Seit 00:05 Uhr Klangkunst

Freitag, 28.02.2020
 
Seit 00:05 Uhr Klangkunst

Lesart / Archiv | Beitrag vom 02.03.2008

Plädoyer für das Erlesene

Heike Schmoll: Lob der Elite - Warum wir sie brauchen

Rezensiert von Florian Felix Weyh

Podcast abonnieren
Absolventen der Harvard University Business School (AP)
Absolventen der Harvard University Business School (AP)

Heike Schmoll, Bildungsredakteurin bei der FAZ, schätzt die Elite und macht sich in ihrem "Lob der Elite" dafür stark, Eliten zu bilden und zu fördern. Ihrer Meinung nach fehlt eine solche Elite in Deutschland völlig. Zugleich zeigt ihr Blick nach Frankreich, dass die dortige Elitenbildung eher zu einem Primat der Angepassten führt.

Der eine Haushaltswarenhändler nennt seinen Staubsauger "Privileg", der andere "Elite" - und letzterer darf sich dabei kulturhistorisch auch noch auf der sicheren Seite fühlen:

"So erwähnt Denis Diderot im fünften Band seiner Encyclopédie im Jahre 1755 élite als Gütesiegel für auserlesene Spitzenprodukte wie Elite-Gänseleber und Elite-Garn."

Offensichtlich schon früh auf den Hund gekommen, ist es bis heute ein Elend um den Begriff der Elite geblieben. Während der Handel versucht, inflationär damit Eindruck zu schinden, scheuen Politik und Soziologie keinen Aufwand, den Tatbestand der primi inter pares verhüllend zu umschreiben, um bloß nicht in den Verdacht zu geraten, sie verstießen gegen die vermeintliche demokratische Dienstanweisung "Seid gleich und erhebt euch nicht übereinander". Heike Schmoll hingegen, FAZ-Bildungsredakteurin, schätzt die Elite. Andererseits kann sie sie hierzulande nirgendwo so recht entdecken:

"Halbbildung wurde im Zuge der Bildungsexpansion geradezu institutionalisiert. Die hohlen Phrasen von Bildungsstandards, Mindestanforderungen, Bildungsplänen und einer großflächigen Bildungsplanung offenbaren die Geistlosigkeit des allgemeinen Bildungsgeschwätzes. Doch vom Geist zu sprechen, scheint inzwischen ein Privileg der Trinitätstheologen geworden zu sein, aus dem Bildungsdenken ist er längst verabschiedet worden."

Elite definiert sich durch mehr als nur ein stolz vorgezeigtes Bündel staatlicher Diplome. Sie ist auch keineswegs ein Rechtstitel auf Herrschaft qua Herkunft oder aufgrund von Gewohnheitsrechten, oder weil es der pralle Geldbeutel so nahe legt. Idealiter markiert sie eine innere Haltung, die dazu befähigt, im Gesellschaftsgefüge hohe Positionen einzunehmen - auf Zeit, nicht vererbbar und einer deutlichen Selbstbindung unterworfen:

"Eine der größten Versuchungen, denen Eliten schon immer ausgesetzt waren, sind Dünkel und Selbstgefälligkeit. Überlegenheitsgebaren und Einbildung führen unweigerlich zum Machtmissbrauch, der Eliten grundsätzlich fremd sein sollte. Sie müssen in einer demokratischen Gesellschaft damit Vorlieb nehmen, Einfluss zu nehmen, aber nicht zu herrschen."

Wie dieses Ziel erreichen? Über Bildung, die allerdings den alten Begriffsumfang von Erziehung und Persönlichkeitsformung umfassen muss, denn ohne "selbstreflexive Distanz des mündigen Individuums", sagt Heike Schmoll, bekommt man kaum jene Führungsschicht, die man sich wünscht: weitblickend, gemeinwohlorientiert und nicht nur auf kurzfristige technokratische Problemlösungen fixiert.

Heike Schmoll: Lob der Elite (C.H. Beck Verlag)Heike Schmoll: Lob der Elite (C.H. Beck Verlag)Dass es ein Hochseilakt ist, diese Elite zu fordern und zu fördern, räumt die Autorin ein; ihre historischen und zeitgenössischen Beispiele weisen keinen Königsweg. Die früher gern als Leitbild angeführte, fast mönchisch organisierte Philosophenherrschaft in Platons "Politeia" - ohnehin ein reiner Papiertiger - hat nach den Erfahrungen des 20. Jahrhundert erheblich an Faszination eingebüßt:

"Wer Platons politisches Modell zu Ende denkt, wird zwangsläufig faschistoide Perversionen befürchten müssen."

