Philosophische Orte

Ayn Rand am Schreibtisch des Kapitalismus

05:43 Minuten
Porträt in Schwarzweiß von Ayn Rand, lächelnd und mit verschränkten Armen vor dem Grand Central Gebäude in Midtown Manhattan.
Radikaler Individualismus und rücksichtsloser Kapitalismus: Ayn Rand (1905 - 1982) befeuerte mit philosophischen Romanen den Traum vom Aufstieg der Tüchtigen. © Getty Images / New York Times Co.
Von Étienne Roeder · 02.10.2022
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Ihre Romane inspirierten Donald Trump und Elon Musk: Ayn Rand gilt als Philosophin des Turbokapitalismus. In Los Angeles begann die russische Emigrantin als Drehbuchautorin. Bis heute zählt sie zu den einflussreichsten politischen Autorinnen der USA.
Sonne, Palmen, die Surfer am Malibu Beach und natürlich Hollywood – Los Angeles steht sinnbildlich für das glitzernde Antlitz der USA. Wenn man jedoch ein wenig durch die Stadtviertel wandert, begegnet man Menschen, die ihr Hab und Gut in Einkaufswagen umherschieben, Menschen jeden Alters und Geschlechts, die in Zeltstädten mitten zwischen stark befahrenen Straßen leben.

Egoismus als Gradmesser

Sie hasse die Armen nicht, sagte Ayn Rand einmal, am meisten würde man ihnen jedoch helfen, wenn man keiner von ihnen wird. Sie gilt gemeinhin als Philosophin des Turbokapitalismus und hier in Los Angeles, wo Arm und Reich so nah beieinander existieren, hier lassen sich der Einfluss ihrer Ideen, ihre Blüten wie Schattenseiten besonders gut beobachten.
Eigeninteresse und Egoismus als moralischer Gradmesser: Das Aufstiegsversprechen ihrer Philosophie zieht bis heute. Mehr als 30 Millionen Mal wurden ihre Werke weltweit verkauft – nur die Bibel war auflagenstärker. Und bekannte Nordamerikaner wie der Space-Ex-Gründer Elon Musk, Amazon-Chef Jeff Bezos oder der ehemalige Notenbankchef Alan Greenspan sind Fans von Rands Ideen. Im Ayn-Rand-Institut – etwa eine Stunde Autofahrt entfernt von Down Town L. A. – ist man stolz auf solch populäre Fürsprecher.
Ein hölzerner Schreibtisch mit Schubladen ist im Museum auf einem Podest ausgestellt. Regale und Zimmerpflanze komplettieren den Ausschnitt einer Büroeinrichtung.
Wo Atlas mit den Schultern zuckte: An diesem Tisch soll Ayn Rand ihre Romane "Atlas Shrugged" und "The Fountainhead" verfasst haben.© imago/ ZUMA Wire
Keith Lockitch, Mittvierziger in kariertem Hemd und wohlriechendem After Shave, begrüßt mich herzlich im Foyer eines Büroflurs. Er ist Vize-Präsident für Bildung des Ayn-Rand-Instituts. Auf einer kleinen Erhöhung steht ein hellbrauner, schwerer Walnussholzschreibtisch. Darüber hängt ein großes Schwarz-Weiß-Bild, auf dem Ayn Rand an eben diesem Schreibtisch zwischen Manuskripten und Büchern sitzt und in die Kamera lächelt.

Philosophie in Romanform

Der Schreibtisch war ein Liebesgeschenk ihres Mannes. Ihn traf sie nach ihrer Emigration aus der Sowjetunion am dritten Tag nach ihrer Ankunft in L.A. am Filmset. Einen Tag zuvor hatte sie sich schon einen Arbeitsvertrag als Drehbuchschreiberin in Hollywood gesichert. „Läuft“, würde man da heute sagen.
Ihre libertären Ideen brachte Rand an diesem Möbelstück zu Papier. Der Schreibtisch reiste sogar mit ihr nach New York, wo sie zeitweilig lebte und nach ihrem Tod 1982 auch begraben wurde. Heute ist er wieder hier in L. A. Er steht sinnbildlich für Ihren Neuanfang in den Vereinigten Staaten, aber auch für ihre außergewöhnliche Gabe, philosophische Gedanken in einen Roman zu schreiben. Ebenso wie große russische Romanciers, verwendete auch Rand lange Gespräche und Reden, um ihre Philosophie darzulegen.
Ein Werbeplakat von Ayn Rand zeigt die Autorin von Kopf bis Fuß, einige ihrer Bücher und den Slogan "Ayn Rand knows that a real revolution starts in men's minds, not in the streets".
Für die Revolution in den Köpfen, nicht auf der Straße: Werbetafel in der Ausstellung des Ayn-Rand-Instituts.© imago / ZUMA Wire

Um zu leben, muss der Mensch drei Dinge zu den beherrschenden und obersten Werten seines Lebens erheben: Vernunft – Zweck – Selbstachtung. Die Vernunft als sein Werkzeug der Erkenntnis – die Anwendung dieses Werkzeuges zu dem Zweck, das eigene Glück zu erlangen – die Selbstachtung als unabdingbare Voraussetzung für die Überzeugung, seinen Verstand zum Denken benutzen zu können und eine Person zu sein, die das Glück verdient und damit das Leben.

Ayn Rand

Den Verlegern war das damals zu intellektuell, und für ihren Roman "The Fountainhead" – auf Deutsch: Die Quelle – brauchte sie einen langen Atem. Zwölf Verlagshäuser lehnten ihn zunächst ab, erzählt Keith Lockitch.

Umstrittene Moralvorstellungen

Rands Moralvorstellungen wurden heftig kritisiert und als inkohärent bezeichnet und dennoch: Ihre Ansichten sind auch heute noch einflussreich. Nicht nur der letzte US-Präsident Donald Trump outete sich als wahrer Fan von Rands Romanfiguren – auch bei den kalifornischen Tech-Größen sind Rands Ideen beliebt.
Vielleicht auch deshalb, weil sie helfen, die Obdachlosen in L.A.s Straßen zu ignorieren, denn passend zum US-amerikanischen Tellerwäscher-Mantra, wonach eigentlich jeder und jede es schaffen kann erfolgreich zu sein, wären sie Rand zufolge an ihrer Misere nur selber schuld.

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