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Breitband | Beitrag vom 03.11.2018

Podcastkritik: "The Brights"Reality-TV für die Ohren

Von Carina Fron

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Lydia Bright trägt ein Kleid und blickt über ihre Schulter. (imago stock&people)
Die Schauspielerin Lydia Bright bei einer Premiere: Mit ihrem Podcast "The Brights" will sie Reality-Formate auch im Audiobereich etablieren. (imago stock&people)

Familienzank, Herzschmerz am Küchentisch und immer eine große Klappe: Was im Reality-TV funktioniert, versucht "The Brights" jetzt auch im Podcast zu etablieren. Das Ergebnis lässt allerdings zu wünschen übrig.

Lydia Bright beschreibt im schönsten Britisch ihre Familie als unkonventionell:

"Hi, I’m Lydia Bright and welcome to the Bright Family home. I’m just pre-warning you: we are a little bit unconventional, but you are gonna love us. This is the Brights."

Ein Star aus dem TV

Die klassische Figurenkonstellation wird lediglich in den ersten Minuten der ersten Episode kurz vorgestellt. Auf der einen Seite sind da Vater Dave und Mutter Debbie. Wenn die Eltern sich nicht gerade zanken, dann lachen sie zusammen. Das ist eine der wenigen charakterlichen Zuschreibungen von Figuren, die Lydia als Offstimme dem Hörer an die Hand gibt. Auf der anderen Seite sind da die Teenager Freddie und Romana. Georgia ist die älteste Schwester. Und mittendrin die Reality-TV-Persönlichkeit Lydia Bright, bekannt aus "The Only Way Is Essex". Ein Format über reiche junge Menschen, die beim Geldausgeben, Lieben und Streiten begleitet werden. Die Personen sind echt, Ereignisse arrangiert, betonen die Macher im Vorspann:

Um Lydia kreist die Familie und "The Brights". Dabei lebt sie selbst nicht mehr in ihrem Elternhaus, wo der Podcast größtenteils aufgezeichnet wird. In der ersten Episode streiten sich Mutter Debbie und Tennager Romana und Lydia versucht ihrer großen Schwester Georgia über ihren Herzschmerz hinweg zu helfen. Die macht gerade eine Trennung durch.

Mitten rein ins Familienleben

Wer jetzt schon das Gefühl hat, den Überblick zu verlieren, ist damit nicht alleine. Der Hörer wird unvermittelt in das Familienleben geworfen, ohne wirkliche Orientierung. Lydia sagt zwar, worum es gerade in den Dialogen geht. Kommentiert aber lieber, als zu beschreiben. Zum Beispiel, wenn Mutter Debbie über ihre Jugend spricht:

Debbie: "I really was a wild child when I was about 29."
Lydia: "Yes! I’ve seen the pictures."

Eindimensionale Figuren

Darin liegt gleichermaßen der Reiz und das Problem des Podcasts. Hörer können einige Informationen über die Figuren aus den Dialogen heraus ziehen - ohne das alles übererklärt wird.

Hier die erste Episode zum Nachhören:

Doch mit den wenigen Attributen wirken die Personen überzeichnet und eindimensional. Die älteste Schwester Georgie ist das Party Girl, die Mutter die Glucke. Es gibt wenige wahrhafte Momente, wie wenn der kleine Bruder Freddy in der zweiten Episode seinem Vater erzählt, dass er sich oft von den vielen Frauen in der Familie überschattet fühlt:

"Dad, did you ever thought yet, that the women in our family do gang up? Even and if they don’t know about the story."

Ohne Gestik und Mimik geht etwas verloren

Klar, im Reality-TV wäre es auch nicht anders. Die kreierte Realität, die authentisch-wirkenden Dialoge und das oberflächliche Drama sieht man heute häufig in solchen Formaten.

Ursprünglich steckt hinter der Reality-TV-Idee der Versuch, authentische Geschichten zu inszenieren, ohne perfekte Kameraführung oder vorformulierte Dialoge. Aber die Übertragung auf den Podcast funktioniert nur halbherzig. Die Dialoge wirken aufgesetzt. Den Zuschauern fehlt das Bild mit Mimik und Gestik, um die Situationen voll zu durchdringen.

Es geht auch anders

Dass es aber sehr wohl möglich ist die Bildebene durch gute Beschreibungen zu ersetzen, haben Podcasts wie "The Habitat" von Gimlet bereits in der Vergangenheit gezeigt:

"This is Carmell. Carmell is 26 years old and she looks, like she just stepped out of a Wheaties Box. Long shiny ponytail, big smile, rosy cheeks. She’s just one of these people, who is good at every sport. Running most of all."

Hier die erste Episode zum Nachhören:

"The Habitat" erzählt die Geschichte von Wissenschaftlern und Testpersonen, die an einem abgelegenen Berg in Hawaii eine Mars-Mission simulieren. Die Charaktere sind fein gezeichnet, der Podcast ist eine Dokumentation mit viel Tiefe.

Die nächsten Kardashians?

Im Gegensatz dazu "The Brights": Garniert wird hier lieber mit billiger Popmusik, vor allem als Trenner von Offstimme und Dialog. Das lässt den Podcast weniger anspruchsvoll klingen, obwohl die Aufnahmen hochwertig sind.

Die Brights würden gerne die britischen Kardashians werden. Das geben die Familienmitglieder in einem Interview bei "Good Morning Britain" auch gerne zu:

Ironischerweise betont Lydia in diesem Interview auch, dass der Podcast die Persönlichkeiten der Familie zeigen soll. Doch genau die fehlen in den ersten Episoden. Es fühlt sich ein bisschen so an, als würde man bei einer beliebten Soap in Folge 1.350 das erste Mal einschalten.

Man fühlt sich nicht willkommen und versteht kaum etwas. Ein sehr unbefriedigendes Hörerlebnis.

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