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Lesart / Archiv | Beitrag vom 08.12.2013

PhilosophieZwischen Bitten und Betteln

Peter Bieri: "Eine Art zu leben. Über die Vielfalt menschlicher Würde"

Von Stephan Hebel

Sterbe-Szene aus "Romeo und Julia" (Schaubühne Berlin /  Arno Declair)
Wie stirbt man in Würde? Ein Aspekt von vielen, denen Peter Bieri sich in seinem Buch widmet. (Schaubühne Berlin / Arno Declair)

Peter Bieri wagt es in seinem Buch, seine Philosophie der Würde zwar theoretisch fundiert, aber radikal vom Individuum aus zu schreiben. Anhand einer Vielzahl von Dimensionen zeigt er - meisterhaft erzählt - auf, was er unter der Lebensform der Würde versteht.

Für Bibliothekare muss dieses Buch eine besondere Herausforderung sein. Ob es ins Philosophie-Regal gehört oder zur Psychologie, ob es bei den Ratgebern besser aufgehoben ist oder bei den wissenschaftlichen Werken, das ist schwer zu entscheiden. Und wer es dann gelesen hat, platziert es vielleicht am liebsten in der Nähe der schönen Literatur.

Dass Peter Bieris "Eine Art zu leben" sich gängigen Einordnungen widersetzt, das spricht für das Buch und nicht dagegen. Der Autor will uns etwas über die Vielfalt menschlicher Würde erzählen, und die Würde, wie er sie beschreibt, hat zu viele Facetten, um sich einfach einsortieren zu lassen:

"Die Würde des Menschen, so wie ich sie hier verstehe und bespreche, ist eine bestimmte Art und Weise, ein menschliches Leben zu leben. Sie ist ein Muster des Denkens, Erlebens und Tuns. Unser Leben als denkende, erlebende und handelnde Wesen ist zerbrechlich und stets gefährdet - von außen wie von innen. Die Lebensform der Würde ist der Versuch, diese Gefährdung in Schach zu halten."

Wer so einsteigt, gibt ein großes Versprechen. Aber um es gleich zu sagen: Peter Bieri, der in Deutschland lebende Philosoph aus der Schweiz, löst das Versprechen ein. Über 380 spannende Seiten führt er uns durch eine Vielzahl von Dimensionen dessen, was er unter der Lebensform der Würde versteht.

Wir erleben sie aus der Perspektive des Selbstbilds, das jeder Mensch von sich pflegt. Wir erleben sie als Teil privater und beruflicher Beziehungen, als Mittel zur Wahrung unserer Intimität, unserer Selbstachtung oder unserer Moral. Wir erleben sie bis zur Frage nach einem würdigen Tod. Und immer erleben wir die Würde als Kern eines selbständigen, selbstbestimmten Lebens, den es aufzufinden gilt, indem wir, um es mit Bieris Worten zu sagen, "den Radius der Erkenntnis nach innen vergrößern".

Fernab hochabstrakter Gedankengebäude

Ja, bei Bieri erleben wir, was wir lesen. Sollte jemand das Buch im Philosophie-Regal finden, dann wird er oder sie nach hochabstrakten Gedankengebäuden ebenso vergeblich suchen wie nach Fußnoten nebst zitatstrotzenden Anmerkungen. Die kurzen Erläuterungen zu den einzelnen Kapiteln, die sich im Anhang finden, verfahren nach einem ganz anderen Muster. Um hier nur die allerletzte Randnotiz zu zitieren:

"Für das Thema des Sterbens habe ich besonders viel von zwei Büchern gelernt: Michael de Ridder, Wie wollen wir sterben?, München, Deutsche Verlagsanstalt 2010, und: H. Christof Müller-Busch, Abschied braucht Zeit, Suhrkamp 2012."

