Pip Stewart: „Life Lessons aus dem Amazonas"

Psychotraining im Urwald

06:10 Minuten
Cover von Pip Stewarts „Life Lessons aus dem Amazonas".
© DuMont

Pip Stewart

Aus dem Englischen von Violeta Topalova

Life Lessons aus dem AmazonasDuMont Reiseverlag, Ostfildern 2022

352 Seiten

19,50 Euro

Von Günther Wessel · 22.06.2022
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Die Engländerin Pip Stewart liebt das Abenteurer und schreibt Reportagen darüber. 2018 ging sie auf dem längsten Fluss Guyanas auf Paddeltour. Ihr Reisebericht erzählt aber wenig über das Land, sondern mischt Lebensberatung und Selbstfindung.
2018 brach Pip Stewart gemeinsam mit zwei anderen englischen Abenteurerinnen nach Guyana auf, um auf einer Abenteuerreise die Quelle des Rio Essequibo im Grenzgebiet zu Brasilien suchen. Der längste Fluss des Landes misst 1014 Kilometer und mündet nordwestlich der Hauptstadt Georgetown in den Atlantik.
Die Frauen versicherten sich bei ihrer Expedition der Hilfe einheimischer Urwaldführer aus dem Volk der Waiwai. Die Gruppe fährt von Masakenari im Süden Guayanas mit Kanus flussaufwärts – mal paddelnd, mal die Boote durch das hüfthohe Wasser schiebend.

Affen, Spinnen, Skorpione und Giftschlangen

Es gibt Begegnungen mit Affen, handtellergroßen Spinnen, Skorpionen und Giftschlangen. Als das Wasser zu flach wird, errichten die Abenteuer*innen ein Basislager. Von dort kämpfen sie sich, ihren Pfad mit Macheten bahnend, parallel des Flusses die Arcari Mountains hinauf. Schließlich finden sie die Quelle: ein Rinnsal, das unter einer Felsplatte entspringt.
Zurück geht es dann per Kanu über den Fluss bis zu dessen Mündung – über Stromschnellen, entlang von Sandbänken, auf denen Kaimane liegen, vorbei an Inseln, auf denen Jaguare lauern. Und nicht zuletzt an Bergbauorten, in deren Umgebung das Flusswasser durch Chemikalien vollständig verseucht ist.
Nach 72 Tagen kehrt das Team zurück. Pip Stewart ist schwer erkrankt: Sie hat sich mit einem fleischfressenden Parasiten infiziert.

Mal ernst, mal witzig

Mal ernst, mal witzig, mal selbstironisch, aber immer anschaulich und in einem charmanten Plauderton hat sie ihre Erlebnisse notiert – auch wenn es um echte Strapazen handelt. Sie kann mit nur wenigen Worten Situationen und Szenerien lebendig darstellen.
Das kommt durchaus unterhaltsam daher, dennoch verrät Stewarts Reportage nur wenig über die Natur oder die Menschen vor Ort und deren Leben. Die Neugier der Leser*innen auf die unbekannte Welt wird nicht gestillt. Stattdessen beschreibt die Autorin ihr Inneres – und nutzt die fremde Umgebung nur als Folie zur Selbstbetrachtung. Nicht die Wirklichkeit vor Ort ist wichtig, sondern ihre Empfindung.
Deshalb besitzt auch jedes Kapitel eine Einleitung, die Quintessenz dessen, was der Dschungel die Autorin angeblich in dieser Episode lehrte.

Triviale Erkenntnis, verpackt in Merksätze

In den besseren denkt Stewart über ihre Ängste und deren Überwindung nach – im Leben etwas zu verpassen, die Angst vor den Tieren des Dschungels. Oder auch über den Sinn ihrer Entdeckertour und deren strukturellen Kolonialismus.
Sehr oft aber beinhalten die "Life Lessons" eher triviale Erkenntnisse, verpackt in Merksätzen. Dass Nachhaltigkeit wichtig ist, wissen die meisten. Und dass man mit Achtsamkeit, Selbstwahrnehmung und Dankbarkeit auch für die kleinen Dinge im Leben weiterkommt, kann man aus unzähligen Ratgebern lernen. Dafür hätte Pip Stewart nicht in den Urwald reisen müssen.
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