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Lesart / Archiv | Beitrag vom 16.01.2017

Philosoph Marcus SteinwegKafka und der Drehtür-Effekt

Marcus Steinweg im Gespräch mit Joachim Scholl

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Undatiertes Porträt des Schriftstellers Franz Kafka. (picture-alliance / dpa / CTK)
Undatiertes Porträt des Schriftstellers Franz Kafka. (picture-alliance / dpa / CTK)

Der Philosoph und Künstler Marcus Steinweg denkt uns in seinem neuen Buch "Splitter" was vor. Im Zentrum seines Denkens steht unter anderem Kafka, über den er sich auch in unserem Gespräch äußert.

Marcus Steinweg ist ein Philosoph, der nie Philosophie hat – schon nach wenigen Monaten brach er das Studium ab:

"Weil Philosophie, so wie sie an der Uni unterrichtet wurde, keine Philosophie war. Das war Philosophiegeschichte, das war lehrreich, ich habe natürlich was gelernt. Aber ich habe gemerkt, dass eigenständiges Denken nicht erwartet wurde, geradezu gemieden wurde oder als unseriös galt."

Steinweg entschied sich für das Denken. Er schreibt seither seine Gedanken und Erkenntnisse in Büchern auf oder trägt sie auf der Bühne vor. Für die "taz" ist er "Der sich in den Rausch redet".

In seinem neuen Buch "Splitter" hält er sich allerdings kurz. Mal ist es sogar nur ein Satz, mal sind es zwei Seiten, mit denen er einen Gedanken mitteilt.

"Es gibt überhaupt keine Alternative zum Links-Sein"

Im Zentrum seines Denkens steht dabei unter anderem Kafka, aus dessen Schriften Steinweg das Bild der Drehtür destilliert. Bei Kafka gibt es kein Versprechen aufs Paradies: "Wir können nicht in ein Jenseits flüchten." Die Tür zur Erlösung bleibe verschlossen.

"Aber wir können uns in ein gesteigertes Verhältnis zum Bestehenden, zum Diesseits setzen." Wer durch die Tür geht, kommt an gleicher Stelle, aber möglicherweise verändert wieder heraus.

"Die Hand vom Geländer nehmen" – das ist für Steinweg Denken:

"... sich ein wenig zu lösen von den offiziellen Imperativen, von dem, was schon als richtig gilt".

Dabei bekennt sich Steinweg konsequent zum linken politischen Lager:

"Es gibt überhaupt keine Alternative zum Links-Sein für jemanden, der denkt. Weil Rechts-sein heißt sich an Vergangenheiten zu klammern, die vielleicht auch so nie existiert haben, und Denken ist eher eine Zukunftsöffnung, eine Zukunftsbejahung."

Oder auch:

"Denken heißt Weiterdenken."

(ahe)


Das Interview im Wortlaut:

Joachim Scholl: "Verschlossene Türen sind Ärger und Hindernisse. Erst die offene Tür wird zum Problem – Kafka wüsste das." Das ist einer von über 300 aphoristischen Texten, die jetzt der Philosoph Marcus Steinweg in seinem jüngsten Buch "Splitter" formuliert. Marcus Steinweg ist bei uns, guten Tag!

Marcus Steinweg: Hallo, Herr Scholl!

Scholl: Was wusste denn Kafka, Herr Steinweg? Warum ist erst die offene Tür ein Problem?

