Deutsch-polnisches Verhältnis

Das deutsche Zögern zerstört Vertrauen

04:45 Minuten
Profil einer Demonstrantin mit einer roten Mütze und einer gemalten ukrainischen Flagge auf der Wange.
Seit Beginn des russischen Angriffskrieges in der Ukraine finden in Polen täglich Demonstrationen statt, die viele Stunden dauern. © imago / ZUMA Wire / Filip Radwanski
Ein Kommentar von Beata Bielecka · 12.05.2022
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Lange hat es gedauert, bis Polen und Deutsche gute Nachbarn wurden. Mit der zögerlichen Haltung, sofort Sanktionen gegen Russland zu verhängen und Waffen an die Ukraine zu liefern, wächst wieder das Misstrauen, meint die Journalistin Beata Bielecka.
Ich hätte nie für möglich gehalten, dass ich den Deutschen gegenüber wieder ähnlich empfinden würde wie zu Beginn der 1990er-Jahre. Damals begann ich, als Journalistin im deutsch-polnischen Grenzgebiet zu arbeiten, und konnte jeden Tag das Misstrauen gegenüber den Deutschen fühlen. Wenn ich heute sehe, wie sich die Deutschen zum Krieg in der Ukraine verhalten, dann habe ich Sorge, dass es das Aus bedeuten könnte für die mühsam errungenen guten deutsch-polnischen Beziehungen.
Wie viel Kraft es kostet, das gegenseitige Misstrauen zu überwinden, habe ich in den mehr als 20 Jahren erfahren, in denen ich über die Entwicklungen im Grenzgebiet schrieb. Aber es hat oft geklappt! Heute merke ich, wie mich die Untätigkeit der Deutschen angesichts des Krieges in der Ukraine zurückfallen lässt in die Gefühle von damals.
Eigentlich ist es heute sogar schlimmer, denn damals waren es für mich nur DIE Deutschen jenseits der Oder – jetzt fühle ich mich, als hätten mich Menschen enttäuscht, denen ich vertraut habe.

Die Deutschen als Bremser

Zu Kriegsbeginn waren es vor allem die Deutschen, die sich als Bremse gegen den Ausschluss Russlands aus dem internationalen Zahlungsnetzwerk Swift erwiesen haben. Es waren die Deutschen, die keine Waffen schicken wollten und es mit pazifistischen Ideen begründeten – und das, obwohl sie zu den größten Waffenexporteuren weltweit gehören.
Ihre Begründung, dass Deutschland keine Waffen in Krisenregionen schickt, ist so überzeugend, wie wenn ein Alkoholverkäufer erklären würde, seine Kunden tränken nur Tee – so hat ein polnischer Internetuser es kommentiert.
Einen Tag, nachdem Russland die Ukraine angegriffen hat, war ich auf dem Berliner Flughafen. In einem der Lokale dort hängen historische Fotos von Führungspersönlichkeiten weltweit – unter ihnen auch Gerhard Schröder. Bei mir hinterließ das einen unangenehmen Nachgeschmack. Jeder, der vorbeikommt, sieht den ehemaligen Bundeskanzler, der trotz des Krieges an Russland festhält, weil er dafür Geld kriegt – und es scheint offensichtlich niemanden zu stören.

Wir dürfen Völkermord nicht akzeptieren

Woher kommt diese Zurückhaltung der Deutschen, frage ich mich. Ist es wirklich nur die Sorge um die Wirtschaft? Wir in Polen leiden genauso wie die Deutschen an den Folgen des Krieges in der Ukraine, aber wir zweifeln keinen Moment daran, dass man gegen den Völkermord, den Russland begeht, entschieden vorgehen muss.
Warum helfen wir Polen den Ukrainern mit solchem Engagement? Weil wir mit Russland einen gemeinsamen Feind haben? Das ist bestimmt ein Teil der Wahrheit. Nach 1945 war Polen kein souveräner Staat. Moskau hatte bei uns das Sagen. Erst 1989 hat Solidarność für Polen freie Wahlen erkämpft. Das können wir nicht vergessen.
Aber andererseits können wir auch „Wolhynien“ nicht vergessen, wo die ukrainischen Nationalisten während des Zweiten Weltkrieges ein Blutbad angerichtet haben, als sie mehr als 60.000 Polen ermordeten. Sollten wir deshalb heute den Ukrainern nicht helfen? Nein! Denn wir dürfen keinen Völkermord akzeptieren, egal von welcher Seite. Verstehen die Deutschen das nicht?

Eine neue Mauer in den Köpfen

Ich bin weit davon entfernt, alle Deutschen in einen Topf zu stecken, denn ich kenne viele, die über die Politik der jetzigen Regierung genauso entsetzt sind wie ich. Ich bin überzeugt, sie tun, was sie können, damit wir nicht in die 1990er-Jahre zurückfallen.
Ich weiß allerdings auch, dass das, was sich momentan in Deutschland tut, einen großen Einfluss darauf hat, wie die Polen über ihre Nachbarn jenseits der Oder denken. Die aktuelle Politik der Deutschen gegenüber der Ukraine, im Kontrast zur Welle der Hilfsbereitschaft bei uns – daraus ist wieder eine neue Mauer in den Köpfen vieler Polen entstanden.

Beata Bielecka ist Journalistin und lebt in Slubice an der polnisch-deutschen Grenze. Sie arbeitete 20 Jahre lang als Redakteurin bei „Gazeta Lubuska“, der größten regionalen Tageszeitung Polens an der deutsch-polnischen Grenze. 1996 hat sie gemeinsam mit Dietrich Schröder (Märkische Oderzeitung) den „Wächter-Preis der deutschen Tagespresse“ erhalten, für eine Artikelreihe über Regelverstöße bei der Grenzpolizei. 2014 war Bielecka für den deutsch-polnischen Journalistenpreis nominiert.

Porträtaufnahme der Journalistin Beata Bielecka
© privat
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