Pilgern zu universellen Verwandten
In seinem Buch "Geschichten vom Ursprung des Lebens" lädt uns Richard Dawkins ein in die Geschichte der Evolution nach der Lehre Charles Darwins. Vom Gorilla bis zum Samtwurm malt er uns einen Familienstammbaum mit ziemlich vielen Verwandten. Er will uns damit auf eine Pilgerreise zur eigenen Gattung schicken.
" Wahrscheinlich gibt es keinen Gott – also, mach dir keine Sorgen mehr und genieße das Leben. "
Dieser Satz soll ab Januar 2009 auf Londoner Bussen stehen - eine Aktion der britischen humanistischen Union, einer atheistischen Vereinigung. Slogans transportieren - Atheismus befördern? Richard Dawkins unterstützt dieses Projekt, auch finanziell. Ist er nun Wissenschaftler, oder doch eher Aktionist? In seinem Buch: "Geschichten vom Ursprung des Lebens", das er vor dem "Gotteswahn" schrieb, lädt er uns ein in die Geschichte der Evolution, Charles Darwin folgend. Und was ist die Idee? Dawkins schreibt:
"Wir sind keine Mauersegler und keine Elefanten, sondern Menschen. Wenn wir in unserer Phantasie durch längst vergangene Epochen streifen, ist es ganz natürlich, dass wir jenen Arten eine besondere Wärme und Neugier entgegenbringen, die in dieser vorzeitlichen Landschaft unsere Urahnen sind."
Jahrmillionen zurückgeschaut, gingen unsere Urahnen eigene evolutionäre Wege - Dawkins malt uns den Familienstammbaum – mit ziemlich vielen Verwandten ...
"Gorillas, Gibbons, Riesengleitflieger, die Geschichte des Schnabeltiers, und was der Sternmull zum Schnabeltier sagte, die Geschichte des Dodos, des Blattfetzenfischs, die Geschichte des Schlammspringers, des Seeringelwurms, und des Samtwurms, des Kragen-Geisseltierchens, und des Taqs."
In 39 - wie Dawkins sie nennt - discrete rendez-vous taktvollen Begegnungen mit kunstvollen Organismen, wird Dawkins zum "master of the universe" - und zugleich zum "servant", zum Diener. Er spielt dabei mit einer berühmten englischen fiction - mit Chaucers Canterbury Tales, aus dem 14. Jahrhundert. Wie uns dort die Pilger Einblicke ins mittelalterliche Leben geben, so will uns Dawkins hier auf eine Pilgerreise schicken, zu Lebewesen, die mit uns verwandt sind.
"Nach jedem Rendezvous, nach jeder Begegnung - sagt Dawkins - kann der neu angekommene Pilger eine Geschichte erzählen. Es geht, wie bei Chaucer, nicht um den Erzähler, nicht um Persönliches, sondern um allgemeine Botschaften des Lebens - bei Chaucer ist das menschliche Leben gemeint, bei mir," so Dawkins, "das Leben der Evolution."
"In der Geschichte der Heuschrecke geht es um das sensible Thema der Rassen, in der Geschichte der Galapagos-Finken um die rasante Evolution auf Inseln, der Elefantenvogel spricht vom Auseinanderdriften der Kontinente, und die Geschichte des Rädertierchens handelt vom Sex – oder besser davon, dass sich Rädertiere teilweise ohne Sex fortpflanzen – und was das für die Evolution bedeutet."
Jede der Begegnungen hat – so will es Dawkins - eine evolutionäre Botschaft. Wir Menschen spielen dabei nicht immer die beste Rolle.
"Als portugiesische Seeleute 1507 nach Mauritius kamen, waren die allgegenwärtigen Dodos völlig zahm. Sie näherten sich den Seeleuten auf eine Weise, die man nur als "vertrauensselig" bezeichnen kann. Warum sollten sie kein Vertrauen haben? Schliesslich hatten ihre Vorfahren seit Jahrtausenden keine natürlichen Feinde gehabt. Leider war es ein falsches Vertrauen. Die armen Dodos wurden von portugiesischen und später von niederländischen Seeleuten mit Knüppeln totgeschlagen - und das, obwohl sie als ungeniessbar galten. Vermutlich war es einfach ein Sport. Es dauerte noch nicht einmal zwei Jahrhunderte, dann waren sie ausgestorben."
Und was ist hier die Botschaft? Dawkins schreibt:
"Es gibt eine Möglichkeit, in einer legitimen Menschen-Zentriertheit zu schwelgen, und gleichzeitig den historischen Anstand zu wahren. Dieser Weg besteht darin, unsere Geschichte rückwärts zu verfolgen - und ihn beschreite ich in diesem Buch."