Andererseits ist das darin enthaltene Moment der Askese für eine elitäre Führungsschicht unerlässlich und erfährt moderne Schützenhilfe aus verblüffender Richtung:

"Interessanterweise kann diesen asketischen Zug auch die diffuse und heftig umstrittene Hochbegabungsforschung in der Psychologie nachweisen. Hochbegabte Kinder schaffen es häufig, auch unter widrigsten, zuweilen fast unmenschlichen Bedingungen überdurchschnittliche Leistungen zu erbringen."

Das Zitat zeigt, wie penibel Heike Schmoll ihr "Lob der Elite" formuliert: Selbst Quellen, auf die sie sich beruft, werden kritisch betrachtet. Dementsprechend selten sind polemische Ausfälle. Die größte Empörungsenergie steckt noch im Kapitel über den Bologna-Prozess der EU-weiten Nivellierung des Universitätswesens, in dem schon derjenige als "exzellent" gilt, der einen deutschen Förderantrag an deutsche Behörden auf Englisch zu formulieren vermag.

Das könnte in Frankreich nicht passieren, und so gerät die Beschreibung des französischen Modells zum krassen Gegenentwurf. 500 Absolventen der staatlichen Elitehochschulen - 0,6 Prozent eines Jahrgangs - teilen sich alle Spitzenpositionen in Staat und Wirtschaft. Demokraten sind die Franzosen damit durchaus noch, weil sie rigide Prüfungshürden für alle Anwärter errichten. Genauso gut könnte man sie aber auch als hartnäckige Privilegienschützer bezeichnen, da sich im Ergebnis die Oberschicht seit 200 Jahren selbst reproduziert. Sie nämlich liefert durchs Elternhaus das mit, was Aufsteiger aus unteren sozialen Schichten kaum einpauken können: die innere Haltung. Freilich eine mit Defiziten und Deformationen:

"Wer in solchen Elitehochschulen erfolgreich sein will, muss anpassungsbereit sein, sich sozialen und intellektuellen Anforderungen stellen, die alles andere als wissenschaftsadäquat sind. Schrullige Gelehrte, die kauzig und bizarr leben und denken, sind in diesem System fehl am Platze. Häufig waren es aber diese Persönlichkeiten, die Wissenschaft und Forschung voranbrachten, nicht die Angepassten."

Nein, praktische Vorschläge, wie man Auslese mittels allgemeingültiger Kriterien betreibt, ohne dass dabei schrullige, doch unentbehrliche Genies auf der Strecke bleiben, enthält Heike Schmolls hochgebildetes Brevier nicht. Dafür liefert es das historische Rüstzeug, um im Disput mit einem Elitenverächter Terrain zurückzugewinnen. Allerdings sollte man einen Begriff aus dem Vorwort tunlichst meiden, sonst wendet sich der Elitenverächter äußerlich entsetzt, innerlich jedoch triumphierend ab: Er hat wieder Recht gehabt mit seinen schlimmsten Befürchtungen:

"Eliten erweisen sich gerade darin als authentisch, dass sie den Ausnahmezustand sehr schnell begreifen, handelnd eingreifen und dadurch auch für eine begrenzte Zeit von ihrer Macht Gebrauch machen, aber keine dauerhaften Herrschaftsansprüche daraus ableiten."

"Ausnahmezustand" ... ein Reizwort, das so gar nicht zu dem sonst eher sanftmütigen Essay passt. Bedenkenswert bleibt die Bemerkung dennoch. Den eklatanten Mangel an Eliten bemerkt man für gewöhnlich erst, wenn die Dinge nicht mehr so laufen wie gewohnt. Beim Mangel an geeigneten Führungsschichten schlägt dann oft die Stunde der charismatischen Populisten - und das ist viel schlimmer als das rechtzeitige Anerkenntnis, jeder Staat habe Eliten nötig.

Heike Schmoll: Lob der Elite - Warum wir sie brauchen
C.H. Beck Verlag, München 2008

Mehr bei deutschlandradio.de

Links bei dradio.de:

"Das ganze Leben ist ein Wettkampf"

Lesart

weitere Beiträge

Buchkritik

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur