Philosophie verlegen

Mit Liebe und langem Atem

44:55 Minuten
Die rot gebundenen Bände einer Hegel-Gesamtausgabe des Meiner Verlags stehen auf einem Regal.
Im Meiner Verlag für Philosophie setzt man auf zeitaufwendige Werkausgaben: Die Hegel-Edition ist 1911 geplant worden, die letzten Bände sind heute noch in Arbeit. © Felix Meiner Verlag
Jakob Meiner und Maria Muhle im Gespräch mit René Aguigah · 24.10.2021
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Weite Planungshorizonte, geringe Auflagen, besonderes Publikum: Das Verlegen philosophischer Bücher ist ein spezielles Geschäft. Wie funktioniert es?
Eine "verrückte Idee" sei es gewesen, sagt Maria Muhle rückblickend, dass sie und vier Freunde 2009 den August-Verlag gegründet haben, um "die Philosophie aus der Universität heraus in die Diskussion zu tragen". Denn sie taten das ohne Startkapital und verdienen bis heute ihren Lebensunterhalt mit anderen Jobs neben der Verlagsarbeit: "Es braucht natürlich sehr viel Idealismus und Opferbereitschaft und auch ein bisschen die Bereitschaft zur Selbstausbeutung, um so einen Verlag zu gründen. Gerade am Anfang haben wir alles selbst gemacht: die Übersetzung, das Lektorat – und natürlich dafür auch kein Geld bekommen. Es hat also vor allem auch mit der Liebe zu Büchern zu tun."

Drei Generationen für den Abschluss einer Edition

Stellt der August-Verlag einen der jüngsten Philosophie-Verlage im deutschsprachigen Raum dar, so ist der Meiner Verlag gewiss einer der traditionsreichsten: 1911 von Felix Meiner als Verlag für Philosophie gegründet, ist er bis heute in Familienhand und ist hochgeschätzt vor allem für seine unermüdliche Editionsarbeit. Eine Werkausgabe kann hier auch schon mal über mehrere Generationen gehen, erzählt Jakob Meiner, Urenkel des Gründers, der den Verlag heute gemeinsam mit seinem Bruder leitet: "Bei uns im Verlag sind die ‚Opera Omnia‘ von Nikolaus von Kues erschienen – dieses Projekt hat insgesamt drei Verlegergenerationen beschäftigt und ist nach knapp 90 Jahren dann zu einem Abschluss gebracht worden."
Ein lächelnder Mann mit Vollbart und in Weste steht vor einem Bücherregal.
Jakob Meiner leitet seit 2019 mit seinem Bruder den Meiner Verlag für Philosophie.© privat
Man brauche einen langen Atem, sagt Meiner: "Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen." Aber gerade das schätze er auch an seiner Branche: "dass es nicht immer nur um schneller, höher, weiter geht, sondern häufig genug darum, eine Sache zu pflegen, die kulturell von Bedeutung ist, und mit der man vielleicht nicht den ganz großen Reibach machen kann, die aber gut ist."

Nur zwei Titel verkaufen sich mehr als 1000 Mal im Jahr

Bei aller Leidenschaft für die Sache: Geld verdienen müsse man auch mit Philosophie-Büchern, zumindest genug, um die Mitarbeiter zu bezahlen und wirtschaftlich unabhängig zu bleiben, sagt Meiner. Und das scheint nach wie vor zu funktionieren, nicht zuletzt dank einer robusten "Backlist", also älteren Titeln, die sich immer noch verkaufen, wenn auch nicht gerade in hohen Stückzahlen: "Wir haben in der Philosophischen Bibliothek derzeit über 500 lieferbare Titel. Nur zwei davon verkaufen sich jedes Jahr mehr als 1000 Mal" – Kants "Kritik der reinen Vernunft" und Descartes’ "Meditationen".
Eine Frau mit hellen blauen Augen und braunem Pferdeschwanz schaut sinnend in die Ferne.
Maria Muhle hat 2009 gemeinsam mit vier Freunden den August Verlag gegründet.© Ulrich Gebert
Der August-Verlag ist zwar seit seiner Gründung stets als sogenannter "Imprint" anderen Verlagen zugeordnet, seit Anfang des Jahres bei Matthes und Seitz Berlin – auf Unabhängigkeit legen aber auch Maria Muhle und ihre Mitherausgeber Wert: "Wir halten Rücksprache mit Matthes und Seitz, sind aber in unserer inhaltlichen Ausrichtung auch sehr autonom, was natürlich ein großer Vertrauensbeweis ist."

Keine Angst vor der Digitalisierung

Und auch wenn es nicht gerade einfacher wird, philosophische Bücher zu verkaufen, schauen Meiner und Muhle beide optimistisch in die Zukunft. Von der Digitalisierung jedenfalls lassen sie sich nicht aus der Ruhe bringen: "Natürlich ändern sich die Darreichungsformen von Inhalten, aber es wird immer jemanden benötigen, der diese Inhalte mit einer gewissen Ernsthaftigkeit kuratiert", betont Meiner. Und Muhle ergänzt: "Es gibt auch gut und weniger gut gemachte E-Books."
(ch)

Warum das Bachelorstudium Umsatzeinbußen bedeutet und mit welchen anderen Herausforderungen Philosophieverlage heute zu kämpfen haben, das sind weitere Themen im Gespräch.

Außerdem in dieser Ausgabe von Sein und Streit:

Philosophie-Verlage – "Reich wird man damit nicht"
Kann man mit Philosophie-Büchern Geld verdienen? Welche Rolle spielt das Internet? Und wie sieht die Zukunft für Philosophie-Verlage aus? Constantin Hühn hat sich bei Suhrkamp, Merve und Klostermann umgehört.

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