In den Geschichten vom Ursprung des Lebens lernen wir, die Strukturen einzigartiger Organismen zu erkennen. Natürlich haben uns auch andere, vor Dawkins, Kunstformen der Natur gezeigt. Vor allem die Schönheit, die er in der Natur entdeckte, ließ Ernst Haeckel erst zum Wissenschaftler werden. Haeckel, in einem Brief, 1867, aus Lanzarote über: eine Qualle.
"Denkt Euch einen zierlichen schlanken Blumenstock, dessen Blätter und bunte Blüten durchsichtig wie Glas sind, und der sich in den zierlichsten und lebhaftesten Bewegungen durch das Wasser schlängelt, und ihr habt eine Vorstellung von diesen wunderbaren, schönen und zierlichen Tierstaaten."
Auch Dawkins ist Ästhet – doch er vernetzt uns auf mehreren Ebenen zugleich. Nicht nur mit unseren universellen Verwandten, sondern auch mit Menschen wie Douglas Adams, den das Schicksal der Dodos sehr melancholisch stimmte. Und: Dawkins spiegelt uns auch die irreale Anwesenheit vergangener, verwandter Wesen – das Lächeln der grin cat bei Lewis Carroll, das bleibt, auch wenn die Katze längst verschwunden ist. Eine Botschaft allerdings scheint die wichtigste: nur die besten Gene werden Teil der Geschichte des Lebens – und prägen so die Welt - glaubt Richard Dawkins:
"The ones that are good at surviving, good at building birds that fly, & fish that swim, and humans that think. So that`s in essence how you get the built-up of this fantastic aedifice, of complicated and diverse apparent design."
Das menschliche Ego schrumpft, je länger wir Dawkins zuhören. Er flirtet mit seinem Wissen über unsere exzellenten universellen Verwandten, die er auf der Pilgerreise vor uns ausbreitet wie Geschenke auf einem fliegenden Teppich. Deshalb fällt uns die Reise leicht - auch wenn wir keine Darwinisten werden - und uns gelegentlich gegen Dawkins Eitelkeiten sträuben. Er selbst aber reiht sich ein unter Chaucers Pilger, wenn er sagt:
"Den Versuch der Religion, ein tieferes Verständnis des Lebens zu finden, habe ich immer respektiert. Auch ich reagiere quasi religiös, wenn ich zu den Sternen aufsehe, zur Milchstraße, und mir das Universum vorzustellen versuche. Das Gefühl, das ich dann empfinde, könnte man fast so etwas wie Anbetung nennen."
Und also herrschten Wahrheit, Schönheit und tiefer Friede. Und all dies trug sich zu, bevor "The God Delusion", die Geschichte vom Gotteswahn geschrieben wurde.
Richard Dawkins: Geschichten vom Ursprung des Lebens - eine Zeitreise auf Darwins Spuren,
Ullstein Verlag, Berlin/2008
Dieser Satz soll ab Januar 2009 auf Londoner Bussen stehen - eine Aktion der britischen humanistischen Union, einer atheistischen Vereinigung. Slogans transportieren - Atheismus befördern? Richard Dawkins unterstützt dieses Projekt, auch finanziell. Ist er nun Wissenschaftler, oder doch eher Aktionist? In seinem Buch: "Geschichten vom Ursprung des Lebens", das er vor dem "Gotteswahn" schrieb, lädt er uns ein in die Geschichte der Evolution, Charles Darwin folgend. Und was ist die Idee? Dawkins schreibt:
"Wir sind keine Mauersegler und keine Elefanten, sondern Menschen. Wenn wir in unserer Phantasie durch längst vergangene Epochen streifen, ist es ganz natürlich, dass wir jenen Arten eine besondere Wärme und Neugier entgegenbringen, die in dieser vorzeitlichen Landschaft unsere Urahnen sind."
Jahrmillionen zurückgeschaut, gingen unsere Urahnen eigene evolutionäre Wege - Dawkins malt uns den Familienstammbaum – mit ziemlich vielen Verwandten ...
"Gorillas, Gibbons, Riesengleitflieger, die Geschichte des Schnabeltiers, und was der Sternmull zum Schnabeltier sagte, die Geschichte des Dodos, des Blattfetzenfischs, die Geschichte des Schlammspringers, des Seeringelwurms, und des Samtwurms, des Kragen-Geisseltierchens, und des Taqs."
In 39 - wie Dawkins sie nennt - discrete rendez-vous taktvollen Begegnungen mit kunstvollen Organismen, wird Dawkins zum "master of the universe" - und zugleich zum "servant", zum Diener. Er spielt dabei mit einer berühmten englischen fiction - mit Chaucers Canterbury Tales, aus dem 14. Jahrhundert. Wie uns dort die Pilger Einblicke ins mittelalterliche Leben geben, so will uns Dawkins hier auf eine Pilgerreise schicken, zu Lebewesen, die mit uns verwandt sind.