"Man muss Kafka als Topologen lesen"

Steinweg: Ich denke, man muss Kafka als Topologen lesen, als jemand, der mit Topologie zu tun hat. Es geht um die Frage der Selbstverortung des Menschen in der Welt, in der Realität, und das ist auch das, was wir philosophisches Denken nennen können, eine Auseinandersetzung mit diesen Fragen. Und bei Kafka ist es nicht so, dass es keine Tür gibt, denke ich, aber es ist eine Karusselltür oder eine Drehtür. Das heißt, wenn wir diese Tür durchschreiten, dann betreten wir keine metaphysische Hinterwelt, kein paradiesisches Jenseits. Dieser Weg bleibt für Kafka verschlossen. Das ist die aporetische Situation – Aporia ist ja das Wort für die Sackgasse, es geht nicht weiter. Aber Kafka sagt nicht, es gäbe gar keine Tür oder sie sei gänzlich verschlossen. Nur öffnet sich die Tür ins Innen. Das heißt, wie eine Karusselltür führt sie intensiviert, anders gewissermaßen, in unsere bestehende Realität zurück.

Scholl: Das war ein erstes Beispiel, wie Sie philosophieren, Herr Steinweg. In diesem Buch wie in den letzten gibt es dieses Splitter-Prinzip. Kurze und kürzeste Texte, Aphorismen, mal eine Seite oder auch zwei lang, dann wieder nur ein einziger Satz. Was ist das für eine Methode?

Steinweg: Das ist eine kleine Form, die mir entgegenkommt. Ich schreibe geradezu jeden Tag, und nicht jeden Tag fallen mir mehr als zwei Sätze ein. Manchmal sind es zwei Seiten, manchmal ist es ein einziger Satz, aber ich versuche, jeden Tag zu schreiben. Das ist mein Beruf, und diese kleine Form hat den Vorteil auch für den Leser, dass er nicht viele Seiten auf einmal lesen muss, sondern sich mit einem Satz auseinandersetzen kann, und insofern denke ich da auch an den Leser.

Scholl: Uns hat natürlich jetzt dieser Bezug auf Franz Kafka besonders interessiert. An ihm, seinem Werk wie an seinem Leben machen Sie ganz viele Gedanken fest. Ein erstes Beispiel haben wir gehört. Was macht Kafka für Sie allgemein philosophisch so interessant?

"Das ist das Karussell- oder Drehtürprinzip bei Kafka"

Steinweg: Wie ich sagte, er setzt sich ja mit den großen Fragen auseinander, wie das die Philosophen auch tun. Ich würde auch vorschlagen, Kafka parallel zu lesen mit Wittgenstein. Es gibt ein Buch von Wittgenstein, die "Vermischten Bemerkungen", das man parallel lesen könnte, sollte, würde ich sagen, mit zum Beispiel den "Zürauer Aphorismen" von Kafka, denn beide sind Topologen, beide verschließen den Zugang in dieses Jenseits. Und es gibt einen Satz aus den "Zürauer Aphorismen" von Kafka, den kann ich gerade zitieren: "Wie kann man sich über die Welt freuen außer, wenn man zu ihr flüchtet?" Und mehr ist nicht drin.

Und das ist das Karussell- oder Drehtürprinzip bei Kafka. Wir können nicht in ein Jenseits flüchten. Diese Flucht, dieser Erlösungsgedanke bleibt verschlossen, aber wir können uns in ein gesteigertes Verhältnis zum Bestehenden, zum Diesseits setzen, und das schlägt Kafka vor. Das ist das Immanenz-Denken, wenn man so will, von Kafka. Also kein Transzendenzdenken, kein Jenseitsglaube und keine Religiosität im klassischen Sinn. Oder wenn überhaupt Religiosität, dann wäre es eine aporetische Religiosität, das heißt, die hat eben damit zu tun, den Weg in eine zweite Hinterwelt zu verschließen.

Scholl: Sie sagten eben, es sei schon an den Leser zu denken, auch die Kürze Ihrer Aphorismen ist natürlich leserfreundlich. Sie machen es uns aber auch nicht ganz leicht. Man muss bei Ihnen schon extrem fit sein, wenn man Sie lesen will – die Fremdwörter, die sind häufig. Also ein Beispiel habe ich mir rausgeschrieben: "Kafka lesen heißt, zwischen Lösung und Erlösung zu differenzieren. Die Erlösung bleibt aus, sie ist Phantasma. Wenigstens gibt es die Literatur, und die suspendiert das soteriologische Versprechen." Da habe ich gedacht, Manometer, was heißt denn Soteriologie, das muss ich noch mal nachschauen. Das Heilsversprechen, das christliche Heilsversprechen. Hätte man auch so sagen können. Sie machen das mit Absicht. Warum?