Cover: Peter Bieri "Eine Art zu leben" (Hanser Verlag)Cover: Peter Bieri "Eine Art zu leben" (Hanser Verlag)Diese sparsamen Fußnoten sagen viel über den Charakter des ganzen Buches. Sie erweisen den Philosophen und Psychologen, den Literaten und Filmemachern, auf die Bieri sich bezieht, die notwendige Ehre. Sie erbringen den selbstverständlichen Beweis, dass hier nicht aus dem hohlen Bauch heraus fantasiert wird. Aber sie dienen nicht dem Anspruch, eine philosophische Theorie für allgemeingültig zu erklären unter Berufung auf andere Autoren und Autoritäten. Peter Bieri hat es gewagt, seine Philosophie der Würde zwar theoretisch fundiert, aber radikal vom Individuum aus zu schreiben.

Aber all das ist nur die eine Seite. Dem breiten, zwischen den Fachrichtungen oszillierenden inhaltlichen Ansatz entspricht eine erzählerische, eine stilistische Meisterschaft, die dieses Buch erst wirklich großartig macht.

Der Autor hat sich entschieden, "Eine Art zu leben" unter seinem richtigen Namen zu schreiben. Aber auf fast jeder Seite wird er erkennbar als der Literat, der unter dem Pseudonym Pascal Mercier den Erfolgsroman "Nachtzug nach Lissabon" schrieb. Konnte man dort staunen, wie viel Philosophie die Literatur erträgt, so ist es hier genau umgekehrt. Streckenweise liest sich "Eine Art zu leben" wie ein Entwicklungsroman mit einer Hauptperson namens "Würde".

"Begriffliches Erzählen"

Da ist zum Beispiel die Szene, in der Bieri beschreibt, wie eine Bitte um Zuwendung zum entwürdigenden Betteln werden kann.

"Ich stelle mir ein Paar vor: Bernhard und Sarah Winter. Sarah hat ihren Mann am Sonntagabend ins Krankenhaus gebracht. Es war eine schweigsame Fahrt. Es hatte weh getan, dass sie schwieg und dass er es nicht zu deuten wusste.

Jetzt betreten sie das Zimmer. 'Also dann', sagt sie und legt die Hand auf die Türklinke. 'Kannst du nicht noch ein bisschen bleiben?', fragt er, erschrocken darüber, wie belegt seine Stimme klingt.

Mit dieser Frage verspielt er seine Würde noch nicht. Er gibt nur einem Wunsch Ausdruck. Noch kann es sein, dass das Eingeständnis der Schwäche und der Wunsch, Sarah möge bleiben, in ihr auf echte Empfindungen treffen, di e in den natürlichen Wunsch münden, zu bleiben.

Doch es kommt anders. 'Ich muss morgen früh raus', sagt sie und zieht die Tür weiter auf. 'Bitte', sagt Bernhard heiser, 'es ist hier so …, und es ist doch erst sieben Uhr'. Das erste Mal war es ein Bitten, jetzt ist es schon ein Betteln. Wenn Sarah nun die Tür schließt und sich im Mantel aufs Bett setzt: Es hilft nicht mehr, denn sie tut es wie jemand, der einem Bettler ein Almosen in den Hut wirft."

Bieri selbst beschreibt seine Methode immer wieder als "begriffliches Erzählen". Im Kapitel über verletzte Intimität heißt es einmal:

"Man denkt: Hier wird die Würde des Menschen verletzt. Man denkt es ohne Zögern, und die Worte scheinen glasklar. Doch was genau bedeuten sie?"

Das ist die Frage, die der Autor den Unselbständigen und Denkfaulen entgegenstellt. Und seine Antwort lautet: Es geht darum, die Dinge zur Sprache bringen, um die Selbstständigkeit zu gewinnen oder zu bewahren.

"Die Gegenfigur zum gedanklich Selbständigen ist der gedankliche Mitläufer, der servile Diener fremder Gedanken und fremder Sprüche. Er ist ein gedanklich Getriebener, der von Meinungsgewohnheiten, Parolen und rhetorischen Brocken lebt, die über seine Bühne huschen und ihren Weg in schlecht beleuchteten Sätzen nach außen finden. Den Unterschied zwischen Geschwätz und Gedanke kennt er nicht. Er ist der ideale Parteigänger."

Man könnte dieses schöne Buch glatt auch ins Politikregal stellen.

 

Peter Bieri: Eine Art zu leben. Über die Vielfalt menschlicher Würde
Carl Hanser Verlag, München 2013
384 Seiten, 24,90 Euro

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