Pianisten in der DDR - Folge 2/4

Siegfried Stöckigt und Dieter Zechlin

55:32 Minuten
Siegfried Stöckigt (links) und sein Sohn Michael Stöckigt (am Klavier) © Zentralbild/Archiv
Wolfgang Rathert · 25.10.2019
In der DDR kannte sie jeder, der sich für Musik interessierte: die Namen von Siegfried Stöckigt und Dieter Zechlin. Heute sind sie weitgehend vergessen, zu eng hatten sie ihr persönliches Schicksal mit dem der DDR verbunden.
In der heutigen Folge stehen die beiden Pianisten Dieter Zechlin und Siegfried Stöckigt im Mittelpunkt. Ihre Karrieren verliefen synchron zur Geschichte und zum Schicksal der DDR, und sie blieben ihrem Staat bis zum Ende treu. Als beide im Abstand weniger Monate 2012 starben, waren der Glanz und die Bedeutung verblasst, die sie einst in der DDR genossen hatten. In keinem der führenden westdeutschen Feuilletons fand sich ein Nachruf: als gesamtdeutsche Künstler waren sie kaum wahrgenommen und gewürdigt worden. Zwar konnte man ein paar Jahre nach der Wende einige ihrer Schallplatten-Einspielungen auf CD erwerben, aber die großen, im Westen ansässigen Klassik-Labels und Konzertveranstalter bekundeten kein oder nur geringes Interesse, beide Pianisten unter den neuen Verhältnissen zu engagieren. Ist diese Situation als Gesetz des Marktes hinzunehmen oder als schreiende Ungerechtigkeit zu beklagen? Eine eindeutige Antwort darauf kann es nicht geben, aber der Blick in die Geschichte mag helfen.
Die deutsche Teilung brachte eine paradoxe Lage hervor. Während die Musikhochschulen der Bundesrepublik Deutschland durch die Westbindung wieder relativ schnell Anschluss an die internationale Entwicklung fanden, wurde die Klavierausbildung in der DDR zu einer fast ausschließlich nationalen Angelegenheit. Hinzu kam der intellektuelle und künstlerische Aderlass, mit dem die DDR von Beginn an zu kämpfen hatte, so dass schon in den 1950er Jahren trotz der noch bestehenden Durchlässigkeit der innerdeutschen Grenze und der Auftritte westeuropäischer und westdeutscher Pianisten eine Isolierung eintrat. Immerhin bot das 1958 an der Musikhochschule in Weimar ins Leben gerufene "Internationale Musikseminar" eine gewisse Abhilfe, zunächst durch den Einsatz prominenter Musiker aus der Sowjetunion und später mit Dozenten aus der ganzen Welt, auch aus den USA. Hinzu kamen strukturelle, durch die politische Realität der DDR bedingte Probleme.
Die Kulturpolitik der SED zielte früh auf eine möglichst umfassende Kontrolle kultureller Aktivitäten, wohl auch, um die Auswirkungen gesamtdeutscher Musikaktivitäten einzudämmen. Diese gab es in den 1950er Jahren durchaus noch, wie etwa den ersten Robert Schumann-Wettbewerb 1956 in Berlin, den Annerose Schmidt gewann. In den Hochschulen wurden die Rektorate mit politisch zuverlässigen Genossen besetzt, um frühzeitig Abweichler zu erkennen und zu disziplinieren.
Die beiden heute vorgestellten Pianisten Stöckigt und Zechlin stehen für zwei Wege, die man einschlagen konnte. Siegfried Stöckigt fand früh eine Nische, die sich ideologisch sogar als nützlich erwies; Zechlin wurde ein Staatspianist, der damit große Privilegien genoss, aber auch ästhetische Weichenstellungen bei Partei-Diskussionen beeinflussen konnte. Dazu gehört zentral die Frage nach dem Verhältnis zwischen den Erwartungen an eine neue, sozialistische Musiksprache und dem riesigen Vermächtnis der Musik des bürgerlichen Zeitalters.
Stöckigt besaß unter den DDR-Pianisten seiner Generation eine Sonderstellung: Dank seiner virtuosen Fähigkeiten war der Schüler Hugo Steurers international konkurrenzfähig und errang beim Genfer Klavierwettbewerb 1959 die Silbermedaille. Er erhielt eine Professur an der Ost-Berliner Musikhochschule und konnte auch im westlichen Ausland auftreten; 1966 wurde er mit dem Kunstpreis der DDR ausgezeichnet. Stöckigt nutzte dieses Renommee, um sein Repertoire stetig zu erweitern und sich der Erkundung jenseits des auch in der DDR bis zum Überdruß gespielten klassischen Kanons zu widmen. Stöckigt war ein glühender Anhänger der amerikanischen Musik, und so stößt man in seiner Aufnahmetätigkeit auch auf Werke von Bernsteins, Gottschalk und an erster Stelle George Gershwin. Stöckigt trat bereits in jungen Jahren unter dem Pseudonym Rainer Carrell in einer Trio-Formation als aktiver Jazz-Pianist auf und schrieb Jazz-Stücke.
