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Sein und Streit | Beitrag vom 16.09.2018

Philosoph Konrad Paul Liessmann"Die Teufel, das sind wir"

Konrad Paul Liessmann im Gespräch mit Stephanie Rohde

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Ein Mann am Computer - hinter ihm ist der Schatten eines Teufels zu sehen. (imago/Ikon Images)
Der Philosoph Konrad Paul Liessmann kritisiert, dass Kontrahenten, die einander verteufeln, gar nicht mehr in der Lage sind, miteinander zu reden. (imago/Ikon Images)

Die Hölle als Ort einer gerechten Strafe – liegt uns diese Vorstellung heute nicht völlig fern? Keineswegs meint Konrad Paul Liessmann: Es lohne sich, über die Hölle nachzudenken, auch um keiner simplen Gut-und-Böse-Logik auf den Leim zu gehen.

Die Vorstellung von einem jenseitigen Ort, "wo endlich jene Gerechtigkeit zum Zuge kommt, auf die wir hier auf Erden vergeblich hoffen und warten," sei aus fast allen großen Religionen und spirituellen Strömungen bekannt, so der Philosoph Konrad Paul Liessmann. Zu allen Zeiten hätten Menschen in Höllenbildern Phantasien entwickelt, die Rückschlüsse auf ihre Ängste, Sehnsüchte und sozialen Utopien zulassen. In diesem Sinne gebe die Hölle bis heute "Auskunft über uns selbst".

Porträt des Philosophen Konrad Paul Liessmann (Zsolnay Verlag / Heribert Corn, www.corn.at)"Hölle", das bedeute neben seelischem und körperlichem Leid stets auch Erfahrungen von Ohnmacht und Ausweglosigkeit, so Konrad Paul Liessmann. (Zsolnay Verlag / Heribert Corn, www.corn.at)

Dass die Hölle als starke Metapher nach wie vor Konjunktur hat, zeigt nicht zuletzt ein Blick ins Programm des "Philosophicum Lech", einer Konferenz, die der Wiener Philosoph am 20. September ausrichtet: "Familienhölle", "Armutshölle" und die "Hölle der Sucht" werden dort zu Gegenständen der Reflexion. Das Auftauchen des Ausdrucks in unterschiedlichsten Kontexten legt allerdings den Verdacht nah, dass er inzwischen eher überstrapaziert wird. Doch Liessmann hält dagegen: Gerade weil Höllenvorstellungen in unserer Kultur so tief verankert seien, funktioniere die Metapher immer noch verlässlich und transportiere zentrale Kernbotschaften mit.

Ohnmacht und Ausweglosigkeit

"Hölle", das bedeute neben seelischem und körperlichem Leid stets auch Erfahrungen von Ohnmacht und Ausweglosigkeit, die Menschen individuell zum Beispiel in Suchterkrankungen oder Beziehungskrisen durchleben und im größeren Maßstab in politischen und militärischen Konflikten, so Liessmann. Gerade auf dem Feld des Politischen könne die Höllen-Metapher freilich einer allzu naiven Sicht der Dinge Vorschub leisten:

"Bei so einem Konflikt wie einem komplexen Bürgerkrieg sehnen wir uns doch alle danach, den benennen zu können, der an allem schuld ist, der böse ist, den man bekämpfen muss, gegen den man intervenieren muss, dann sind wir beruhigt."

Der Teufel als Gottes Gerichtsdiener

Wer sich jedoch ernsthaft mit traditionellen Darstellungen der Hölle beschäftige, stelle bald fest, dass diese mit einem einfachen Gut-und-Böse-Schema wenig zu tun haben. Sowohl in der antiken Mythologie als auch in der christlichen Lehre finde sich eine höchst differenzierte Unterscheidung von verschiedenen Verbrechen, Untaten, Lastern und den entsprechenden Höllenstrafen, bis hin zur katholischen Vorstellung, dass die Seele im "Fegefeuer" von ihren Sünden "gereinigt" werden könnte. Auch die Figur des Teufels sei durchaus ambivalent, so Liessmann, verkörpere er doch nicht nur das schlechthin Böse, sondern trage als "Vollzugsorgan einer göttlichen Gerechtigkeitsvorstellung" zugleich "gerichtsdienerhafte", nicht selten sympathische Züge.

Im Hinblick auf die politische Höllen-Rhetorik der Gegenwart warnt Liessmann vor allzu groben Vereinfachungen:

"Wir sollten uns davor hüten, in dieser Welt den einen großen Teufel zu suchen, der für alles Unglück verantwortlich ist – und natürlich tendieren wir dazu, weil das uns entlastet. – Wenn ich einmal identifiziert habe, dass der amerikanische Präsident der Hauptverantwortliche ist, dass mit dem Kampf gegen den Klimawandel nichts weitergeht, wenn ich sozusagen hier den Teufel dingfest und namhaft gemacht habe, dann brauche ich doch selber mich wirklich nicht mehr so sehr zu genieren, wenn ich mit meinem Geländewagen durch die Stadt fahre."

Das Böse ist nicht irgendwo da draußen

Andererseits böten mitunter gerade erst höllische "Zustände des Unerträglichen" den Anstoß zum Handeln, um diese Zustände zu beenden. Auch dafür sei der Klimawandel ein Beispiel: Zum Eingreifen sind wir womöglich erst dann bereit, wenn die Hölle auf Erden auch für uns spürbar wird, vermutet Liessmann.

In diesem Sinne habe der Teufel in der Mythologie seit langem die Funktion gehabt, das Böse nach außen zu projizieren und auf diese Weise das Gewissen zu entlasten. – "Die Hölle, das sind die Anderen", es erscheint naheliegend, diesen viel zitierten Satz von Jean-Paul Sartre auf den heillos polarisierten politischen Diskurs der Gegenwart zu beziehen, der zunehmend davon geprägt ist, dass Kontrahenten einander verteufeln und gar nicht mehr in der Lage sind, miteinander zu reden. Das hieße allerdings, Sartre völlig falsch auszulegen, so Liessmann, schließlich habe der in seinem Drama "Geschlossene Gesellschaft" mustergültig vorgeführt, "dass wir uns wechselseitig das Leben zur Hölle machen." Woraus Liessmann, frei nach Sartre, folgert: "Die Teufel, das sind wir."

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