"Alle Wörter sind Fremdwörter"

Steinweg: Das sind die Wörter, die uns zur Verfügung stehen, und ich glaube, dass auch das Wort Heilsversprechen kein einfaches Wort wäre. Das habe ich in der Philosophie gelernt, dass wir alle Wörter ernst nehmen müssen und alle Wörter Fremdwörter sind.

Scholl: Bei Ihnen muss ich immer an den alten Adorno-Satz denken: "Der Zorn über die Fremdwörter erklärt sich zunächst aus dem Seelenzustand der Zornigen, denen irgendwelche Trauben zu hoch hängen." Den Satz würden Sie, glaube ich, unterschreiben, oder?

Steinweg: Ja, und ich würde noch ein anderes Zitat hinzufügen von Roland Barthes aus seiner "Mythologies", "Mythen des Alltags" in der deutschen Übersetzung. Roland Barthes hat sich sehr gegen den Anti-Intellektualismus ausgesprochen, wir brauchen. Und er sagt so etwas: "Die Position des Antiintellektuellen liegt darin, zum Autor zu sagen, ich verstehe dich nicht, also bist du dumm."

Scholl: Wenn Sie, Herr Steinweg, jetzt ein ordentlicher deutscher Philosophieprofessor wären, dann würde man sagen, na ja klar, der schreibt auch für seine Zunft, das ist auch Terminologie. Sie sind das aber mit Absicht nicht geworden, obwohl man schon dem Jüngling, dem hochbegabten Jüngling Steinweg goldene Brücken zur Akademie gebaut hat. Sie haben Philosophie studiert, aber ganz schnell abgebrochen?

Steinweg: Weil Philosophie so, wie sie an der Uni unterrichtet wurde, für mich keine Philosophie war. Das war Philosophiegeschichte, das war lehrreich. Ich habe natürlich etwas gelernt, aber ich habe gemerkt, dass eigenständiges Denken nicht erwartet wurde, geradezu gemieden wurde oder als unseriös geradezu galt. Und das entsprach natürlich nicht meiner Vorstellung von philosophischen Denken, und da musste ich – habe ich die Universität verlassen.

Scholl: Wenn man aber dann als richtig vogelfreier Philosoph leben möchte, dann müsste man eigentlich Bücher schreiben so in der Art, wie man durch Philosophie glücklich wird, oder Lebe und liebe richtig, ein philosophischer Ratgeber von Marcus Steinweg. So was gibt es ja mittlerweile "en masse", kam für Sie aber nicht in Frage und kommt es weiterhin nicht.

"Ratgeberliteratur, das kann ich nicht machen"

Steinweg: Ich glaube, dass die Philosophie mit unserem konkreten Leben zu tun hat und dass sie insofern tatsächlich auch eine gewisse Orientierung bieten kann. Aber Ratgeberliteratur, das kann ich nicht machen und das wäre für mich anmaßend, und das entspricht nicht meiner Vorstellung von philosophischem Denken.

Scholl: Im Gegenteil haben Sie aber dann mit sehr avantgardistischen Künstlern zusammengearbeitet, also mit Thomas Hirscher und Rosemarie Trockel. Sie haben Foucault- und Nietzsche-Maps, -karten entworfen. Was ist das für eine Zusammenarbeit zwischen Kunst und Philosophie?

Steinweg: Es gibt eine Freundschaft von Kunst und Philosophie, und wir können natürlich sagen, das ist ganz unterschiedlich, aber ich glaube, es gibt eben etwas Elementares, was Kunst und Philosophie verbindet. Es geht darum, sich in der Orientierungslosigkeit zu orientieren. Das heißt, in unserer überkomplexen Realität mit künstlerischen Mitteln oder eben mit philosophisch-sprachlichen Mitteln.

