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Buchkritik | Beitrag vom 21.06.2021

Philipp Sarasin: „1977. Eine kurze Geschichte der Gegenwart“ Das Ende der Moderne

Von Andrea Roedig

Cover: Philipp Sarasin: 1977. Eine kurze Geschichte der Gegenwart (Suhrkamp / Deutschlandradio)
1977 ging die Moderne zu Ende, so die These Sarasins. (Suhrkamp / Deutschlandradio)

Die 1970er-Jahre gelten als Dekade der Umbrüche und Krisen und als eine, in der vieles von dem begann, was uns heute umtreibt. Der Historiker Philip Sarasin nimmt ein Jahr als Schnittpunkt um herauszufinden, wann und warum die Moderne zu Ende ging.

Diese Aufzählung klingt tatsächlich nach heute: Bioenergie, Massage, Gesundheitsnahrung, Tai Chi, Mediation, Jogging und Yoga, Human Potential Bewegung – man spricht von "Me Decade", ein Soziologe diagnostiziert die "narzisstische Gesellschaft". Doch all das gehört in die 1970er Jahre, eine Dekade in der fast alles begann, was uns heute noch umtreibt: Globalisierung und Medienwandel, Individualisierung und Identitätspolitik. Die These vom Jahrzehnt der Umbrüche ist nicht neu, in die 1970er Jahre fallen Ölkrise und RAF-Terrorismus, die iranische Revolution und die beginnende Ökobewegung – oft schon wurde diese Zeit als eine Art Epochenschwelle beschrieben. Der Historiker Philipp Sarasin nimmt sich nun ein einziges Jahr vor, 1977, um einen "Schnitt durch den Strom der Zeit" zu legen, und herauszufinden, worin genau die Veränderung bestand, die damals eintrat.

Was zu Ende geht – und was beginnt

Er tut dies anhand von fünf "Nekrologen", also Nachrufen auf berühmte Persönlichkeiten, die im Jahr 1977 starben, und an denen sich exemplarisch zeigen lässt, was mit ihnen zu Ende ging; unter anderem sind das Ernst Bloch als Philosoph der Revolution, Anais Nin als Ikone der sexuellen Selbsterfahrung und Ludwig Erhard als Sinnbild sozialer Marktwirtschaft. Insgesamt zeigen die verschiedenen Nachrufe aber eine einzige Bewegung auf, die vom modernen Ideal der Allgemeinheit und Universalität in eine zunehmende Pluralisierung und einen Primat der Singularitäten führt.

Detailliert beschreibt Sarasin etwa, wie die Hoffnung auf gesellschaftliche Revolution am "deutschen Herbst" und der Auseinandersetzung um die RAF zerbricht, die linke Szene zerfällt in immer mehr einzelne Bewegungen und viele ihrer Mitglieder wenden sich Zielen der Selbstfindung zu, woraus ein ganzer Psychoboom entsteht.  Ausgehend vom Nekrolog auf die schwarze Bürgerrechtlerin Fannie Lou Hamer zeigt Sarasin, wie sich der Kampf für Menschenrechte langsam und zunächst feministisch motiviert zu "Identity Politics" wandelt. Dieser Punkt ist für heutige Debatten wohl der interessanteste. Es entwickele sich in den 70er Jahren eine typische Doppelfigur "unschuldiges Opfer – postideologischer Helfer", meint Sarasin und ein wahrer "Sehnsuchtssignifikant Identität."

Medienwandel und Globalisierung

All diese politischen Entwicklungen waren begleitet von beginnender Globalisierung und Medienwandel. Denn ab 1977 setzten sich auch die ersten PCs, also Personal Computer durch. Damals, das zeigt das Buch von Philip Sarasin, war alles Zukünftige schon da, aber man konnte es noch nicht als solches erkennen.

1977 ging die Moderne zu Ende – die These ist plausibel entwickelt, wenn auch der Bezug auf die fünf Nekrologe etwas konstruiert erscheint und der Autor sie mit zu vielen Beispielen überfrachtet, was der Untersuchung mitunter den Charme eines gut erzählten Telefonbuchs verleiht. Es bedarf der Fülle, um einen "Schnitt durch den Strom der Zeit" zu legen, ganz so viel Material allerdings, von zudem oft schon bekannten Geschichten, hätte die Leserin nicht gebraucht.

Philipp Sarasin: "1977. Eine kurze Geschichte der Gegenwart"
Suhrkamp, Berlin 2021
508 Seiten, 32 Euro

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