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Zeitfragen | Beitrag vom 24.01.2019

Philipp Hübl über die dunkle Seite des AufräumensOrdnungsfans "neigen ein bisschen mehr zu autoritärem Denken"

Moderation: Lydia Heller

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Ein fast leeres Regal mit fünf Büchern. (EyeEm / yinyin)
Ordnung in das Arbeitszimmer bringen, bedeute gleichzeitig, ein bisschen Ordnung ins Denken bringen, so Philipp Hübl. (EyeEm / yinyin)

Grundsätzlich haben Menschen zwei allgemeine Neigungen, sagt der Philosoph Philipp Hübl: die Neigung zu Stabilität und die Neigung zu Flexibilität. Wobei diejenigen, die Ordnung und Struktur mögen, etwas konservativer denken würden.

Netflix-Trailer: "We have so much stuff!" / "It’s a neverending battle to fight the clutter…"

Lydia Heller: Herr Hübl, "wir haben so viel Zeug", heißt es im Trailer zu Marie Kondos Aufräum-Show, "es ist ein endloser Kampf gegen die Unordnung zuhause": Warum versammeln wir überhaupt Dinge um uns herum, was bedeuten sie für uns?

Philipp Hübl: Ich glaube, da kann man zwei Dinge unterscheiden. Also natürlich gibt’s einmal den Gebrauchswert, den Dinge haben, es ist gut, einen Herd zu haben, weil dann kann man Essen warm machen. Aber alles, was der Mensch tut, hat auch diesen sozialen Aspekt. Und ein wichtiger Teil des Konsums ist demonstrativer Konsum. Wir wollen anderen zeigen, dass wir zu einer bestimmten Gruppe dazu gehören, entweder, dass wir es uns leisten können. Oder – dass wir besonders progressiv und modern sind, indem, was wir tragen oder besitzen, dass wir besonders individuell sind. Vielleicht aber auch umgekehrt, dass wir ganz normal sind – also jeder Konsum kommuniziert immer auch etwas, den anderen.

Heller: Und – es hängt auch sowas daran wie Pflichten? Also: fordern uns Dinge auch auf zu Sachen?

Hübl: Ja, das sagen einige Philosophen. Die Phänomenologen sagen, alle Dinge haben eigentlich so einen Aufforderungs-Charakter. Dass immer, wenn wir Dinge sehen, aktivieren wir im Kopf gleich die Interaktions- und Handlungsmuster, die diese Dinge an uns stellen. Wir sehen den Kugelschreiber und wollen gleich was schreiben, wir sehen das IPhone und wollen ins Internet gehen, wir sehen Bücher und wollen darin vielleicht blättern. Und dieser Aufforderungscharakter ist die ganze Zeit da – das heißt, je weniger Dinge wir um uns herum haben, desto stiller sind die Dinge dann auch um uns herum und das empfinden einige, vielleicht sogar auch viele Menschen, wenn gar nicht so viele Aufforderungen an sie gestellt werden.

Heller: Und vermutlich verspricht Marie Kondo deshalb auch, dass nicht nur die Wohnung ordentlich ist, wenn man sie mit ihrer Methode aufgeräumt hat.

Trailer: "Tidying up with the KonMari-method will not only affect your house…"

Sondern: natürlich soll das auch gleich noch das ganze Leben umkrempeln:

Trailer: "...it will also Change! Your! Life!"

Die kostbare Ressource Lebenszeit

Hübl: Wenn wir Ordnung in das Arbeitszimmer oder in die Küche bringen, ist das ja auch gleichzeitig so ein bisschen Ordnung ins Denken bringen. Also, wenn ich jetzt ständig Zeit damit verbringe, die Dinge zu suchen, dann nimmt mir das Zeit weg. Zeit ist die kostbarste Ressource – die Zeit, die Lebenszeit, unser eigenes Leben ist eigentlich das, was viel wichtiger sein sollte, ist es natürlich besser zum Teil sie loszuwerden und dann mehr Zeit zu haben.

