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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 29.09.2020

Pilar Quintana: "Hündin"Tierliebe bis zum Wahnsinn

Von Dirk Fuhrig

Das Cover zeigt die Großaufnahme von grünen und gelben Farnen vor schwarzem Hintergrund. (Cover: Aufbau Verlag)
Pilar Quintanas "Die Hündin": ein todtrauriger Text, der den Leser tief in die seelische Leere der Protagonistin hineinzieht. (Cover: Aufbau Verlag)

In einem Dorf am Pazifik ist es Tradition, dass Frauen möglichst viele Kinder bekommen. Mit ihrem Roman über ein kinderloses Ehepaar, das seine Liebe auf einen Hundewelpen projiziert, erweist sich Pilar Quintana als kraftvolle Stimme aus Kolumbien.

Pilar Quintana schildert das Leiden einer Frau an ihrer Kinderlosigkeit. Damaris stammt aus einem kleinen Dorf an der Pazifikküste Kolumbiens. Die Tradition erwartet von Frauen, dass sie schwanger werden und möglichst viele Kinder bekommen. Damaris – oder ihr Mann Rogelio – ist zur Fortpflanzung nicht in der Lage und projiziert ihre ganze Liebe auf einen Hundewelpen.

Liebe schlägt in Hass um

Das geht so lange gut, bis die Hündin älter wird und öfter für Tage oder Wochen verschwindet. Damaris verkraftet diese Untreue nicht. Ihre bedingungslose Zuneigung schlägt in Hass um, der dazu führt, dass sie die Hündin letztlich umbringt.

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Die Protagonistin ist schwarz und lebt in ärmlichen Verhältnissen. Sie hütet zeitweise das Haus einer wohlhabenden Familie aus der Stadt, ihr Mann Rogelio ist Fischer, der jeden Tag zu gefährlichen Fahrten auf der rauen See aufbricht. Die emotionale Verzweiflung von Damaris hat auch mit diesen Lebensverhältnissen zu tun, mit dem tropischen Klima, das regelmäßig für sintflutartige Regenfälle verantwortlich ist.

Unüberwindliche soziale Schranken

Der Alltag in diesem Teil Kolumbiens ist hart, die sozialen Schranken unüberwindlich: Klassenunterschiede zwischen der weißen, schwarzen und indigenen Bevölkerung. Die Beziehungen der Dorfbewohner untereinander sind von Neid und Missgunst geprägt. Eine kinderlose Frau hat den Status einer Außenseiterin.

Pilar Quintana kennt diese Region sehr gut, sie stammt aus einer Großstadt, Calí, ganz in der Nähe dieser schroffen kolumbianischen Westküste. Sie hat fürs Fernsehen und in der Werbung gearbeitet, bevor sie mit dem literarischen Schreiben begann. "Hündin" ist ihr erster Roman.

Kraftvolle neue Stimme aus Kolumbien

Der Stil der 1972 geborenen Schriftstellerin ist kühl, fast distanziert. Gerade dieser scheinbar mitleidlose, trockene Ton macht diesen Text besonders eindringlich. Damaris wird als Frau geschildert, die emotional immer mehr abstumpft. Andeutungsweise kommt zum Vorschein, dass sie als Kind unter der Gewalt ihrer Eltern gelitten hat – auch das nicht ungewöhnlich unter der indigenen Bevölkerung Kolumbiens, die in bitterer Armut lebt. Damaris’ Leben ist eine Abfolge von Misserfolgen. Die hoffnungslose Lage, in der sich Damaris befindet, wird vor dem Hintergrund der sozialen Situation Kolumbiens gezeichnet.

"Die Hündin" ist ein todtrauriger Text, der den Leser tief in die seelische Leere der Protagonistin hineinzieht. Mit ihrem mitleidlosen, lakonischen Stil zeigt Pilar Quintana, dass sie eine der kraftvollsten neuen Stimme aus Lateinamerika ist.

Pilar Quintana: "Hündin"
Aus dem Spanischen von Mayela Gerhardt
Aufbau Verlag, Berlin 2020
151 Seiten, 18 Euro

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