"Nach jedem Rendezvous, nach jeder Begegnung - sagt Dawkins - kann der neu angekommene Pilger eine Geschichte erzählen. Es geht, wie bei Chaucer, nicht um den Erzähler, nicht um Persönliches, sondern um allgemeine Botschaften des Lebens - bei Chaucer ist das menschliche Leben gemeint, bei mir," so Dawkins, "das Leben der Evolution."
"In der Geschichte der Heuschrecke geht es um das sensible Thema der Rassen, in der Geschichte der Galapagos-Finken um die rasante Evolution auf Inseln, der Elefantenvogel spricht vom Auseinanderdriften der Kontinente, und die Geschichte des Rädertierchens handelt vom Sex – oder besser davon, dass sich Rädertiere teilweise ohne Sex fortpflanzen – und was das für die Evolution bedeutet."
Jede der Begegnungen hat – so will es Dawkins - eine evolutionäre Botschaft. Wir Menschen spielen dabei nicht immer die beste Rolle.
"Als portugiesische Seeleute 1507 nach Mauritius kamen, waren die allgegenwärtigen Dodos völlig zahm. Sie näherten sich den Seeleuten auf eine Weise, die man nur als "vertrauensselig" bezeichnen kann. Warum sollten sie kein Vertrauen haben? Schliesslich hatten ihre Vorfahren seit Jahrtausenden keine natürlichen Feinde gehabt. Leider war es ein falsches Vertrauen. Die armen Dodos wurden von portugiesischen und später von niederländischen Seeleuten mit Knüppeln totgeschlagen - und das, obwohl sie als ungeniessbar galten. Vermutlich war es einfach ein Sport. Es dauerte noch nicht einmal zwei Jahrhunderte, dann waren sie ausgestorben."
Und was ist hier die Botschaft? Dawkins schreibt:
"Es gibt eine Möglichkeit, in einer legitimen Menschen-Zentriertheit zu schwelgen, und gleichzeitig den historischen Anstand zu wahren. Dieser Weg besteht darin, unsere Geschichte rückwärts zu verfolgen - und ihn beschreite ich in diesem Buch."
In den Geschichten vom Ursprung des Lebens lernen wir, die Strukturen einzigartiger Organismen zu erkennen. Natürlich haben uns auch andere, vor Dawkins, Kunstformen der Natur gezeigt. Vor allem die Schönheit, die er in der Natur entdeckte, ließ Ernst Haeckel erst zum Wissenschaftler werden. Haeckel, in einem Brief, 1867, aus Lanzarote über: eine Qualle.
"Denkt Euch einen zierlichen schlanken Blumenstock, dessen Blätter und bunte Blüten durchsichtig wie Glas sind, und der sich in den zierlichsten und lebhaftesten Bewegungen durch das Wasser schlängelt, und ihr habt eine Vorstellung von diesen wunderbaren, schönen und zierlichen Tierstaaten."
Auch Dawkins ist Ästhet – doch er vernetzt uns auf mehreren Ebenen zugleich. Nicht nur mit unseren universellen Verwandten, sondern auch mit Menschen wie Douglas Adams, den das Schicksal der Dodos sehr melancholisch stimmte. Und: Dawkins spiegelt uns auch die irreale Anwesenheit vergangener, verwandter Wesen – das Lächeln der grin cat bei Lewis Carroll, das bleibt, auch wenn die Katze längst verschwunden ist. Eine Botschaft allerdings scheint die wichtigste: nur die besten Gene werden Teil der Geschichte des Lebens – und prägen so die Welt - glaubt Richard Dawkins:
"The ones that are good at surviving, good at building birds that fly, & fish that swim, and humans that think. So that`s in essence how you get the built-up of this fantastic aedifice, of complicated and diverse apparent design."
Das menschliche Ego schrumpft, je länger wir Dawkins zuhören. Er flirtet mit seinem Wissen über unsere exzellenten universellen Verwandten, die er auf der Pilgerreise vor uns ausbreitet wie Geschenke auf einem fliegenden Teppich. Deshalb fällt uns die Reise leicht - auch wenn wir keine Darwinisten werden - und uns gelegentlich gegen Dawkins Eitelkeiten sträuben. Er selbst aber reiht sich ein unter Chaucers Pilger, wenn er sagt:
"Den Versuch der Religion, ein tieferes Verständnis des Lebens zu finden, habe ich immer respektiert. Auch ich reagiere quasi religiös, wenn ich zu den Sternen aufsehe, zur Milchstraße, und mir das Universum vorzustellen versuche. Das Gefühl, das ich dann empfinde, könnte man fast so etwas wie Anbetung nennen."
Und also herrschten Wahrheit, Schönheit und tiefer Friede. Und all dies trug sich zu, bevor "The God Delusion", die Geschichte vom Gotteswahn geschrieben wurde.
Richard Dawkins: Geschichten vom Ursprung des Lebens - eine Zeitreise auf Darwins Spuren,
Ullstein Verlag, Berlin/2008
