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Sein und Streit | Beitrag vom 16.09.2018

Philosophische OrteAdornos Kindheit in Amorbach

Von Johanna Tirnthal

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Theodor W. Adorno-Briefmarke der Deutschen Bundespost aus dem Jahr 2007  (imago/Schöning)
Auch nach fast 20 Jahren Exil in England und den USA sah Theodor W. Adorno Amorbach noch als seine Heimat an. (imago/Schöning)

In Amorbach, einem beschaulichen Städtchen im Odenwald, verbrachte Adorno die Sommer seiner Kindheit – und fühlte sich dem Ort zeitlebens besonders verbunden. Dabei scheint die hiesige Idylle mit seiner Gesellschaftskritik nur schwer vereinbar.

Amorbach ist ein reich geschmücktes Barockstädtchen. Ein alter Dorfkern mit zwei übergroßen Kirchen aus rotem Sandstein liegt sanft eingebettet zwischen bewaldeten Hügeln.

"Es gehört für mich zu den schönsten Erfahrungen, dass ich in Amorbach, dem einzigen Ort auf diesem fragwürdigen Planeten, in dem ich mich im Grunde zuhause fühle, nicht vergessen worden bin."

So schrieb Theodor W. Adorno 1968 in einem Brief an Annemarie Trabold, die Besitzerin eines Schreibwarengeschäfts auf der Amorbacher Hauptstraße. Adorno hatte die Sommerfrischen seiner Kindheit am Anfang des 20. Jahrhunderts in Amorbach verbracht und sah den Ort als seine einzige Heimat: nach zwei Weltkriegen, fast 20 Jahren Exil in England und den USA und seiner Rückkehr nach Deutschland in der Nachkriegszeit hatte Amorbach für ihn eine gewisse Unschuld und Idylle bewahrt, der man auch heute noch nachspüren kann.

Marktplatz und Pfarrkirche St. Gangolf in Amorbach in Unterfranken (imago/imagebroker)Marktplatz und Pfarrkirche St. Gangolf in Amorbach - Adorno sah den Ort als seine Heimat. (imago/imagebroker)

Heinrich Schnorr: "Das Gebäude hier, Hausnummer drei, war zu Adornos Zeit die Schmiede. Von dieser Schmiede schreibt er auch öfter, von diesen Klängen, von dem Beschlagen der Pferde, also das hat ihn wohl auch sehr berührt und beeindruckt."

Heinrich Schnorr, pensionierter Lehrer und Fremdenführer in Amorbach, steht an einer kleinen Kreuzung im Zentrum. Mit ihm kann man sich auf die Fährte des Frankfurter Philosophen begeben. Orientierung bietet ein kurzer Text Adornos von 1966, 16 Miniaturen über Amorbach:

"In der Hauptstraße, um die Ecke der geliebten Post, befand sich eine offene Schmiede mit grell loderndem Feuer. Jeden Morgen ganz früh weckten mich die dröhnenden Schläge. Nie habe ich ihnen deshalb gezürnt. Sie brachten mir das Echo des längst Vergangenen."

Adorno im "Fürstenzimmer"

Die Schmiede, die den kleinen "Teddie", wie Adorno als Kind genannt wurde, an das Nibelungenlied erinnerte, existiert heute nicht mehr. Das Büro eines mobilen Pflegediensts hat sich dort eingerichtet. Aber die Geräuschkulisse ist der, die Adorno beschreibt, sehr ähnlich. Durch die Ruhe im Ortskern, die nur manchmal von vorbeifahrenden Autos gestört wird, dröhnen immer wieder Schläge wie von einem großen Hammer auf Metall.

Direkt nebenan ist eine große Baustelle. Hier wird das Hotel Post renoviert, in dem Adorno Anfang des 20. Jahrhunderts jeden Sommer mit seiner Mutter und seiner Tante logierte. Zuletzt stand es 15 Jahre lang leer. Durch das blaugrüne Netz am Baugerüst sieht man die alte Fassade des Hotels: herrschaftliche Fenstern, in der Mitte die des "Fürstenzimmers", das für die Adornos reserviert zu sein pflegte.

Anfang des 20. Jahrhunderts war das Hotel Post ein Treffpunkt für gutbürgerliche Künstler auf Sommerfrische.

Schnorr: "Ich denke, es hat Adorno sehr früh und sehr intensiv geprägt: Die Musik und die er hier mitbekommen hat und die bildnerische Kunst. Also das taucht immer wieder auf in seinen Schriften."

Musikalisches Erweckungserlebnis

Zitat aus Adornos Miniaturen: "Tatsächlich kam ich mit der Sphäre Richard Wagners in Amorbach in Berührung. Dort hatte, in einem Anbau an den Konvent, der Maler Max Rossmann sein Atelier; oft waren wir auf der Terrasse nachmittags bei ihm zum Kaffee. Rossmann hatte Dekorationen für Bayreuth gefertigt. Auf jene Tage geht zurück, dass ich die Meistersinger-Takte 'Dem Vogel, der da sang, dem war der Schnabel hold gewachsen', Rossmanns Lieblingsstelle, als Amorbach empfinde."

Adorno war sein Leben lang sehr an Musik interessiert und komponierte auch selbst. Von viel größerem Gewicht als seine musikalischen Kompositionen sollte sein philosophisches Werk werden. Adornos Werk ist auch eine sehr komplizierte, gesellschaftskritische Theorie, die auf den ersten Blick nicht recht passen mag zur Amorbacher Idylle . Ein Grund vielleicht, warum Adornos Spuren nur mithilfe von Heinrich Schnorr zu finden sind. Gedenktafeln gibt es keine.

Umstrittener Bewunderer

Schnorr: "Adorno ist nicht unumstritten gewesen in Amorbach, das ist auch heute noch so. Ich hab ja mal einen Artikel gelesen, Adorno wird in Amorbach ein bisschen verschwiegen, weil er angeblich eine rote Socke gewesen sein soll. Also ich denke, das ist sicher nicht der Grund. Das Hauptproblem mit dem schwierigen Umgang ist einfach: Adorno ist schwer zu verstehen, ja. Er schreibt ja, der neue Adorno sag ich mal, nach der Rückkehr aus Amerika, er schreibt schon, na ja – seine Philosophie ist schwer zu verstehen."

Zumindest soll im neu eröffneten Hotel Post ab 2019 auch offiziell an den prominenten Gast Adorno erinnert werden, meint Heinrich Schnorr.

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