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Musikfeuilleton | Beitrag vom 01.11.2019

Pianisten in der DDR - Folge 3/4 Manfred Reinelt und Elfrun Gabriel

Von Wolfgang Rathert

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Jugendporträt des Pianisten Manfred Reinelt (Foto aus Sammlung Steffen Schleiermacher)
Ein seltenes Foto des Pianisten Manfred Reinelt (Foto aus Sammlung Steffen Schleiermacher)

Anlässlich des 30. Jahrestages des Mauerfalls erinnern wir in vier Sendungen an acht Pianisten, die das Klavierspiel in der DDR auf ganz unterschiedliche Weise geprägt haben. Folge 3 widmet sich Manfred Reinelt und Elfrun Gabriel.

Während die Entfaltung der außergewöhnlichen Begabung Reinelts 1964 durch seinen Freitod im Alter von nur 32 Jahren ein jähes und tragisches Ende nahm, konnte sich Elfrun Gabriel ab Mitte der 1960er Jahre als feinfühlige Interpretin insbesondere der romantischen Klavierliteratur etablieren und fand Anerkennung weit über die DDR hinaus.

Outsider und Insider

Obwohl die Deutsche Demokratische Republik von ihren Künstlern einen entschiedenen "Beitrag zum Aufbau des Sozialismus" forderte und im Gegenzug dafür Privilegien gewährte, war ein Rückzug in Nischen möglich, die im Rückblick sogar Hauptschauplätze waren. In der komplexen Gemengelage zwischen bürgerlicher Erbe-Aneignung und verordnetem Proletkult, mit der die sogenannten "Kulturschaffenden" in der DDR konfrontiert waren, ergaben sich von Beginn an Freiräume. Reinelts und Gabriels künstlerische Werdegänge spiegeln das in jeweils anderer Brechung wider, so dass man sie je nach Perspektive sowohl als "Outsider" wie als "Insider" bezeichnen kann.

Umfassende Begabung - Manfred Reinelt

Am Musischen Gymnasium Leipzig hatte der 10-jährige Manfred Reinelt seine ersten Klavierstunden bei Hugo Steurer genommen, der ihn ab 1950 auch an der Leipziger Musikhochschule unterrichtete. Bereits ein Jahr später folgte der glänzende Abschluss in den Fächern Klavier und Theorie; Reinelt wurde Steurers Assistent, später Ober-Assistent und blieb auch nach dessen Weggang in den Westen im Haus tätig. Ebenfalls 1951 folgten der erste Auftritt mit Orchester und der erste Solo-Abend mit Werken von Franck, Debussy, Ravel, Skrjabin und Bartók. Die technisch wie musikalisch höchst anspruchsvolle Gegenüberstellung von französischer, russischer und ungarischer Moderne hatte programmatischen Charakter, denn sie bezeugte den Willen eines jungen Musikers, sich von Anfang an auf die Suche nach neuen Klängen zu begeben –  was in diesem Fall auch den Nachholbedarf deutscher Hörer stillte, die Musik Debussys, Ravels und Bartóks nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs nicht mehr hören durften. Aber Reinelt durchstreifte ebenso rastlos die ältere Klaviermusik und spielte mit gleicher Passion Scarlatti, Bach, Beethoven und Schubert. Darüberhinaus ist ihm die Pioniertat zu verdanken, als erster deutscher Pianist überhaupt die als unspielbar geltende zweite Klaviersonate des amerikanischen Komponisten Charles Ives, die sogenannte "Concord Sonata", für den Rundfunk einzuspielen. (In der Bundesrepublik folgte Aloys Kontarsky ihm 1962 mit einer Schallplattenaufnahme des Werks für das amerikanische Label Time Records.) In den Zugaben seiner Konzerte wagte er sogar, neueste Musik aus Westdeutschland wie die Klavierstücke von Karlheinz Stockhausen vorzustellen. So war seine 13 Jahre umspannende Konzert- und Aufnahmetätigkeit eine tour de force ohnegleichen, Provokation und Anregung gleichermaßen.

