Kommentar

Deutschland ist für Polen nicht länger das gelobte Land

04:37 Minuten
Saisonarbeiter aus Polen ernten frische Erdbeeren in einem Folientunnel.
Polnische Saisonarbeiter bei der Erdbeerernte in Deutschland: Früher waren solche Jobs für Polen deutlich attraktiver. © picture alliance / dpa / Christian Charisius
Ein Kommentar von Beata Bielecka |
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Zwischen Neid und Bewunderung schwankte lange das Gefühl, das viele Polen gegenüber den deutschen Nachbarn empfanden. Doch damit scheint es allmählich vorbei zu sein, immer mehr polnische Auswanderer kehren in ihr Heimatland zurück. Und das ist gut so.
Ich war sehr überrascht, als ich kürzlich las, dass zum ersten Mal seit dem Mauerfall mehr Polen Deutschland verlassen haben als nach Deutschland ausgewandert sind. Zwar beträgt die Differenz nur etwa 12.000 Polen, aber es ist die Umkehr eines jahrzehntelangen Migrationstrends.
Ich habe in den vergangenen 30 Jahren oft erlebt, wie Freunde nach Deutschland gingen, um zu arbeiten, und dafür bereit waren, von ihren Familien auf lange Zeit getrennt zu sein. Ein Bekannter hat fast 20 Jahre in Hannover gelebt und seine Frau und seine Tochter nur einmal im Monat gesehen. Das, was ihn diese Situation aushalten ließ, war sein Gehalt – es war fünf Mal höher als in Polen.

Suche nach der deutschen Herkunft

Ich erinnere mich auch daran, wie eine Freundin ihr Studium hingeschmissen hat, weil sie überzeugt war, dass der deutsch klingende Name ihrer Großmutter ausreichen würde, um nach Berlin ausreisen zu können. Sie gab viel Geld für Anwälte aus, musste aber nach kurzer Zeit zurückkehren, weil es damals zu viele gab, die wegen ihrer sogenannten deutschen Herkunft Polen verlassen wollten. Deutschland war für sie das gelobte Land.
Heute kehren viele von ihnen zurück. Auch mein Freund ist zurückgekommen. Er hätte bis zur Rente noch zehn Jahre arbeiten müssen, aber er konnte es emotional nicht mehr in Deutschland aushalten.Trotz seines Alters hat er dann in Polen eine recht gute Arbeit gefunden. Denn wir haben praktisch keine Arbeitslosigkeit.
Zwar sind die Gehälter in Deutschland immer noch fast doppelt so hoch wie in Polen – der polnische Mindestlohn beträgt umgerechnet 1100 Euro brutto, der deutsche 2400 Euro. Aber die Lebenshaltungskosten und die Steuern sind bei uns viel niedriger als in Deutschland. Das Statistische Amt der Europäischen Union hat ausgerechnet, dass die Lebenshaltungskosten in Polen um etwa 27 Prozent unter dem EU-Durchschnitt liegen.

Dank der EU: Polen hat sich stark verändert

Dass man in Polen heute sehr gut leben kann, ist vor allem der Europäischen Union zu verdanken, aus der enorm viel Geld in unser Land fließt. Für Straßen, Investitionen, neue Technologien. Dank dieser Mittel hat sich Polen stark verändert und es verändert sich weiterhin. Wir gehören aktuell zu den am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften in der Europäischen Union. Ich sehe es, wenn ich meine Tochter in Warschau besuche: das atemberaubende Tempo, in dem die Moderne in ehemals arme Viertel einzieht und polnische Unternehmen wie Pilze aus dem Boden schießen.
Doch das ist nur einer der Gründe, warum viele Polen aus dem Ausland zurückkehren. Ein anderer ist, dass man sich mit dem in Deutschland verdienten Geld in Polen eine eigene Wohnung oder ein eigenes Haus kaufen kann. Und das ist für uns sehr wichtig. Nur 13 Prozent der Polen leben heute zur Miete, während es in Deutschland laut Statistischem Bundesamt etwa 53 Prozent sind.
Hinzu kommt, dass für die Rückkehrer Polen - im Vergleich zum Westen - wie ein sicherer und stabiler Hafen wirkt. Wir haben bei uns vor allem Geflüchtete aus der Ukraine – sie stehen uns, was Kultur und Sprache betrifft, sehr nahe. In Deutschland leben Menschen aus der ganzen Welt.

Deutschland: zu laut, zu voll, zu schlecht organisiert

Mein 26-jähriger Neffe, der seit seiner Geburt in Hamburg lebt, erzählt mir in letzter Zeit häufiger, dass das vielen in seinem Bekanntenkreis das Gefühl der Sicherheit nimmt. Laut einer Umfrage des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) sind es Polen, die im Vergleich zu anderen Nationalitäten am meisten darüber nachdenken, Deutschland zu verlassen. Nicht nur, weil vielen Deutschland zunehmend als zu laut, zu voll, zu schlecht organisiert vorkommt – auch deshalb, weil sie etwas haben, wohin sie zurückkehren können.
Ich freue mich nicht nur über die polnischen Rückkehrer, sondern ich empfinde auch Stolz. Denn was früher unvorstellbar war, ist heute Realität: Wir holen unsere Nachbarn ein.

Beata Bielecka ist Journalistin und lebt in Slubice an der polnisch-deutschen Grenze. Sie arbeitete 20 Jahre lang als Redakteurin bei „Gazeta Lubuska“, der größten regionalen Tageszeitung Polens an der deutsch-polnischen Grenze.

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