nicht so sehr damit verbunden."

"24 Stunden am Tag Oberbürgermeister"

Als Unternehmer war Claus Ruhe Madsen über Jahre im Ehrenamt Präsident der Industrie- und Handelskammer zu Rostock. "Ich habe mich da sehr engagiert, auch im Bundeswirtschaftsministerium, war da zuständig für Bürokratieabbau. Und dann wurde ich irgendwann gefragt, ob ich nicht Lust hätte, Bürgermeister zu werden."

So kam es dann auch. Nach zwei Jahren im Amt weiß der Däne übrigens sehr genau, was den Unternehmer vom Oberbürgermeister unterscheidet:

"Sie können keine Pippi-Langstrumpf-Politik machen und sagen: `ich mache mir die Welt, wie sie mir gefällt`. Man ist quasi 24 Stunden am Tag Oberbürgermeister. Das heißt, auch wenn Sie mit einer Badehose am Strand stehen, sprechen Menschen Sie als Oberbürgermeister an. Da fühlt man sich tatsächlich, obwohl man eine Badehose trägt, nackt."

(ful)

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