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Fazit / Archiv | Beitrag vom 30.03.2021

Plakataktion "The Tolerance Project"Toleranz für das saubere München

Von Tobias Krone

Zwei Plakate aus der Ausstellung: "The Tolerance Poster Project". Links: Christoph Niemann, Deutschland, rechts: Alejandro Magallanes, Mexiko. Vom 30. März bis 29.April 2021 wird das von Mirko Ilić initiierte Plakatprojekt an über zehn verschiedenen Orten des Kunstareal München zu sehen sein. (Die Neue Sammlung / The Design Museum / Christoph Niemann / Alejandro Magallanes / Collage Deutschlandradio)
"The Tolerance Poster Project". Links: Christoph Niemann (Deutschland), rechts: Alejandro Magallanes (Mexiko) (Die Neue Sammlung / The Design Museum / Christoph Niemann / Alejandro Magallanes / Collage Deutschlandradio)

Das "Tolerance Poster Project" der Designer-Legende Mirko Ilić kommt zum ersten Mal nach Deutschland. Die Plakataktion will aufrütteln, bleibt aber im sauberen München maximal harmlos, meint Tobias Krone.

Es ist ein verbindlicher Blick: Der ältere Mann auf dem Porträt meint es ernst, die randlose Brille spricht für einen Intellektuellen oder Künstler, ebenso das dunkelblaue Hemd, oben streng zugeknöpft. Nur der geschwungene knallrote Lippenstift auf den Lippen irritiert.

Mit diesem Selbstporträt in Plakatform, das gerade an der Gerüstwand der Münchner Markuskirche hängt, wirbt der Designer David Tartakover für Toleranz. Wie Dutzende andere Designer weltweit auch, deren bunte Posterreihen jetzt an verschiedenen Orten im Münchner Kunstareal zu sehen ist. "The Tolerance Project" hat der in New York ansässige Designer Mirko Ilić seine langjährige Initiative genannt.

In manchen Sprachen kein Wort für Toleranz

"Es ist sehr einfach: Für jede Künstlerin, jeden Künstler, den ich fragte, ein Plakat zu machen, gab es nur die eine Voraussetzung", sagt Ilić, "Sie mussten in ihrer Sprache das Wort Toleranz schreiben – oder ein ähnliches Wort, denn in manchen Ländern haben sie das Wort Toleranz einfach nicht."

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Auf Niederländisch steht da etwa das schöne Wort "Verdraagzamheit", das man locker mit Toleranz übersetzen kann, in Schreibschrift über dem Plakat des Amsterdamer Grafikdesigners Max Kisman. Darunter ein stilisierter weißer Kopf mit einem roten Herzen als Auge. Toleranz fällt angesichts der dritten Pandemie-Welle schwer, beäugt man die Grüppchen junger, frühlingshungriger Menschen auf den Grünflächen vor den Museen.

"Miteinanderreden" in Pandemiezeit

Die Kuratorin des Münchner Projekts, Caroline Fuchs von der Neuen Sammlung München, sagt: "Ich habe im Moment auch das Gefühl, dass gerade in der Pandemie dieses Thema Toleranz auch nochmal eine neue Herausforderung bekommen hat". Die Pandemie habe viele Unterschiede zwischen Menschen aufgezeigt. "Wie gehen wir jeweils mit der Pandemie um? Das konnten wir, glaube ich, alle schon im Freundes- und Familienkreis erleben." Es brauche nun "wieder Toleranz und Miteinanderreden, um da dennoch in einem guten Kontakt zu bleiben", so Fuchs.

Toleranz ist eine ambivalente Haltung und hat möglicherweise auch dazu geführt, dass sich autoritäre Phänomene wie Donald Trump durchgesetzt haben. Doch Ilić sieht es genau anders: "Toleranz ist die niedrigste mögliche Ebene einer Beziehung, also ein erster Schritt." Für einen schwulen Mann im Iran, der dort für seine Neigung erhängt werden könnte, sei so etwas wie Respekt "ein wilder Wunschtraum". "Alles was Sie erstmal erwarten ist, dass Sie niemand verletzt", sagt Ilić.

