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Literatur | Beitrag vom 02.08.2020

Poesie und FotografieDie Gefährtin der Lyriker

Von Tobias Lehmkuhl

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Profilporträt von Walt Whitman, der einen Schmetterling hält. (Getty Images / Corbis / Library of Congress)
Walt Whitman galt als meistfotografierter Mensch der Neuen Welt. (Getty Images / Corbis / Library of Congress)

Annette Droste-Hülshoff und Walt Whitman ließen sich gern ablichten. In ihrem Werk spielte das neue Medium aber keine Rolle. Erst später kamen sich die Künste näher. Heute nutzen manche Lyriker die Fotografie für eine Annäherung auf dem Weg zum Wort.

Die älteste literarische Form und das im 19. Jahrhundert neueste Medium finden anfangs nicht zueinander. Aufgaben und Möglichkeiten der Lyrik und der Fotografie scheinen eindeutig getrennt. Die Dichter verhalten sich wie alle Welt: Sie lassen sich gern fotografieren und nehmen teil am Siegeszug des neuen Mediums. Annette von Droste-Hülshoff verschickt Porträtfotos von sich an Freunde, Walt Whitman gilt bald als meistfotografierter Mensch der Neuen Welt. So viele Bilder existieren von ihm, dass er sich geradezu leerfotografiert fühlt und gleichwohl gedenkt, die besten Porträts in einem Buch zu veröffentlichen.

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Die Fotografie wird von Lyrikerinnen und Lyrikern benutzt, nicht bedichtet. Weder in den USA noch in Deutschland oder Frankreich beziehen sich Lyriker öfter auf sie, und im Geburtsland der Fotografie wird die Lichtbildnerei sogar kategorisch ignoriert: Die französischen Symbolisten sehen in ihr ein bloßes Handwerk. Die Fotografie hat keine Tradition, sie gilt ihnen als direkt und dem bloß Sichtbaren verhaftet. Selbst Baudelaire, der sich vor der Kamera bestens zu inszenieren weiß, hält aus künstlerischer Sicht nichts von ihr.

Grauenhafte Wirklichkeit

Das ändert sich im 20. Jahrhundert, als das Fotografieren einfacher und gebräuchlicher wird und die Zeitungen beginnen, Fotos zu drucken. Nicht das Familienbild oder die Reiseimpression inspiriert manchen Dichter, sondern die Reportagefotografie. Jiři Wolker betrachtet im Jahr 1921 Bilder der Hungersnot in Russland und fordert, "dieses grauenhaft wirkliche Leben" anzusehen.

Rußland hungert, Rußland!
Friedhofsländer aus Eis – Haufen von Kinderleichen,
Haut und Knochen – mit aufgetriebenen Bäuchen,
verzerrte Gesichter, zu Zangen verkrümmte Hände,
Verhungerte und Verhungernde, ohne Ende
(…)
Da sind nicht nur Fotos im Schaufensterrahmen,
da haben sich abertausend Hände emporgereckt
und über ganz Europa hinweg bis hierher
in die satte Prager Straße gestreckt,
daß unter den Fingern der Not und der Qual
der blutige Rachen erkennbar wird: das Kapital!

Die Lyrik muss erst eine Reihe von Konventionen über Bord werfen, bevor sie sich im 20. Jahrhundert der Fotografie annähern kann. Hoher Ton, erhabene Gegenstände, traditionelle Formen, all das tritt zurück. Alltagssprache und Alltagswelt finden verstärkt Eingang in die Poesie. Die lyrische Momentaufnahme banaler Gegenstände wird möglich, die Schönheit eines Fahrrads auf dem Seziertisch ebenso entdeckt wie die Poesie einer Zeitungsmeldung. William Carlos Williams’ Poetologie der Dinge – "No idea but in things" – und Ezra Pounds bildzentrierter Imagismus –"Blütenblätter auf einem nassen, schwarzen Ast" – sind die Wegbereiter dieser Schnappschussdichtung.

Banale Schönheit

In der deutschen Lyrik wächst das Interesse am Fotografischen viel später. Rolf Dieter Brinkmann ist der erste deutschsprachige Dichter, der in seinen Büchern Fotografien, auch eigene, einsetzt – jene Gelegenheits- und Alltagsfotografien, die in den Sechzigern allmählich als ernstzunehmende bildkünstlerische Ausdrucksmöglichkeit wahrgenommen werden. Denn die Pop-Art wertet die Oberfläche der Dinge auf. Nicht nur die Tomatensuppenkonserve von "Heinz" aus Andy Warhols "Factory", auch Fotos von Tankstellen, leeren Highways oder Mahlzeiten in Fast Food-Restaurants werden nun zu Gegenständen künstlerischen Interesses.

Anregende Dichte

Heute ist die Fotografie für Esther Kinsky, Barbara Köhler, Sabine Scho und Thorsten Krämer vieles: Stimulans, Anregerin, Erinnerungsstütze und Gefährtin bei der Annäherung an das, was noch vor den Worten liegt, namenlos ist. Kein Wunder, dass manche der Lyrikerinnen und Lyriker auch fotografieren. Eine Fotografie passt auf eine Seite – wie ein Gedicht.

(pla)

Das Manuskript zur Sendung können Sie hier herunterladen.

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