Philosophische Orte

    Epimenides unter Lügnern auf Kreta

    04:19 Minuten
    Knossos auf Kreta.Der rekonstruierter Nordeingang des Palastes von Knossos
    Wahr oder gelogen? Im Palast von Knossos auf der Insel Kreta soll der Philosoph Epimenides Ende des 7. Jahrhunderts vor unserer Zeitrechnung gewirkt haben. © Unsplash / Egor Myznik
    Von Hans von Trotha · 29.08.2021
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    Was nützt eine Warnung vor der Lüge, wenn dem, der sie ausspricht, nicht zu trauen ist? Der Philosoph Epimenides soll dieses Problem schon in der Antike aufgeworfen haben. An seinem Paradox knobeln Denkerinnen und Denker bis heute.
    Die Logik ist jene Region innerhalb der Philosophie, in der es streng nach Regeln zugeht. Da werden die Dinge so lang in ihre Teile zerlegt, bis man von jedem einzelnen sagen kann, ob es wahr ist oder falsch. Das gilt im Prinzip überall.

    Eine Reise an die Grenzen der Logik

    Es sei denn, es verschlägt einen nach Kreta, auf die größte griechische Insel, im Libyschen Meer gelegen. Bekannteste Sehenswürdigkeiten sind die minoischen Palastanlagen von Knossos und Phaistos - die eine wohl Wirkungs- die andere Geburtsstätte des Philosophen und Sehers Epimenides.
    Die Bewohnerinnen und Bewohner der Insel im Süden Griechenlands stellen die Logik seit jeher auf die Probe, indem sie jene Gedankenfigur quasi personifizieren, an der Logik an ihre systematische Grenze stößt: das Paradox.

    "Alle Kreter sind Lügner", sagt ein Kreter

    Der Apostel Paulus befand in seinem Brief an Titus: "Einer von ihnen hat als ihr eigener Prophet gesagt: Alle Kreter sind Lügner und faule Bäuche, gefährliche Tiere." Damit zitiert Paulus Epimenides, der dies einige Jahrhunderte zuvor so oder ähnlich gesagt haben soll. In einer Kurzversion ging dieser Ausspruch in die philosophischen Debatten des 20. Jahrhunderts ein. Der Satz "Der Kreter Epimenides sagt: Alle Kreter sind Lügner" wurde bekannt als sogenanntes Lügner-Paradox.
    Denn wenn der Satz "Alle Kreter sind Lügner" stimmt und derjenige, der ihn ausgesprochen hat, Kreter ist, dann ist der Satz gelogen, kann also mithin nicht stimmen und ist also – was nun? Wahr oder nicht wahr?

    Rechenmaschinen in der Endlosschleife

    Es ist von der Denkfigur her dieses Lügner-Paradox, mit dem in Thrillern, sei es im Roman oder im Film, Rechner außer Gefecht gesetzt werden, indem sie in einer Endlosschleife landen, aus der sie keinen Ausweg finden. Dasselbe tut, langsamer und gedanklich kreativer, die philosophische Logik. Da wird zum Beispiel argumentiert, dass ja auch Lügner nicht immer lügen und Epimenides womöglich gerade nicht log, als er sagte: "Alle Kreter sind Lügner". Ist der Satz dann wahr? Oder doch auch wieder falsch?
    Epimenides und sein Lügner-Paradox kommen Philosophierenden immer dann in den Sinn, wenn Dinge ausgesprochen werden, die, indem sie ausgesprochen werden, ihren eigenen Wahrheitsgehalt zu widerlegen scheinen. Das hat auch Eingang in die Populärkultur gefunden – nicht nur in Form zahlloser kaltgestellter Computersicherheitssysteme.

    Paradoxe Komödie der Diversität

    In Monty Pythons legendärem, von vielen philosophischen Spielereien durchzogenen Film "Das Leben des Brian" etwa kommt es zu einem Dialog zwischen dem gegen seinen Willen als Prophet verehrten Brian und der ihm zujubelnden Menge.
    "Ihr seid doch alle Individuen", ruft Brian den ringsum Versammelten zu. "Ja, wir sind alle Individuen", antworten sie im Chor. "Und ihr seid alle völlig verschieden!" Die Menge bestätigt unisono auch dies. Doch dann ruft ein Einzelner: "Ich nicht!" und hebt das komplexe Thema der Individualität damit auf die nächste Ebene. So geht Philosophie – auch wenn das vielleicht nicht gleich alle merken.
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