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Breitband | Beitrag vom 18.01.2020

Podcasts in JapanIsch kui Pan - eine Begegnung mit Fremden

Von Jean-Claude Kuner

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Großes Gedränge in der Metro-Station Harajuku (picture alliance / ZB / dpa / Matthias Tödt)
Dicht an dicht und doch jeder für sich: Passagiere in der Metro-Station Harajuku. (picture alliance / ZB / dpa / Matthias Tödt)

Japaner sind bekannt für ihre Distanziertheit und Verschlossenheit. Um dem etwas entgegenzusetzen, haben vier Studierende aus Tokio eine Podcast-Reihe gestartet: Isch kui Pan. Doch Podcasts sind in Japan nicht sehr verbreitet - bisher.

"Wir fahren jeden Tag in einem vollen Wagen eine Stunde oder anderthalb Stunden lang. Der Zug ist so voll und man ist so nah an dieser anderen Person, dass die meisten nach oben oder nach unten gucken oder auf ihr Smartphone, um sich sozusagen abzugrenzen."

An dieser Distanziertheit stieß sich eine Gruppe junger Studenten der University of Foreign Studies in Tokio im Alter zwischen 22 und 24 Jahren und beschloss, dem etwas entgegenzusetzen:  
 
"Mein Name ist Yu. Ich bin Student in Tokyo und ich mache zusammen mit meinen Kommilitonen einen Podcast über die Geschichte anderer Menschen, die man sonst nicht zu hören bekommt."

Das Schweigen über Persönliches macht einsam 

Isch kui Pan heißt die selbstproduzierte Podcast-Reihe. Eine Begegnung mit Fremden.

"Das Konzept ist: was würde passieren, wenn wir mit diesem fremden Menschen, der im Zug neben mir steht, einmal sprechen würden? Dieses Interesse an fremden Menschen ist, glaube ich, etwas, was auch die ganze Gesellschaft… ja, besser machen könnte. Wir wollten so eine Art Lounge anfangen, aber dafür brauchen wir Geld, und Studenten haben ja kein Geld – auch in Japan nicht. Deswegen haben wir sozusagen als einen virtuellen Ort die Plattform Podcast gewählt." 

Bei der Arbeit, unter Freunden, sogar in Familien wird in Japan häufig nicht offen miteinander geredet. Aus Höflichkeit, um andere mit eigenen Problemen nicht zu belasten. All das kann zu Verschlossenheit führen, zu Einsamkeit oder psychischen Problemen. 

"Viele fühlen sich befreiter als vorher, also, nachdem sie gesprochen haben. Und weil es sehr anonym ist. Wir benutzen immer ein Pseudonym und die Menschen können deshalb offen sagen, was sie wollen." 

"In Japan gibt es diesen gesellschaftlichen Druck, konform zu sein. Überall, in der Schule oder beim Job. Wir wollen das etwas aufbrechen. Weil es so nicht stimmt. Die Gesellschaft besteht aus unterschiedlichsten Individuen, auch in Japan. Das wollen wir mit unserem Podcast zeigen."

Ein potenzielles Paradies für Podcastnutzer

In lockerer Atmosphäre verwickeln Mikino, Moe, Ikumi und Yu ihre Gäste in "Isch kui Pan" in Fragen um Probleme des Alltags. Keine Prominente, sondern ganz normale Leute, darunter auch Kommilitonen. Was sie gerade so machen, fragen sie. Welches Ereignis ihrer Kindheit ihr späteres Leben beeinflusst hat? Wovor sie im Leben am meisten Angst haben?

"Was wir oft hören, ist, dass wenn sie anfangen würden zu arbeiten, dass sie befürchten, dass sie ihre Freiheit verlieren könnten. Diese Angst vom Berufsleben kommt sehr sehr oft vor. Ich glaube, weil das hauptsächlich junge Leute sind, die wir interviewen. Ja, sowas höre ich sehr oft."

Mit Millionen täglicher Pendler in Tokio eigentlich ein Paradies für Podcastnutzer, könnte man denken. Und doch liegt Japan im Vergleich mit Europa oder den USA mit seinem Angebot weit zurück. Eine nicht-repräsentative Umfrage spricht dort gemessen an der Gesamtbevölkerung von 14 Prozent Nutzern. Im Vergleich dazu sind es in Deutschland doppelt so viele. 

"Youtube ist viel populärer"

"So how is the podcast scene in Japan? Is it very popular?" 
"No!"  
"Von den Gästen, die wir bisher hatten, gab es keinen oder keine, der oder die jemals von Podcast gehört hatten." 
"Here in Japan youtube is much more popular."
"Man ist es hier nicht gewohnt, längere Beiträge zu hören und dabei Anregungen zu erhalten."

Das Podcast-Angebot Japans bleibt mehr oder weniger beschränkt auf Nachrichten, Comedy und Kanäle für Sprachunterricht: 
 
"Das Podcast-Angebot professioneller Sender in Japan ist sehr beschränkt. Der öffentlich-rechtliche Sender NHK bietet ein, zwei Podcasts an. Und dazu noch ein weiterer Fernsehsender und das ist es dann schon. Die meisten Podcasts werden von Amateuren gemacht."

Im Zwiegespräch tauen sie auf

In einer so reservierten Gesellschaft wie der japanischen - wie schaffen es da die jungen Podcaster, ihre Gesprächspartner dazu zu bringen, sich zu öffnen und Persönliches aus ihrem Leben zu erzählen? 

"Das ist eigentlich nicht so schwer. Vorausgesetzt man spricht mit jemandem alleine. Dann wird Individualität zugelassen. Wenn man aber eine Gruppe vor sich hat, dann kann man das in Japan vergessen. Wir tun so, als wären wir Freunde, die sich ganz normal unterhalten. Als wären wir in einer Bar."

"Wir essen dabei auch gemeinsam. Wir fragen unsere Gäste vor der Aufnahme immer, was sie gerne hätten."

"Das ist eine weitere Möglichkeit, unsere Gesprächspartner zum Reden zu bringen."

Japans erster Podcastwettbewerb

Nach dem Universitätsabschluss geht es in Japan übergangslos ins Berufsleben. Auch die Podcaster von Isch kui Pan können sich dem nicht entziehen. Dennoch werden sie mit ihrer virtuellen Gesprächslounge weitermachen und im nächsten Frühjahr an dem von Nippon Broadcasting System organisierten ersten Podcast-Wettbewerb Japans teilnehmen. 

"Ich glaube, die Menschen sind bereit über sich zu erzählen. Nur sie haben die Gelegenheit nicht. Wir freuen uns, wenn Menschen unser Format in ihrem Alltag dann nachmachen. Nachdem ich mit meinem Podcast angefangen habe… ich glaube, ich bin persönlich da offener geworden als davor. Also nicht in der U-Bahn, das habe ich bis heute nicht geschafft. Die meisten haben ja auch einen Kopfhörer auf." 

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(Deutschlandfunk Kultur, Feature, 21.12.2019)

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