Die Notwendigkeit von Toleranz

Dass jede Stadt Toleranz nötig habe, das zeige sich jedes Mal, wenn die Poster in den Straßen hingen. Etwa in der rumänischen Stadt Temeswar, wo immer wieder Poster verschwanden. Dort seien sie immer wieder gestohlen worden, obwohl das Team sie ersetzt habe, sagt Ilić. "Am Ende hat sie eine anonyme Gruppe in einem Video auf Youtube mit Benzin übergossen, verbrannt und erklärt: Das sei ja fremde Kultur von diesen ganzen schwulen Leuten. Sie verbrannten das Plakat mit den Regenbogenfarben."

Doch nicht nur in Rumänien hat man Probleme mit der Plakataktion. Selbst im liberalen Paris sollten einige Poster wie das von Tarek Atrissi nicht hängen. Der Libanese hat Toleranz auf Arabisch geschrieben – unter einer verhüllten Frauengestalt, dazu den Spruch: "Ersetzt die Angst vor dem Unbekannten durch Neugier".

Porträt von Tarek Atrissi in seinem Atelier vor Grafiken sitzend. (Tarek Atrissi)Ein Toleranz-Plakat von Tarek Atrissi war offenbar zu wenig konform für Paris. (Tarek Atrissi)

Die habe in Frankreich gefehlt. Dort hätten die Kuratoren entschieden, keine Poster auf Arabisch zu zeigen, weil sie die Leute nicht verängstigen wollten. Ilić habe nachgefragt, was es heiße, Leute zu verängstigen? Nach einer Diskussion darüber habe er dann beschlossen: "Vielen Dank. Aber ich muss hier keine Ausstellung machen, damit ihr so tun könnt, als wärt ihr tolerant."

"Democracy is messy"

Ein Interview mit Ilić hat wirklich großen pädagogischen Unterhaltungswert. Auch wegen Sätzen wie diesem: "Democracy is messy", also "Demokratie ist unordentlich".

Und das ist dann eigentlich auch das Stichwort für München. Denn so vielfältig und kreativ man die Poster finden mag, auf denen sich das Who-is-Who des globalen Grafikdesigns verewigt hat: Vom Design-Papst Milton Glaser bis zum schwäbisch-New-Yorker Grafiker Christoph Niemann, bekannt aus dem "Zeit"-Magazin, drängt sich die Frage auf: Was könnte diese Ausstellung denn so in München in Unordnung bringen?

Schriftzug "I love New York", entworfen von Milton Glaser, im Moma in New York. (picture alliance / STAR MAX / John Nacion)Aus dem Atelier von Milton Glaser stammt unter anderem der ikonische Schriftzug "I love New York". (picture alliance / STAR MAX / John Nacion)

Die Antwort ist ernüchternd. Leider gar nichts. Denn die Plakate hängen eben nur im Kunstareal. Und was hängt da nicht sonst immer alles für interessantes Artsy-Fartsy-Dekor herum – an U-Bahnhöfen, Museumsfensterscheiben und Baugerüsten. An diesen Orten hat die Toleranz des so aufgeräumten Münchens noch immer ausgereicht. Provokation? Fehlanzeige.

"Es ist kein Guerilla-Projekt"

Noch dazu hängt das alles in cleanster Ordnung – keinerlei potenzielle Rückstandsgefahr an einer historischen Museumsfassade, am Sichtbeton der White-Cube-Architekturen. Hätte man es nicht vielleicht einmal wagen sollen, die Poster zum freien Plakatieren freizugeben?

Kuratorin Caroline Fuchs sagt: "Es ist kein Guerilla-Projekt. Es ist kein Projekt, das man wie eine Sprühschablone einfach irgendwo hinsetzt."

Das ist wirklich schade. Denn so könnte dem Gros der Menschen in München die Plakatwand gewordene Toleranz am Ende schlicht wurscht sein.

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