Trailer: "It will help you design the life you want"

Heller: Mehr Zeit für die Dinge, die man eigentlich will, sagt Marie Kondo – aber ob das auch ein guter Rat ist für Leute, die sowieso nicht viel besitzen, weil sie sich gar nicht viel leisten können – oder die, die kostbare Ressource Lebenszeit damit verbringen müssen, ihre pure Existenz zu sichern – darüber erfahren die KonMari-Anhänger nichts. Aber auch alle die, die sich den Luxus leisten können, ihre Besitztümer danach auszusortieren, ob sie ihnen Freude bringen oder nicht, sind deshalb den Druck nicht los, über Konsum Status auszudrücken zu müssen, sagt Philipp Hübl. Der – verlagert sich nur:

Hübl: Es gibt einen starken Kulturtrend: Weg von den Dingen, hin zu Erlebnissen und Ereignissen. Früher wollten die Menschen Dinge haben, das Auto war der ganze Stolz. Heute ist es wichtiger, etwas zu erleben. Konzerte, Festivals, besondere Reisen, besondere Ereignisse stehen immer weiter im Vordergrund. Ereignisse sind, metaphysisch gesehen, philosophisch gesehen, Einzeldinge, die sind unwiederholbar, die kann man nur einmal haben, deshalb sind die extrem individuell, das Auto kann jeder haben. Aber es hat auch was damit zu tun, dass die Menschen insgesamt existenzialistischer geworden sind. Sie glauben seltener daran, dass es nach dem Tod noch weitergeht, sondern haben irgendwie erkannt, dass wir nur dieses eine Leben haben. sobald man merkt, meine Zeit ist begrenzt, werden die einzelnen Ereignisse und Erlebnisse wichtiger.

Philipp Hübl, Juniorprofessor für Theoretische Philosophie an der Universität Stuttgart (9.5.2015). (Philipp Hübl)Der Philosoph Philipp Hübl (Philipp Hübl)
Heller: Das klingt alles danach, dass das schon sehr sinnvoll ist, was diese Frau da macht. Trotzdem: Hat Ordnung nicht auch eine Kehrseite?

Hübl: Also man kann bei Menschen grundsätzlich unterscheiden, dass wir zwei ganz allgemeine Neigungen haben – die Neigung zu Stabilität und die andere, die Neigung zu Flexibilität. Das eine heißt, Struktur, Ordnung, Sicherheit, ich möchte bei dem sein, was ich kenne. Und möchte, dass das überschaubar ist und sicher – weil, was geordnet ist, erscheint sicher. Und das zweite ist eine gewisse Flexibilität und Offenheit, Neues zu erkunden. Und jetzt kann man zeigen, dass wer diese Neigung hat zu systematisieren, dazu neigt eher etwas konservativ im Bereich der Moral und der Politik zu sein. Menschen, die sehr stark Ordnung lieben, neigen ein bisschen mehr zu autoritärem Denken auch. Und umgekehrt, Menschen, denen das nicht so wichtig ist, Menschen, die mit Unordnung, Ambivalenz gut umgehen können, die neigen eher zum progressiven, linksliberalen Denken.

Schwierigkeiten damit, moralische Ambivalenz auszuhalten

Heller: Könnte man das noch zuspitzen – dass man alles, was dann nicht in diese Kategorien passt, auch wirklich aussortieren möchte?

Hübl: Ja, man kann sagen: Leute, die gerne sehr viel ordnen, können auch nicht so gut damit umgehen, dass es Zwischenformen gibt, z.B. zwischen Mann und Frau. Oder dass es moralische Ambivalenz gibt, dass Dinge nicht so gut entscheidbar sind. Neigen auch ein bisschen dazu zu sagen: Grenzen sind wichtig. Staatsgrenzen oder die Grenzen des eigenen Vorgartens.

Heller: Also, die Leute, die sich jetzt weltweit als Aufräum-Fans outen, sehnen sich heimlich alle nach einer starken Führungs-Figur, die – eben – mal ´so richtig aufräumt`?

Hübl: Also ich glaube, der Sprung von: zuhause Ordnung schaffen und sich von Unfug befreien hin zu einem autoritären Staatschef, der sagt: Ich sorge für Ordnung, ist ein bisschen zu groß. Es gibt auch viele Menschen, die sehr stark Ordnung halten und überhaupt nicht für Autoritäten anfällig sind. Das beste Beispiel in meinen Augen sind eigentlich Wissenschaftler. Wissenschaft ist das Geschäft, das damit zu tun hat, die Welt in Kategorien zu packen und neue Kategorien zu finden. Heißt nicht, dass sie deshalb für konservatives Denken anfällig sind, aber natürlich ist eine gewisse Neigung da.

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