Seit 15:05 Uhr Interpretationen
Sonntag, 16.05.2021
 
Seit 15:05 Uhr Interpretationen

Interview / Archiv | Beitrag vom 18.05.2020

Philosoph Markus GabrielVirologie als neue Religion

Markus Gabriel im Gespräch mit Dieter Kassel

Porträt des Autoren Markus Gabriel, 2018. (imago images / Future Image / Christop Hardt)
Natur- und Geisteswissenschaften unterscheiden sich - was die Belastbarkeit der Fakten angeht - nicht groß voneinander, sagt der Philosoph Markus Gabriel. (imago images / Future Image / Christop Hardt)

Wir pflegen einen geradezu religiösen Glauben an die Objektivität der Naturwissenschaften, kritisiert der Philosoph Markus Gabriel. Dabei basierten deren Modelle oft nicht auf Fakten, sondern nur auf Annahmen.

Endlich orientiert sich Politik an der Wissenschaft - solche Sätze sind in der Coronakrise oft zu hören. Die Orientierung bietenden Wissenschaftler sind dann in der Regel Virologen und Epidemiologen. Geisteswissenschaftler haben demgegenüber derzeit wenig zu melden. 

Die Dimension des Geistes ist ebenfalls wirklich

Diesem Primat der Naturwissenschaft widerspricht der Philosoph Markus Gabriel, Professor für Erkenntnistheorie an der Universität Bonn, seit langem. Auch in seinem neuen Buch "Fiktionen", das heute erscheint:

"Ziel des Buches ist, zu zeigen, dass die Dimension des Geistes, in der wir eben als freie Lebewesen existieren, keinen Deut weniger wirklich ist, vielleicht sogar wirklicher – wenn man denn graduieren möchte überhaupt – als das, was die Natur- und Technowissenschaften erforschen", sagt Gabriel.

Zwar sehe es häufig so aus, als würden Naturwissenschaftler einfach nur Daten erheben und damit völlig objektive Fakten generieren. So einfach sei die Sache aber nicht:

"Man präsentiert auch naturwissenschaftliche Fakten immer nur im Kontext von Modellen. Und Modelle funktionieren so ähnlich wie Fiktionen: Wenn ich zum Beispiel Prognosen über die Zukunft mache, über eine zweite Infektionswelle, ist das ja keine Vorhersage, dass sie kommt."

"Massive Schieflage" in unserem Weltbild

Schon die Annahmen, die naturwissenschaftlichen Modellen zu Grunde liegen, seien keine objektiven Tatsachen, so Gabriel kürzlich im Interview mit der NZZ: Zum Beispiel beriefen sich Virologen und Epidemiologen bei Aussagen über die Verbreitung von Corona vor allem auf ein Modell, das sich den Globus wie einen absoluten newtonschen Raum vorstelle.

Darin bewegten sich Menschen wie Punkte ständig und berührten einander. "Wer sagt denn, dass sich alle Menschen ständig bewegen? Was ist mit denen, die freiwillig zu Hause bleiben, den Einsamen, den traurigen Alkoholikern?", so der Philosoph in der NZZ: "Die Vorhersage-Tools, die wir für menschliches Verhalten verwenden, sind inadäquat."

Insofern diagnostiziert Gabriel eine "massive Schieflage" in unserem gegenwärtigen Weltbild. "Weil Naturwissenschaft und Technik – in diesen Tagen repräsentiert durch die Virologie und Computersimulationen – an die vormalige Stelle der Religion getreten sind."

(uko)

Markus Gabriel: Fiktionen
Suhrkamp, Berlin 2020
636 Seiten, 32 Euro

Mehr zum Thema

Markus Gabriel vs. Jan Wetzel - Führt Corona in eine Cyber-Diktatur?
(Deutschlandfunk, Streitkultur, 09.05.2020)

Mensch und Maschine - Ohne Bewusstsein keine Intelligenz
(Deutschlandfunk Kultur, Lesart, 12.01.2019)

Philosoph Markus Gabriel - "Der Mensch ist das Tier, das keines sein will"
(Deutschlandfunk Kultur, Sein und Streit, 02.09.2018)

App: Dlf Audiothek

Die neue Dlf Audiothek App ist ab sofort in den Appstores von Apple und Google zum kostenlosen Download erhältlich (Deutschlandradio)

Entdecken Sie mit der Dlf Audiothek die Vielfalt unserer drei Programme, abonnieren Sie Ihre Lieblingssendungen, wählen Sie aus Themenkanälen und machen daraus Ihr eigenes Radioprogramm.


Jetzt kostenlos herunterladen

Interview

NahostkonfliktZu viele, die es immer besser wissen
Pro-Israel-Demonstration in München: "Israel muss sich verteidigen" steht auf einem Plakat. (picture alliance / dpa / ZUMAPRESS.com / Sachelle Babbar)

Die Journalistin Esther Schapira kritisiert die deutsche Nahost-Debatte scharf und rät zu "etwas mehr Zurückhaltung und Bescheidenheit". Auch die Verknüpfung von Nahostkonflikt und dem Antisemitismus in Deutschland hält sie für grundfalsch.Mehr

"Dalli Dalli" wird 50Erinnerungen an einen großen Showmaster
Der beliebte Quizmaster Hans Rosenthal während einer "Dalli-Dalli"-Sendung mit einer Karte in der Hand, auf der die Nummer "65" steht. (picture alliance / Istvan Bajzat )

Vor 50 Jahren hieß es erstmals "Dalli Dalli", die Show machte Hans Rosenthal berühmt. Der hatte ein Vierteljahrhundert zuvor den Holocaust überlebt. Seine Tochter erinnert sich an einen Mann, der hart arbeitete und nach Normalität strebte - aber nicht vergaß.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur