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Breitband | Beitrag vom 06.02.2021

Podcast-Kritik: "Where the Internet Lives"Ein einziger langer Google-Werbeclip

Von Carina Schroeder

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Ein Drohnenfoto zeigt ein Google-Rechenzentrum in den Niederlanden aus der Luft. (picture alliance / ANP / Sem van der Wal)
Google-Rechenzentrum aus der Luft: "Where the Internet Lives" bietet viel technische Schwärmerei in eigener Sache, urteilt Carina Schroeder. (picture alliance / ANP / Sem van der Wal)

Dank Smartphones nutzen wir es täglich fast ständig und überall. Aber woher kommt dieses Internet? Antworten darauf könnte ein neuer Podcast liefern, den ausgerechnet Google gemacht hat.

Wo lebt eigentlich das Internet? Gute Frage, dachte ich mir auch. Mein erster Gedanke: Ohne uns User wäre das Internet nicht so, wie es ist. Wir füllen es mit Inhalten - mal sind die schön, mal so gar nicht. Das genauer zu analysieren, finde ich einen spannenden Aspekt.

"This is 'Where the Internet Lives'. A Podcast from Google about the unseen world of Datacenters", heißt es im Vorspann. Okay, philosophisch wird es nicht.

In diesem Podcast geht es um - Datenzentren. Schnarch! Diese riesigen, von außen unscheinbaren Gebäude - voller Rechenleistung und Kabel. Nun gut, normalerweise dürften Menschen wie ich in diese streng geheimen Gebäude nicht rein.

Spannende Einblicke könnten also in den sechs Folgen auf mich warten. Erst recht, wenn der Gigant Google die Türen aufmacht und mal ausnahmsweise so was wie Transparenz zeigt.

Ein Daten-Storyteller führt durch den Podcast

Barry Fisher, der Host von "Where the Internet Lives", stellt sich als Daten-Storyteller vor. Hä? Erst einmal in diese Suchmaschine eingeben. Ich nehme mir vor, diesen Tech-Giganten nicht zu nennen. Das machen die in ihrem Podcast schon genug.

Zurück zu Barry Fischer. Im Internet als Humorist "bekannt". Sein Job als "Daten-Storyteller": Er bereitet Daten visuell oder auditiv so vor, dass alle sie verstehen. Hier ist er also ein "fancy" Unternehmenssprecher, verstanden.

Seine Themen im Podcast sind alle eher abstrakt: die Sicherheitsstandards der Datenzentren, Infrastrukturen und die Klimaanstrengungen seines Arbeitgebers. Datenzentren brauchen unheimlich viel Energie. Er schwärmt, wie vorbildhaft das Unternehmen mit erneuerbaren Energien vorangeht, mit Projekten von Chile über South Dakota bis Taiwan.

Schöner Schein, kaum spannende Infos

Mein Finger kreist an solchen Stellen über der Vorspultaste: Öfter als mir lieb ist, sind die Episoden doch nur zwischen 30 bis 40 Minuten lang.

Aber der Host macht auch ganz schöne Ausflüge, beleuchtet zum Beispiel die Unterseeinternetkabel des Tech-Giganten: Die transportieren Informationen viel schneller, als Fische schwimmen können. Aha!

Aber das muss ich dem Podcast lassen: Die Macher versuchen, feine Bilder zu zeichnen, bemühen teilweise schöne Vergleiche und es wird selten trocken. Der schöne Schein funktioniert zwar, viel Neues erfahre ich aber nicht.

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Positiv fallen hingegen die vielen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Konzerns auf: Na klar, natürlich dürfen nur die was sagen, so wie Greg Crump. Er testet die Schutzmaßnahmen der Rechenzentren. Verkleidet sich zum Beispiel als Kammerjäger und versucht dann, in so ein Gebäude zu gelangen.

Seine Ideen bekommt er aus Spionagefilmen, ist klar. Aber es gibt gute Musik, reportageartig anmutende Elemente, wie das Rauschen der Server. Kein Wunder, hier sind Experten am Werk: "Post Script Audio". Ein Unternehmen, dessen Job es ist, andere gut dastehen zu lassen, sie produzieren Audio-PR.

Und genau das ist dieser Podcast. Nicht mehr, nicht weniger. Ein einziger langer Werbefilm als Podcast - mit Weichzeichner und Wärmefilter. Absurderweise bin ich wütend auf mich, weil ich ernsthaft etwas anderes erwartet habe.

Es geht auch anders

Aber das liegt sicher auch an solchen hörenswerten Podcasts wie "Reply all" vom Gimlet Media, die sich mit dem Internet kritisch auseinandersetzen. Oder an Projekten, wie das von meinem Kollegen Moritz Metz aus dem Jahr 2012.

Auch er hat sich damals auf die Suche gemacht - unter der Überschrift "Wo das Internet lebt". Antworten findet er damals unter anderem beim DE-CIX, dem Datenknotenpunkt in Frankfurt.

"Einen eigentlich Knotenpunkt, könne man mir nicht zeigen. Wollen sie mir sagen, warum?", fragt er darin. "Wir sind derzeit am Umbauen", bekommt er als Antwort.

"Obwohl tatsächlich Bauarbeiten durchgeführt werden beim DE-CIX, vermute ich noch andere Gründe hinter der unüblichen Verschlossenheit. Die Debatte um die Internetüberwachung der Geheimdienste lag bei unserem Interview schwer in der Luft", lautet sein Kommentar.

Kritischen Fragen und Einordnung fehlen

Allein an diesem kleinen Ausschnitt wird schon der Unterschied zum Unternehmenspodcast klar: Moritz Metz ist freier Journalist, er stellt kritische Fragen, ordnet Erkenntnisse ein. Auch er hat den Podcast des Tech-Konzerns gehört.

"Da geht es dann nicht darum, wie verändert Google vielleicht auch eine Nachbarschaft", sagt er. "Zum Beispiel sollte sich in Berlin-Kreuzberg Google mit so einem großen Büro mit Start-ups niederlassen. Wenn die dann hier hinziehen, dann bedeutet das aber, dass die Mieten steigen."

Nein, das Unternehmen verkauft das als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme, als Wohltat für eine Stadt. Über meine Empörung muss Moritz Metz schmunzeln. Vielleicht war ich zu optimistisch, habe zu viel vom Google-Podcast erwartet. Trotzdem bin ich verärgert.

Zu Beginn des Podcasts wird mir ein einzigartiger Einblick versprochen. Stattdessen werden kritische Fragen weggelacht, die Hörer für dumm verkauft. "Where the Internet Lives" ist ein unkritischer Google-Werbespot - und deswegen eine Zeitverschwendung.

Breitband

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