Politik und Kunst

Herzensarbeiter für Europa

Wim Wenders zeigte sich bei der Konferenz von der EU enttäuscht. © picture alliance / dpa
Von Christiane Habermalz · 03.03.2014
Wenige Monate vor den Europawahlen wird das Bild der EU von Bankenkrise und Bürokratie dominiert. In Berlin haben Politiker und Intellektuelle diskutiert, welche Rolle Künstler und Kunst für die EU spielen.
Der Regisseur Wim Wenders macht aus seiner Enttäuschung über die Entwicklung der Europäischen Union keinen Hehl. Er habe als Kind geträumt von der Vision eines vereinten Europas, doch was er nun erlebe sei Bürokratie und Verwaltung. Wie, fragt er, kann Brüssel einfach zur Tagesordnung übergehen, wenn doch etwas Essentielles, Grundlegendes offenkundig fehlt:
"How can Brussels hold on business as usual, when it should see so clearly that something primary, essential, necessary is missing."
Die Menschen, schimpfte Wenders, bräuchten mehr als Politik und Wirtschaft, nämlich: Nahrung, Seele, Emotionen, Ideen, Identifikation, Zugehörigkeit. Mit einem Wort: Kultur.
"Immer wenn Not am Mann ist, wenn Europas Image im Keller ist, werden die Künstler und Filmemacher zu Hilfe gerufen, sie sitzen dann in Talkshows und auf Podien. Aber ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass wir nur das Feigenblatt sind. Wir sind nur Gelegenheitsgäste am Tisch, ohne wirklich Einfluss auf die Politik nehmen zu können."
Dem widersprach der frühere luxemburgische Ministerpräsident Jean-Claude Juncker vehement. In Brüssel werde keinesfalls nur über Zahlen geredet, es gebe viele institutionelle Begegnungen mit Kultur, als Beispiel nannte er die jährlich neu gewählte Europäische Kulturhauptstadt, in der gerade länderübergreifenden Kulturregionen herausgehoben und gefördert würden:
"Zu denken, in Brüssel säßen nur stupide Finanzpolitiker, ist ein Irrglaube."
Dass es an Zusammengehörigkeitsgefühl, an Einfühlungsvermögen mit der Situation der anderen fehlt, räumt auch er ein, für ihn besteht das Problem jedoch vor allem darin, dass immer weniger Europäer andere Sprachen sprechen und schlicht zu wenig übereinander wüssten. Der Traum von Europa ist für ihn noch lebendig, er sei ein Verdienst der Nachkriegsgeneration, die es geschafft habe, aus der Überzeugung "Nie wieder Krieg" das politische Programm eines friedlichen, sicheren Europas zu schaffen.
Einfache Erkenntnis ohne Konsens
Welche Rolle aber könnten Intellektuelle für Europa spielen? Auch sie müssten bereit sein, sich öffentlich in politische Belange einzumischen, gab Junckers den Ball zurück. Dafür stünden ihnen alle Türen offen. Die Philosophin Alicja Gescinska beklagte, dass die Geisteswissenschaften in Europas Bildungspolitik zu wenig Wertschätzung erfahren würden:
"Immer heißt es, wir brauchen mehr Mathematiker, mehr Ingenieure. Ok. Aber wir brauchen auch Philosophen, Historiker und Kulturschaffende, denn das zielt auf das Herz Europas. Ingenieure und Mathematiker werden keine Probleme in der Ukraine lösen."
Europa eine Seele geben - nicht weniger als das hat sich die Konferenz in Berlin vorgenommen, indem sie Europapolitiker aller Parteien und europäische Kulturschaffende miteinander in Dialog setzte. Ein schwieriges Unterfangen angesichts eines Kontinents, der zunehmend in nationalstaatliche Einzelinteressen auseinanderdriftet, und in dem innereuropäische Solidarität immer schwerer zu fassen ist. Dass Europa ohne seine kulturelle Dimension nicht denkbar sei, das betonte auch Kommissionspräsident José Manuel Barroso gleich zu Beginn. Doch er räumte ein, dass diese simple Erkenntnis für viele politische Akteure noch kein Konsens sei:
"Viele glauben immer noch, Europa sei der gemeinsame Markt, und mehr oder weniger lose politische Vereinbarungen. Und dass Kultur etwas sei, was man getrost den einzelnen Mitgliedsstaaten überlassen solle. Aber das ist für uns eine wichtige Frage: Welches Europa wollen wir sein?"
Mit dem Satz, Europa brauche eine Seele, könne er nichts anfangen, sagte Martin Schulz, Präsident des Europäischen Parlaments. Der Großteil der Bevölkerung sei immer noch proeuropäisch, das was die meisten Menschen wollten, sei die Überwindung von Grenzen - seien es physische, kulturelle oder sprachliche. Allerdings müssten Menschen das Gefühl haben, dass ihr Schicksal genauso wichtig ist wie das von Banken. Gemeinsame europäische Werte? Es sei ein Dilemma Europas, dass die europäischen Werte von außen stärker wahrgenommen würden als von den eigenen Bürgern, bedauerte Schulz.
"Die Ukrainer auf dem Maidan sind gestorben mit der Europafahne in der Hand."
Am Ende die Frage, ob die Künstler es immer richten können? Klaus Staeck, Präsident der Akademie der Künste, hat da zumindest Zweifel.
"Ich bin jetzt acht Jahre da drüben Präsident. Wir haben 400 lebende Künstler, Dass die alle die besseren Menschen sein könnten, ist eine verwegene Vorstellung. Deswegen sollten wir doch in dieser Richtung uns ein bisschen bescheidener bewegen."
Am Ende rettet die Kunst nicht die Welt - aber dass sie gebraucht wird, auch für Europa, daran besteht zumindest kein Zweifel.
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