Die Breite der Begabung Reinelts zeigte sich auch in seinem starken Interesse an Musikgeschichte und Mathematik, so dass er 1962 das Studium der Musikwissenschaft an der Leipziger Universität bei Heinrich Besseler aufnahm. Reinelts umfassende, weit über die Musik hinausgehende Begabung, seine introvertierte Persönlichkeit und seine Neigung zu scharfer Kritik wie Selbstkritik machten ihn angreifbar. Die Leipziger Hochschulleitung warf Reinelt Verweigerung vor, und in einem infamen Brief vom Juli 1963 forderte der Rektor Fischer Reinelt indirekt, aber unmissverständlich zum Rücktritt auf. Mit dem Freitod Manfred Reinelts am 18. September 1964 verlor die DDR und nicht nur sie einen außergewöhnlichen Musiker und Hoffnungsträger der jungen Generation der deutschen Pianistik. Reinelts Nachlass liegt im Musikarchiv der Berliner Akademie der Künste. 1985 und 1989 erschienen bei ETERNA als eine Art späte Rehabilitation zwei Platten mit Aufnahmen Reinelts; auf der ersten Platte sind Werke von Berg, Dallapiccola, Satie, Poulenc, Francaix und Messiaen  zu hören, auf der zweiten die "Concord Sonata" von Ives. 

Sanfte Melancholie - Elfrun Gabriel 

Im Gegensatz zu Reinelt war es Elfrun Gabriel möglich, ihre künstlerischen Vorstellungen in der DDR frei zu entfalten, obwohl auch sie nicht die ideologischen Erwartungen und Wünsche bediente, die vor allem auf die Stärkung einer sozialistischen Identität der DDR-Musik zielten. Es lässt sich natürlich leicht argwöhnen, dass eine auf romantische Musik spezialisierte Musikerin nur eine Feigenblatt- oder Ventil-Funktion erfüllte. Gabriel stillte sicherlich ein noch stark vorhandenes Bedürfnis an bürgerlichen Kulturwerten in der DDR. Aber ihr Repertoire-Schwerpunkt Chopin führte ihrem Publikum immer wieder vor Augen und Ohren, dass Paris ein für die meisten Menschen in der DDR unerreichbarer Sehnsuchtsort blieb. Gabriel war ebenfalls Absolventin der Leipziger Hochschule; sie hatte ebenfalls noch bei Hugo Steurer und seinem Assistenten Karl Heinz Kämmerling sowie bei Amadeus Webersinke studiert und ging dann für weitere Studien zu Pawel Serebrjakow nach Leningrad sowie zu der polnischen Pianistin Halina Czerny-Stefanska nach Krakau. Czerny-Stefanska, die aus der Schule von Ignaz Paderewski kam, hatte 1949 zusammen mit der russischen Pianistin Bella Davidovich den 1. Preis des äußerst prestigereichen Warschauer Chopin-Wettbewerbs erhalten. So war es angesichts der glänzenden Abschlussnoten Gabriels naheliegend, dass sie 1965 zusammen mit Werner Wolf von der DDR für den siebten Chopin-Wettbewerb nominiert wurde. Sie gewann zwar keinen Preis, doch war klar, dass hier eine maßgebliche Chopin-Interpretin heranreifte. Zum ersten Mal bestand damit in der DDR eine Konkurrenz zwischen zwei Pianisten, und zwar zwischen Gabriel und der zehn Jahre älteren Annerose Schmidt, die auf dem Chopin-Wettbewerb 1955 eine lobende Erwähnung erhalten hatte, freilich eine ganz andere Chopin-Auffassung vertrat. Nach einem dreijährigen weiteren Qualifkationsstudium an der Hochschule begann Elfrun Gabriel Ende der 1960er Jahre ihre Karriere als Konzertpianistin, die in den folgenden zwei Jahrzehnten mit den renommiertesten Dirigenten der Republik wie Herbert Kegel, Kurt Masur, Otmar Suitner zusammenarbeitete, sowie auch mit dem 1985 in Ost-Berlin gegründeten Vogler-Quartett.

Die Pianistin Elfrun Gabriel (http://www.elfrun-gabriel.com)Die Pianistin Elfrun Gabriel (http://www.elfrun-gabriel.com)

Gabriels Spiel nimmt sofort gefangen durch die Schönheit des Klangs, den organischen, tänzerischen Puls des Tempos, die Transparenz der Stimmen und eine schwer zu fassende, sanfte Melancholie. Die Faszination der Pianistin Elfrun Gabriel, die so gar nicht dem Klischee einer Staatskünstlerin entspricht, ist hier unmittelbar greifbar. Ihr künstlerisches Vermächtnis wird durch eine nach ihr benannte Stiftung an junge Pianisten und Pianistinnen weitergegeben.

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