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Sein und Streit | Beitrag vom 10.10.2021

Philosophische Flaschenpost: Ernst CassirerMythisches Denken in Zeiten der Krise

Von Birgit Recki

Porträt des Philosophen Ernst Cassierer vor schwarzem Hintergrund. (picture alliance / akg-images)
Wo die Vernunft in Schockstarre gerät, kann mythisches Denken an ihre Stelle treten: Diese Beobachtung machte der Philosoph Ernst Cassirer angesichts des Nationalsozialismus. (picture alliance / akg-images)

Krisen sind goldene Zeiten für Verschwörungsmythen, das hat Corona erneut gezeigt. Der Philosoph Ernst Cassirer beschrieb diesen Zusammenhang schon 1946. Für Birgit Recki weist sein Ansatz aber auch auf Abwege der Identitätspolitik hin.

"In allen kritischen Augenblicken des sozialen Lebens des Menschen sind die rationalen Kräfte, die dem Wiedererwachen der alten mythischen Vorstellungen Widerstand leisten, ihrer selbst nicht mehr sicher. In diesen Momenten ist die Zeit für den Mythus wieder gekommen." So schrieb der Philosoph Ernst Cassirer in seinem Buch "Vom Mythus des Staates", das 1946, ein Jahr nach seinem Tod, in den USA erschien.

Besessen von Bildern, Namen und Emotionen

Dorthin hatte Cassirer, 1874 als Kind jüdischer Eltern geboren, vor den Nazis flüchten müssen. Sein Buch sei vor diesem Hintergrund vor allem ein Versuch gewesen, die geistigen Grundlagen des NS-Regimes zu verstehen, sagt die Hamburger Philosophin Birgit Recki, die die gesammelten Werke Cassirers herausgegeben hat:

"Es war, im entgeisterten Blick auf die nationalsozialistische Herrschaft in Europa, auf den Vernichtungskrieg und den Völkermord an den Juden, als Erklärungsansatz gemeint für das Denken, das dem totalitären Staat zugrunde liege."

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Und diese Grundlage erkenne Cassirer im "mythischen Denken", auf das die Menschen in Krisenzeiten leichter zurückfielen: Das mythische Bewusstsein sei "durch die Intuition unmittelbarer Beziehungen zwischen Mensch und Dingen charakterisiert", so Recki, "und damit gibt es auch keine Abstraktions- und keine Reflexionsdistanz. Mythisches Bewusstsein ist besessen von der Macht der Bilder, der Macht der Namen und von der Macht der von ihren Eindrücken ausgelösten Emotionen."

Im Ahnenkult und der Rassenideologie des Nationalsozialismus aktualisiere sich für Cassirer dieses "archaische Denken".

Verschwörungsmythen und gefühltes Rechthaben

Für Recki ist Cassirers Ansatz auch heute noch aufschlussreich, nicht zuletzt im Hinblick auf die Mythenbildung in zahlreichen Verschwörungserzählungen während der Corona-Krise. Ebenso erkennt sie Spuren mythischen Denkens aber auch im "Erstarken identitärer Diskursstrategien", so zum Beispiel "in der Vorstellung, wer sich auf sein Gefühl beruft - das Gefühl, benachteiligt, beleidigt, nicht genügend beachtet zu sein - hätte diesseits aller Argumentation schon per se recht."

Und was hilft gegen das Wiedererstarken des "Mythus"? Mit Cassirer gesehen jedenfalls sicher keine "Ausgrenzung", sagt Recki, sondern: "Durch Befragen und Argumentieren weiterarbeiten an dem großen Projekt der Aufklärung."

(ch)

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