Scholl: Was Sie auch sehr erfolgreich tun, Herr Steinweg, ist öffentlich aufzutreten. In der Berliner Volksbühne halten Sie regelmäßig ausverkaufte höchst unterhaltsame Vorträge oder leiten Diskussionen unter dem Motto "Überstürztes Denken". Ich selbst war noch nicht da. Wer Sie besucht hat, gehört hat, sagt "Mensch, ist super". Ist das so, diese uralt-antike griechische Tradition, der Philosoph auf der Agora, dem öffentlichen Platz?

Steinweg: Ja. Es geht natürlich darum, zu kommunizieren, und mir ist das Motiv der Überstürzung wichtig, die Hand vom Geländer zu nehmen. Das ist eben Denken, sich ein wenig zu lösen von den sagen wir offiziellen Imperativen, von dem, was schon als richtig gilt, und sich mit den eigenen sprachlichen Mitteln einen Weg zu bahnen.

Scholl: Denken ohne Geländer. Das war Hannah Arendt, nicht wahr?

Steinweg: Genau.

Scholl: Was in Ihrem Buch aber auch wieder auffällt, Herr Steinweg, ist ein entschiedenes Bekenntnis zum Links-Sein, politisch Links-Sein. Das taucht immer wieder in Ihren Aphorismen der letzten Jahre auf: "Es gibt kein rechtes Denken, das man noch Denken nennen könnte." Auch ein Satz von Ihnen. Ist Ihnen das wichtig, und warum ist Ihnen das wichtig, gerade so in unseren politisch so aufgeladenen Zeiten vielleicht, wo man ja doch zwischen rechts und links gar nicht mehr so richtig unterscheiden mag – Sie sagen Links-Sein, das muss es sein, als Denker.

"Es gibt keine Alternative zum Linkssein für jemanden, der denkt"

Steinweg: Es gibt überhaupt keine Alternative zum Linkssein für jemanden, der denkt. Weil Rechts-Sein heißt, sich an Vergangenheiten zu klammern, die vielleicht auch so nie existiert haben. Denken ist eher eine Zukunftsöffnung und eine Zukunftsbejahung als dieses reaktionäre Sich-Klammern an irgendwelche Traditionen und so weiter. Ich sage nicht, dass es keine Tradition gibt oder dass wir unabhängig sind von unserer Vergangenheit und so weiter. Natürlich nicht, aber Denken heißt Weiterdenken, und nicht, sich ans Alte zu klammern.

Scholl: Sie waren vorhin schon bei uns, Herr Steinweg, und haben auch dem Gespräch mit Georg Seeßlen, glaube ich, zugehört, über Donald Trump. Es wäre, glaube ich, auch reizvoll für einen Philosophen wie Sie, diese neue Präsidentschaft, diesen neuen Stil vielleicht philosophisch aufzufangen, oder sagen Sie "Nein, das lohnt nicht"?

Steinweg: Ich weiß nicht, ob ich in der Lage bin oder auch Lust habe, darüber zu schreiben, aber ich bin unglücklich über das Ergebnis der Wahl, und ich hoffe, wir kommen durch diese vier Jahre gut durch.

Scholl: "Links ist, wem es in faktischer Alternativlosigkeit schwerfällt, es zu sein." Den Satz habe ich mir extra dick unterstrichen. Den finde ich persönlich klasse. Philosophie mit und von Marcus Steinweg in dem neuen Buch "Splitter". Es ist im Matthes-&-Seitz-Verlag erschienen, hat 206 Seiten und kostet 16 Euro. Marcus Steinweg, schönen Dank für dieses Gespräch – alles Gute Ihnen!

Steinweg: Vielen Dank!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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