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Lesart / Archiv | Beitrag vom 17.11.2017

Pia Tafdrup: "Tarkowskis Pferde"Der langsame Abschied des demenzkranken Vaters

Von Nico Bleutge

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Pferde auf einer Weide im Morgengrauen (imago)
Pia Tafdrup verarbeitet in ihren Gedichten die Trauer um ihren verstorbenen Vater. (imago)

Pia Tafdrups Vater ist dement: Sein Gedächtnis verschwimmt, die Welt entgleitet ihm langsam, aber sicher. In ihrem Gedichtband "Tarkowskis Pferde" nimmt die dänische Dichterin Abschied. Ein bewegendes Trauerbuch.

Plötzlich sind so einfache Dinge wie Brieftaschen weg, und Hut und Handschuhe verschwunden.

"Die Logik ist über / alle Normen-Berge, / auch einzelne einleuchtende Wörter / sind fortgeflogen. (...) Alles wirbelt dem Zentrum entgegen".

In ihrem Gedichtband "Tarkowskis Pferde" schreibt die dänische Dichterin Pia Tafdrup über den langsamen Abschied ihres demenzkranken Vaters. Sie folgt dem Lauf der Krankheit, zeigt, wie Dinge dem Gedächtnis des Vaters entgleiten, bis sich irgendwann auch die Namen nicht mehr finden lassen. Tafdrup schreibt nah an der Perspektive des Vaters, wir sehen und hören gleichsam mit seinen Augen und Ohren, wie die Welt sich auflöst.

Ein Buch der Erinnerung

Seine schwankenden Wahrnehmungen übersetzt Pia Tafdrup in ein wundersames Spiel mit dem Zeilensprung. Sätze und Satzteile changieren in ihrer Bedeutung, sodass der Leser im eigenen Denken und Wahrnehmen spürt, wie sich die Zusammenhänge der Welt lockern und verschieben. Der Übersetzer Peter Urban-Halle hat diese Sprachbewegungen schön im Deutschen nachgebildet.

Doch "Tarkowskis Pferde" ist nicht nur ein Gedichtbuch über das langsame Verschwinden des Vaters, es bringt auch den Abschied der Tochter vom Vater in die Sprache. Wenige Wochen nach dessen Tod überkommt Pia Tafdrup plötzlich der Drang, zu singen: "Eurydike, die Erinnerung, / die Eruption" – dieser Dreiklang wird fortan das Schreiben leiten. Und so holt sie ihre letzte Zeit mit dem Vater aus dem Gedächtnis. Fragt sie sich anfangs noch, ob der Vater sich denn nicht mehr in jenen Menschen verwandelt, den sie kennt, wird sie fortan ein ums andere Mal Schutz suchen "in einer glasklaren Erinnerung aus der Kindheit", ohne doch die eigene Trauer, die eigenen Schmerzen aus der Sprache zu verbannen.

Schöne Verse, leuchtende Sätze

"Tarkowskis Pferde" ist ein Abschieds- und Trauerbuch. Vor allem aber ist es ein Buch der Erinnerung. Und damit zugleich ein Buch über das Vergessen. Dem dementen Vater entschwindet die Welt nach und nach – doch Pia Tafdrup schreibt ihren Gedichten die umgekehrte Bewegung ein: Sie macht die Erinnerungen lebendig in der Sprache ihrer Verse. Immer wieder lässt sie die Zeit durchlässig werden oder verbindet die Gedichte über kleine Motive.

Im letzten Teil des Buches versucht Tafdrup, die Gedichte an eine Art kosmologische Perspektive oder an konkrete historische Spuren aus dem Leben des Vaters zu koppeln. Hier rutschen auf einmal Formulierungen wie "süße Sekunden" oder "Absatz der Angst" zwischen die Zeilen. Viel stärker ist Pia Tafdrup, wenn sie ganz auf die Bewegungen von "Sehen, Hören und Riechen" vertraut. In den schönsten Versen leuchten ihre Sätze wie die "weißen Stämme der Birken", die dem Vater die Jahreszeit verraten.

Pia Tafdrup: Tarkowskis Pferde
Gedichte. Zweisprachig
Aus dem Dänischen und mit einer Nachbemerkung von Peter Urban-Halle
Stiftung Lyrik-Kabinett, München 2017
117 Seiten, 22 Euro

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