Vorderseite der AMIGA-LP Rhapsodie in Blue
Vorderseite der AMIGA-LP Rhapsodie in Blue© https://www.discogs.com
Gershwins berühmte "Rhapsody in Blue" war Stöckigts pianistisches Schlachtross. Seine erste Einspielung erschien Ende der 1950er Jahre in Zusammenarbeit mit Herbert Kegel und dem Leipziger Rundfunk-Tanzorchester, jedoch nicht bei Eterna, sondern bei dem Unterhaltungslabel Amiga. Stöckigts Interpretation schwankt zwischen Extremen: Auf der einen Seite ist sie kraftvoll und farbenreich, auf der anderen rhythmisch stark kontrolliert und starr. Der improvisatorische Gestus der Musik, ihr "Swing", wird durch eine quasi preußische Disziplin im Zaum gehalten. Gerade aber diese Janusköpfigkeit macht diese Aufnahme zu einem wichtigen Dokument der Rezeption der nordamerikanischen Musik in der DDR.
Auch Dieter Zechlin erkannte früh für seine pianistische Profilierung die Bedeutung der zeitgenössischen Musik, die auch eine Suche nach der kulturellen Identität des sozialistischen Deutschlands war. In Goslar als Sohn eines Militärarztes geboren, wuchs Zechlin in Erfurt auf und erhielt achtjährig den ersten Klavierunterricht, von 1941 bis 1943 bereits am Leipziger Konservatorium. Als Soldat erlitt Zechlin eine schwere Verwundung an der linken Hand, doch konnte er sein Studium nach dem Krieg in Erfurt und Weimar fortsetzen. Für Zechlin waren weniger seine Klavierlehrer Franz Jung und Karl Weiß entscheidend als vielmehr die Begenung mit Johann Cilensek, bei dem er in Weimar Tonsatz und Musiktheorie studierte und der ihn früh an die zeitgenössische Musik heranführte.
Zechlins doppelte Begabung als Pianist und Netzwerker brachte ihm früh exponierte Aufgaben und Ämter ein: 1951 ging er als erster DDR-Pianist auf Tournee in die Sowjetunion. Er war Solist der Uraufführung des Klavierkonzerts seines Lehrers Cilensek, begleitet von Franz Konwitschny und dem Rundfunk-Sinfonie-Orchester Leipzig, und erhielt im selben Jahr eine Dozentur an der späteren Hanns-Eisler-Hochschule in Berlin. Parallel dazu begann er das ambitionierte Projekt der ersten Gesamteinspielung der Klaviersonaten Beethovens durch einen DDR-Pianisten. Die offizielle Anerkennung blieb nicht aus. 1971 wurde Zechlin zum Rektor der Eisler-Hochschule, ein Jahr später zum Präsidenten des Musikrats der DDR gewählt; gleichzeitig erhielt er den Ruf als Leiter einer Meisterklasse an der Ostberliner "Deutschen Akademie der Künste". Auch im wichtigsten Berufsverband des Musiklebens der DDR, dem "Verband der Komponisten und Musikwissenschaftler", war Zechlin aktiv. Die kulturpolitische Machtfülle, die Zechlin nach und nach in seiner Person bündelte, erlaubte ihm freilich, sich über manche Restriktionen hinwegzusetzen; er arbeitete mit westlichen Kollegen wie dem Cellisten Paul Tortelier oder dem Bariton Hermann Prey zusammen und war damit sogar auf dem westdeutschen Plattenmarkt präsent. Man täte Zechlin allerdings unrecht, ihn als bloßen Nutznießer des Systems zu denunzieren. Dass er ästhetisch gegen puritanische Strenge und deutsche Innerlichkeit zu Felde ziehen wollte, wie es in einem Beitrag von 1962 heißt, war durchaus eine Kampfansage an Hardliner in der SED. Und so war Zechlins musikalisches und ästhetisches Spektrum wie dasjenige von Stöckigt außerordentlich breit, allerdings mit einem anderen Fokus. Ihm ging es wohl doch darum, Sozialismus und Bürgertum, Wagemut und Konservatismus wenigstens musikalisch zu versöhnen, Fauré neben Eisler und Schubert neben Cilensek gelten zu lassen. Es war Zechlin, der 1966 das kühne, mit der Zwölftontechnik operierende Konzertstück für Klavier und Orchester seines Lehrers Cilensek und 1988 das avantgardistische Klavierkonzert von Thomas Böttger uraufführte.
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